Bayern 2 - Notizbuch


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Kampf der Prostitution Stuttgart weist das Gewerbe in die Schranken

Stuttgart hat ein Problem mit der Prostitution. Es gibt etwa 160 Wohnungen und Bordelle, in denen Prostituierte arbeiten. Täglich prostituieren sich nach Angaben der Polizei 500 bis 600 Menschen. Aber die Stadt hat ein Netz aus Hilfsangeboten gesponnen - und das seit rund 20 Jahren.

Stand: 23.02.2016

Prostitution gilt als das älteste Gewerbe der Welt. Man könne es nicht verbieten, da es sonst unkontrollierbar im Untergrund weiter existieren würde - heißt es. Aber Stuttgart hat der Prostitution seit vielen Jahren den Kampf angesagt: Freier werden dort belangt und öffentlich angeprangert, Bordelle geschlossen und Prostituierten der Weg aus dem Gewerbe ermöglicht.

"Wir wollen die Prostitution nicht abschaffen, aber zurückdrängen - vor allem die negativsten Auswüchse, die unser ältestes Stadtquartier, das Leonhardsviertel, absolut dominieren. Armutsprostitution und Minderjährigenprostitution können wir reduzieren. Wir haben ein Konzept aufgestellt, in dem die Stadtverwaltung eng mit Zivilgruppen und der Polizei zusammenarbeitet."

Fritz Kuhn, Stuttgarter Oberbürgermeister

Hilfe-Netz mit Ausstiegshilfen für Prostituierte

Anders als an anderen Orten, gibt es in Stuttgart ein Hilfe-Netz für Ausstiegswillige, das darauf vorbereitet ist, dass die meisten Frauen keinerlei berufliche Alternativen haben und erst einmal mühsam qualifiziert werden müssen. Im Zentrum des Hilfe-Netzes ist das Café "La Strada", Beratungs- und Anlaufstelle für weibliche Prostituierte mitten im Rotlichtviertel in der Altstadt. Hier erhalten Prostituierte neben wichtigen Informationen warmes Essen, einmal pro Woche kommt eine Ärztin - alles kostenlos. Die gratis Behandlung ist besonders wichtig, denn keine der Prostituierten ist krankenversichert. Die Streetworkerinnen vom "La Strada" sind auf Übersetzungsdienste der Prostituierten angewiesen - denn fast keine Prostituierte spricht mehr als zwei Brocken Deutsch. Die meisten stammen aus Rumänien, einige aus Bulgarien oder Ungarn. Deutsche Prostituierte machen nach Angaben der Stadt nur noch zehn Prozent aus.

Stuttgarter Maßnahmen gegen Prostitution

30 Frauen haben die beiden festangestellten Sozialarbeiterinnen und ihre Helferinnen - letztes Jahr beim Ausstieg begleitet. Das ist eine Menge - verglichen mit Projekten andernorts. Vier Etablissements konnte die Stadt in den letzten Jahren schließen, gegen fünf weitere ging sie vor, weil sie baurechtlich nicht zum Zwecke der Prostitution genutzt werden dürften. Die Bordell-Betreiber klagen dagegen auf Bestandsschutz und beschreiten den Rechtsweg. Wo immer die Stadt ein Vorkaufsrecht hat, nimmt sie es wahr und kauft Gebäude mit Prostitutionsbetrieb zurück.

Freiern drohen hohe Bußgelder

Vorbild Schweden

Großes Vorbild für den rigiden Weg der Landeshauptstadt Baden-Württembergs ist Schweden, wo die Prostitution seit 1999 verboten ist und Freier mit drakonischen Strafen zu rechnen haben.

Das ganze innerstädtische Rotlichtviertel ist in Stuttgart Sperrbezirk, das heißt, Freier und Prostituierte dürfen auf der Straße keinen Kontakt miteinander aufnehmen. Bei Verstößen gibt es erst mal einen schriftlichen Platzverweis für einige Wochen, bei Zuwiderhandlung wird es besonders für die Freier teuer: Es droht ein Bußgeld von bis zu 400 Euro. Die Frauen dagegen verwarnt die Polizei zunächst und über ihre Rechte und Pflichten belehrt. Gerne auch auf der Polizeidienststelle - außerhalb der Reichweite ihrer Zuhälter. Dort erfahren sie auch von der Beratungsmöglichkeit des Gesundheitsamts oder dem Jobcenter. Wird eine Frau mehrfach auf der Straße erwischt kann sie ihre Strafe in gemeinnützige Arbeit umwandeln - die sie dann wiederum in einer Beratungsstelle für Prostituierte ableisten kann. Die 27-jährige Diana mit rumänischen Wurzeln hat den Ausstieg aus der Prostitution geschafft, ihre Arbeitsperspektiven sind nicht schlecht, denn sie ist sehr offen und motiviert. Aber ihr Lebensgefühl wird nie wieder das alte sein - wie vor ihrer Zeit als Prostituierte.

