Bayern 2 - Notizbuch


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Legasthenie Wenn das Hirn die Buchstaben verwechselt

Immer wieder werden neue Studien zur Lese- und Rechtschreibschwäche veröffentlicht. Doch noch immer wissen die Forscher nicht, warum manche Menschen ein Leben lang mit dem Lesen und Schreiben zu kämpfen haben.

Stand: 25.03.2016

Auch wenn es noch vieles zu enträtseln gilt und es viele verschiedene Forschungsansätze gibt, sind sich die Forscher in Folgendem einig: die Lese- und Rechtschreibschwäche kann nicht mit einer verzögerten Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, zu denen Erinnern, die Aufmerksamkeit, das Urteilen oder auch das Denken zählen, erklärt werden. Die Legasthenie hat auch nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Sie kommt in allen Bevölkerungsschichten vor und sie hat eine genetische Ursache. Das bedeutet, dass der Betroffene sein Leben lang damit leben muss. Derzeit unterscheiden Forscher weltweit, drei Ausprägungen der Legasthenie.

Drei Ausprägungen der Legasthenie

  • eine kombinierte Lese-Rechtschreibstörung
  • eine isolierte Lesestörung
  • eine isolierte Rechtschreibstörung

Wenn das "L" beim Löwen schwächelt

Schwierigkeiten in der Schule

Nachgewiesen wurde ein enger Zusammenhang von Legasthenie und Sprachentwicklung. Meist haben Kinder, bei denen später Legasthenie diagnostiziert wird, schon im Kindergarten Probleme damit zu reimen oder Silben zu unterscheiden. Sie können Anlaute wie das "L" von Löwe nur schwer erkennen oder sie können Vokale kaum unterscheiden. Ihnen fehlt das sogenannte phonologische Bewusstsein - also die Fähigkeit Laute korrekt wahrzunehmen und wiederzuerkennen.

Phonologisches Gedächtnis

So wird die Fähigkeit der Kinder genannt, einzelne Laute zu unterscheiden und darüber hinaus dieses Lautwissen aktiv zu nutzen. Also Laute zu einem Wort zu verbinden und dieses phonologische Wissen aus dem Gedächtnis heraus zu aktivieren.

Etwa zwei Drittel der Kinder, die eine Lese-Rechtschreibstörung entwickeln, können bereits im Vorschulalter oder zum Zeitpunkt der Einschulung anhand von Schwächen des phonologischen Bewusstseins erkannt werden. Doch noch immer sind die Forscher über die Erfolge der bisher vorliegenden Therapiemethoden enttäuscht. Es wird immer deutlicher, dass Betroffene nur dann wirksam behandelt werden können, wenn die biologischen Ursachen für Legasthenie herausgefunden werden.

"Das Ziel ist herauszukriegen, was die genaue biologische Ursache für die Legasthenie ist. Weil ich, wenn ich verstehe, was die genetische Ursache ist, daraus dann mein Wissen weiter entwickle und verstehe, was im Gehirn abläuft, dann habe ich die besten Voraussetzungen, um mit diesem Wissen die optimale Betreuung und Therapie von Kindern mit Legasthenie zu entwickeln."

Prof. Tiemo Grimm, Humangenetiker Universität Würzburg

Beispiele berühmter Persönlichkeiten mit Legasthenie

Ursachen im Gehirn

Kulturelle Unterschiede

Legasthenie ist je nach Kultur in unterschiedlichen Hirnregionen angesiedelt. Bei Chinesen, die Schriftzeichen lesen, liegen die Probleme in anderen Gehirnarealen als bei Menschen, die mit alphabetischen Sprachen arbeiten. Hier muss das Gehirn lediglich die Buchstaben der Wörter mit Lauten verknüpfen. Im Chinesischen kommt die Erkennung der komplexen Schriftzeichen hinzu.

So wurde mithilfe von Kernspin-Analysen und Magnetresonanztomografien nachgewiesen, dass manche Prozesse im Gehirn von Legasthenikern anders ablaufen als bei Menschen, die normal lesen und schreiben können. Es gibt strukturelle Unterschiede in verschiedenen Hirnzonen. Was die Ursachen für diese Unterschiede sind, konnte bisher nicht herausgefunden werden, doch gerade das wäre die Voraussetzung für eine bessere Behandlung, davon sind die Forscher überzeugt. Nur wenn sie die biologischen und genetischen Ursachen entschlüsseln, können sie angemessene und wirksame Therapien entwickeln.

Neuronen auf Abwegen

Mädchen lesen meist gern und viel.

Eine Theorie ist, dass die Veränderungen im Gehirn durch eine gestörte Wanderung der Neuronen verursacht wird. Und das ist wiederum eine Folge von Genveränderungen, die sich schon im embryonalen Zustand auswirken. Diese veränderten Gene, die sogenannten Kandidatengene, stehen im Verdacht, Krankheiten auslösen zu können. Die Gene, die für Legasthenie verantwortlich zu sein scheinen, haben alle eine Bedeutung in der frühen Hirnentwicklung. Dass sie aber tatsächlich die Ursache für eine Lese- und Rechtschreibstörung sind, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Veränderte Gene und ihre Wirkung

Bisher hat sich bestätigt, dass sich auf dem Chromosom 6  Kandidatengene befinden, die darauf einwirken, wie jemand Schreiben und Lesen lernt. Allerdings wissen die Forscher noch nicht, auf was sie genau einwirken, ob auf die Phonologie, die Orthografie, das Gedächtnis oder die Sprache. Auch auf den Chromosomen 2, 3 und 15 hat man solche Kandidatengene entdeckt. All diese Gene haben gemeinsam, dass sie in der frühen Hirnentwicklung aktiv sind und dass sie alle darauf einwirken, wie sich das neuronale Netz im Gehirn entwickelt.

Es gibt nicht "die" Legasthenie

Buchstaben, die "Legastänie" schreiben

Die Forscher müssen nun zeigen, dass diese veränderten Gene tatsächlich das Lesen und Schreiben beeinflussen. Denn, so betont Gerd Schulte-Körne, Legasthenie-Forscher und Direktor der Münchner Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, "das Problem ist dabei, dass der Beitrag eines einzelnen Gens zur Erklärung so einer komplexen Fähigkeit wie Lesen und Schreiben verschwindend gering ist." Das bedeutet, die Forscher müssen mehr solcher Genorte finden, um sich den Ursachen der Legasthenie zu nähern. Bisher sind über zehn verschiedene Genorte bekannt. Doch da es nicht "den" Legastheniker gibt, sondern jede einzelne Lese- und Schreibschwäche sehr unterschiedliche genetische Ursachen haben kann, ist die Suche äußerst mühsam. Hinzu kommt, dass noch nicht geklärt ist, wie Legasthenie überhaupt vererbt wird.

Weltweite Suche

Legasthenie ist ein weltweites Phänomen und so suchen auch weltweit Forscher nach den "schuldigen" Genen bei Menschen, die an Legasthenie leiden und vergleichen sie mit einer großen Bevölkerungsgruppe, die nicht darunter leidet. Dabei entdecken sie in einzelnen Genregionen Abweichungen, die sogenannten Snips. Viele dieser Einzelinformationen wurden schon zusammengetragen. Doch damit daraus valide Erkenntnisse herausgefiltert werden können, sind große genomische Analysen vonnöten. Und die Ergebnisse müssen, damit sie wirklich aussagekräftig sind, wiederholbar sein.

  • "Wenn das Hirn die Buchstaben verwechselt!" Neues aus der Legasthenieforschung: 12.01.2012, IQ-Wissenschaft und Forschung, 18.05 Uhr, Bayern 2

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