Bayern 2 - Notizbuch


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Plastik im Boden Wenn das Feld zur Mülldeponie wird

Nordseekrabben, Eisverpackungen, Radkappen, Windeln, Energy-Drinks - der Müll, den man in der Natur findet, regt zum Nachdenken an. Wo kommt er her, wo geht er hin, kann er gefährlich werden?

Von: Ursula Klement

Stand: 24.03.2016

Geht man davon aus, dass ein Prozent des Kunststoffmülls, der jedes Jahr in Deutschland anfällt, in der Landschaft landet, kommt man auf 50.000 Tonnen. Und allein der Reifenabrieb der Autos, der von den Straßen in die Landschaft geweht wird, soll Schätzungen zufolge bei 10.000 Tonnen liegen. Doch das ist nur eine bedeutende von unzähligen weiteren Quellen.

Plastik auf dem Acker - viel ist hausgemacht

Den Plastikkaffeebecher hat jemand vom Auto aus auf den Acker geworfen, und die Leitplanke, nach einem Unfall in Einzelteilen verstreut, hat der Lohnunternehmer bei der Maisernte einfach mitgehäckselt. Wer anfängt zu überlegen, wie große und kleine Kunststoffteile in Wald und Flur gelangen können, kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Klar ist: Plastik auf dem Acker ist ein Umweltproblem, und viel ist hausgemacht.

Sogar legal

Die Düngemittelverordnung bestimmt: Komposte, Klärschlammdünger und Biogasrückstände dürfen nicht mehr als 0,5 Prozent (unvermeidbare) Kunststoffteile enthalten, die größer sind als zwei Millimeter. Das heißt, die Bauern können mit den sogenannten Sekundärrohstoffdüngern, die auch Vorzüge haben, alle drei Jahre ganz legal bis zu 100 Kilogramm Kunststoff pro Hektar aufs Feld bringen.

Wie leicht werden zum Beispiel Fetzen von Mulchfolien untergepflügt? Oder Absplitterungen des Kunststoffspaltenbodens im Mastschweinestall, die dann mit der Gülle auf dem Feld verspritzt werden. Oder Reste von Bewässerungsschläuchen, die - mit der Bodenfräse zerkleinert - in den Boden eingebracht werden. Ausschließen lässt sich auch nicht, dass Kunststoffteile mit dem Gärrückstand aus einer Biogasanlage auf die Felder gelangen. Oder Kompost. An sich ist Kompost ein wertvoller Dünger. Er schließt den Nährstoffkreislauf und steigert den Humusgehalt im Boden. Andererseits können sich im Kompost aber auch unerwünschte Stoffe verbergen, die dann den Boden belasten.

Kunststoffe im Boden bauen sich sehr langsam ab

In Deutschland gibt es über 200 Kunststoff-Sorten

Mengenmäßig am bedeutsamsten sind Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP). Beide bestehen aus Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen, doch je nach Nutzung enthalten sie Zusatzstoffe, damit sie unter anderem fester, weicher, UV-beständiger oder farbig werden. Es folgen Polystyrol und Polyethylenterephthalat (PET), außerdem noch PVC.

Aktuell sind offenbar keine Untersuchungen bekannt, die sich detailliert mit dem Verhalten von Kunststoffen in Böden befassen. Man weiß aber, dass sich Materialien in Abhängigkeit der Bodentiefe, in der sie liegen, dort sehr langsam abbauen, denn mit zunehmender Bodentiefe wird auch der Sauerstoffgehalt entsprechend niedriger und damit nimmt auch die mikrobielle Aktivität ab. Außerdem ist Boden nicht gleich Boden. Je nachdem, ob er luftig oder dicht, sauer oder alkalisch ist, verläuft auch der Abbau der Kunststoffe unterschiedlich.

Können Pflanzen Kunststoff-Moleküle aufnehmen?

Was Kunststoffe im Boden anrichten, ist bislang weniger sichtbar

Getränkedosen, Schraubdeckel und Pizzakartons sind innen unter Umständen mit Bisphenol A beschichtet; der Stoff befindet sich auch auf Kassenzetteln und ist Baustein für Scheinwerfergläser und CDs. Er wirkt ähnlich wie Östrogen, und es gibt Hinweise darauf, dass er zum Beispiel den Hormonhaushalt von Wasserschnecken, Ratten und Menschen beeinflusst.

Irgendwann sind zum Beispiel die Plastiktüten so weit zerbröselt, dass man die Teile auch mit dem Auge nicht mehr erkennen dann. Kann es sein, dass Pflanzen über ihre Wurzeln ganz winzige Kunststoff-Moleküle aufnehmen können? Wahrscheinlich nicht, sagen die Experten, verweisen aber darauf, dass es dazu bislang noch keine Untersuchungen gibt. Auch eine gesundheitliche Risiko-Bewertung für Mikroplastik im Essen ist derzeit noch nicht möglich, sagt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Dazu bräuchte man zunächst allgemein anerkannte Untersuchungsmethoden:

  1. Wie viel Kunststoff steckt zum Beispiel im Mehl, im Bier, im Honig.
  2. Eine genaue Definition: Was zählt alles zum Mikroplastik?
  3. Forschung: Inwieweit nimmt der menschliche Organismus die Kunststoffteile auf, wo werden sie angereichert?

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