"Die Männer gehen mit dir um wie mit einer Sache. Man fühlt sich sowas von dreckig, ausgenutzt. Es ist so, als würde man fünf oder sechs Mal am Tag vergewaltigt werden. Verlangen ist da keines mehr - das ist gestorben"

Diana, Ex-Prostituierte, Stuttgart


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Gabriele, Mittwoch, 24.Februar, 09:41 Uhr

3. Älteste dokumentierte Vergewaltigung - weder Gewerbe, noch Liebe

Damit eine Frau Sex als Dienstleistung ansehen kann, muss sie dafür einen erniedrigten Blickwinkel entwickelt haben, der ihr aber nicht in die Wiege gelegt wurde. Da ist schon viel Vorarbeit in der frühesten Kindheit geleistet worden. Sei es in Form von männlichen Übergriffen jeglicher Art, Zustimmung der Verwandten die dabei weg sahen, einschlägigem sexuellem Bildmaterial, Pornographie. Pornographie zeigt wiederum eine Vergewaltigung einer Frau, die bereits ihre sexuellen durch patriarchalen Prägungen frühest erlebte Reduzierung auf ihren Körper re-inszeniert. Wer sich von Pornographie antörnen lässt, hat bereits in seinem Gehirn Gewalt mit Sexualität verknüpft und ist sadistisch veranlagt. Nicht umsonst nennt man Deutschland die Vergewaltigungskultur. Nirgends werden härtere Pornos gedreht, ist die Prostitution sogar legalisiert, haben selbst Gerichtsvollzieher, Beamte und Jugendämter Zugriff auf "Frischfleisch" und beliefern das Milieu. Zeit für einen Kulturwandel !

Dr. Klaus Rederer, Dienstag, 23.Februar, 14:25 Uhr

2. Es ist schlicht weg ein Skandal ...

... wie hier weggesehen und billigend in Kauf genommen wird, wie zigtausende Frauen in unserem Land unwürdig dahinvegetieren, missbraucht und verkauft werden.
Wer hindert unsere Gesetzgeber, das Mindestalter für Prostitution auf 21 anzuheben, warum sind keine monatlichen medizinischen Untersuchungen zum Schutz der Frauen Pflicht? Warum gibt es keine regelmäßigen Kontrollen durch die Gewerbeaufsicht? Warum werden die Brüder, Väter und Cousins, die als Zuhälter eine besonders üble Rolle spielen, nicht angezeigt und strafrechtlich verfolgt?
Kann es sein, dass den ökosozialen Gutmenschen das Thema einfach eklig und die Bedingungen der Hühnerhaltung wichtiger ist, als die Behandlung von Nutten, oder dass die Millionen Normalmänner, die regelmäßig ins Bordell gehen, von ihren Politikern erwarten, dass sie die Versorgung mit billigem Fickfleisch nicht unnötig behindern? Oder sind es einfach nicht unsere Töchter, die da zugrunde gerichtet und nach Gebrauch in Südosteuropa entsorgt werden?

Schorschi, Dienstag, 23.Februar, 09:27 Uhr

1. Jämmerliche Doppelmoral

Da versuchen einige wieder "larger than life" zu sein und setzen sich - ganz der Tradition der Gutmenschen folgend - über Jahrtausende an Menschheitsgeschichte hinweg.

Prostituion per se ist kein Problem. Und sie ist auch kein "Problem" der Männer.
Es gab und gibt immer schon Frauen und Männer, die Sex gegen Geld tauschten und dies auch aus voller Überzeugung tun.
Und es gibt auch heute bei uns Prostitution in allen möglichen Spielarten, die bis in so manche streng christliche Ehe hineinreichen.

Die alten Phönizier konnten offener über das Thema reden, als wir heute trotz aller Aufklärung und Kulturgeschichte.
Die Gutmenschen und Dauerbetroffenen erweisen der Gesellschaft auch hier mit ihrem ewigen moralinverseuchten Gezeter einen Bärendienst.

Wenn man das Drogenmilieu trockenlegen will - fein.
Aber das ist eine andere Baustelle: Drogen eben

Das gleiche gilt für Kinderprostitution und Menschenhandel: auch hier muß man korrigieren.

  • Antwort von thekla, Mittwoch, 24.Februar, 12:53 Uhr

    Eben weil es dieses Gewerbe schon immer gab Heisst das nicht das es deshalb gut ist . im Gegenteil, ich finde es schlimm das es dieses Gewerbe immer noch gibt. Es gab auch schon immer Krieg. Ist es deshalb ok? In einem Land, in dem Gleichberechtigung herrschen sollte, sollte es dieses Gewerbe nicht geben. Und aus zahlreichen Studien kannst du entnehmen, dass auch diejenigen, die sich vermeintlich freiwillig anbieten, in irgendeiner Form es doch nicht freiwillig machen. Und du als Mann solltest soviel Mann sein und nicht dafür bezahlen. Ich finde, dass man einen Körper nicht kaufen sollte. Du zerstört doch die Seele dieser Menschen. Du solltest dich immer fragen, ob du willst das deine Tochter dieses Gewerbe betreibt. Wenn du das mit nein beantwortest, dann Frage ich dich Warum es dann ok ist wenn es andere anbieten?

  • Antwort von Klaus Benz, Mittwoch, 24.Februar, 23:44 Uhr

    Lieber Schorschi,

    Gratulation zu Deinem gefestigten Weltbild: Was immer schon so war, kann doch nicht falsch sein. Und warum auch mit dem eigenen Kommentar warten, bis man die Sendung gehört hat und weiß, worum es überhaupt geht. Zentrales Thema war nämlich die Situation von Frauen aus Südosteuropa, die in deutschen Bordellen arbeiten, und die man getrost als Menschenhandel bezeichnen kann.

    Als einer der von Dir so titulierten Gutmenschen, der die Folgen seines Handelns nicht komplett ausblendet und sich gelegentlich auch mal in andere Menschen einzufühlen versucht, frage ich mich, wie es Dir damit ginge, wenn Du – mangels anderer Optionen – gezwungen wärst, Deine Hinterseite zehnmal am Tag anderen Männern darzureichen, die mal eben ihr Geld (von dem Du selbst so gut wie nichts siehst) für Sex tauschen. Und als Gutmensch sage ich: So etwas wünsche ich Dir nicht.

    Und betroffen bin ich auch: Über die in der Sendung geschilderten Zustände genauso wie über Deinen Kommentar.