Bayern 2 - Notizbuch


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Kraut des Monats Der Schachtelhalm

Der Acker-Schachtelhalm ist ein lebendes Fossil. Schon vor 300 Millionen von Jahren bildeten riesige Schachtelhalme zusammen mit Baumfarnen und Bärlappgewächsen gigantische Wälder. Die Überreste dieser Wälder wurden im Laufe der Zeit zu Steinkohle. Zwar sind unsere heutigen Schachtelhalme, die unter anderem auf Feldern, an Gräben und Böschungen wachsen, wesentlich kleiner. Das Grundprinzip dieser Pflanzen aber blieb erhalten.

Von: Birgit Kraft

Stand: 06.11.2014

Der Schachtelhalm (Equisetum): Kraut des Monats | Bild: colourbox.com

Bis zu dreißig Meter hoch waren die urzeitlichen Riesenschachtelhalme. Von dieser Wuchsleistung sind unsere heutigen Schachtelhalmarten weit entfernt. Während es der heimische Riesen-Schachtelhalm immerhin noch auf zwei Meter bringt, bewegen sich die anderen Schachtelhalme meist unterhalb der 50-Zentimeter-Marke.

"Er ist deswegen so mickrig, weil das Konstruktionsprinzip für Bäume, die der Schachtelhalm entwickelt hat, sehr umständlich war und nicht geeignet, um zu überleben. Und so hat sich der Schachtelhalm nur in seiner sehr bescheidenen Form als Kraut so lange über die Erdgeschichte erhalten können."

Prof. Andreas Bresinsky, Botaniker

Der Schachtelhalm - Vorbild für die Technik

Bionik

Ein Schachtelhalmstängel ist dünnwandig, doch gleichzeitig sehr stabil. Dieses Prinzip 'wenig Material, aber hohe Stabilität' hat den Schachtelhalm zum Vorbild für ein aus Kunststofffäden gesponnenes Rohr gemacht. Der Einsatzbereich des technischen Pflanzenhalms reicht vom Flugzeugbau über die Architektur bis hin zur Medizintechnik.

Dass der Schachtelhalm einmal als Inspirationsquelle für die Forschung dienen würde, war vor ein paar hundert Jahren noch nicht absehbar. Damals wurden die harten Stängel für ganz alltägliche Zwecke genutzt, zumindest die Stängel des Acker-Schachtelhalms, der botanisch Equisetum arvense heißt. Im Volksmund trägt er aber den Namen Zinnkraut, weil man mit ihm wegen seiner Eigenschaft als sanftem Scheuermittel Zinngeschirr gereinigt hat.

Und so vermehrt sich der Schachtelhalm

Schachtelhalm | Bild: BR zum Artikel Vom Ahorn bis zur Zwiebel Der Schachtelhalm

Der Schachtelhalm ist in unserer Pflanzenwelt etwas ganz Besonderes: Er ist über dreihundert Millionen Jahre alt. Entsprechend skurril ist sein Aussehen und ungewöhnlich seine Fortpflanzung. Ein Porträt des "lebenden Fossils". [mehr]

Er bildet zwei Arten von Trieben. Im Frühjahr zeigen sich als erstes die fertilen, also fruchtbaren Triebe. Die geschlechtliche Vermehrung über diese Frühlingstriebe stellt sicher, dass das genetische Material des Schachtelhalms gemischt und erneuert wird. Die Hauptvermehrung erfolgt aber auf ungeschlechtliche Art, durch unfruchtbare Sommertriebe. Für Nachschub an Sommer- und Frühlingstrieben sorgt das weitverzweigte Wurzelwerk, das sich bis fast zwei Meter tief in den Boden arbeitet. Immer wieder kommen neue Schachtelhalme aus den Wurzelstöcken, und an den Knoten der unterirdischen Rhizome bildet der Schachtelhalm überdauerungsfähige Knöllchen, die sich loslösen können und aus denen heraus neue Rhizome wie auch sterile und fertile Triebe gebildet werden können.

Der Schachtelhalm bleibt für immer

Zeigerpflanze

Der Acker-Schachtelhalm gilt als Zeigerpflanze für Bodenverdichtung und Staunässe.

Schon ein paar winzige Wurzelreste, die am Pflug kleben, genügen, um den Schachtelhalm von einem Acker auf den nächsten zu übertragen. Wer ihn einmal hat, der wird ihn nicht mehr los. Diese Anhänglichkeit hat den Acker-Schachtelhalm zum gefürchteten Acker- und Gartenunkraut gemacht. Dass das "Unkraut" aber auch sehr nützlich ist, ist darüber in den Hintergrund geraten.

Der Schachtelhalm in der Heilkunde

Sabine Rosner rät, Schachtelhalmtee unbedingt 20 Minuten kochen zu lassen, damit alle Wirkstoffe aus den Pflanzenteilen herausgelöst werden.

Der Schachtelhalm regt die Nieren an, und es wird ihm eine Stärkung die Abwehrkräfte nachgesagt. Als Presssaft oder Tee gilt Schachtelhalm als heilsam bei Entzündungen der Harnwege. Auch in der Homöopathie ist Equisetum das Mittel der Wahl bei Harnwegserkrankungen. Zinnkrautsalbe und -tinktur wiederum fördern die Wundheilung. Die Signaturlehre, die vom Aussehen einer Pflanze Rückschlüsse auf ihren Anwendungsbereich zieht, kennt für den extrem einfach und klar strukturierten Schachtelhalm ein weiteres Einsatzgebiet.

"Auf der körperlichen Ebene ist der Schachtelhalm etwas, was man für all die Bereiche im Körper, wo man Struktur braucht, einsetzen kann. Die Knochen, die Sehnen, die Bänder, auch die Bandscheiben, aber auch die Zähne. Und zum andern ist der Acker-Schachtelhalm auch eine Pflanze, die Struktur, Ordnungssinn in den Gedanken gibt."

Sabine Rosner, Apothekerin und Heilpraktikerin

Verwechslungsgefahr beim Sammeln

Nur bis Ende Juli sammeln!

Danach lässt sich auf dem Acker-Schachtelhalm oftmals ein Pilz nieder, der Giftstoffe produziert.

Acker-Schachtelhalm-Extrakt steht bei Ausdauersportlern hoch im Kurs. Der Saft soll zwar grauenhaft schmecken, dafür aber Sehnen und Bänder stärken und den Sportler so vor Verletzungen schützen. Beim Selbersammeln von Acker-Schachtelhalm muss man aber aufpassen, dass man ihn nicht mit dem Sumpf-Schachtelhalm verwechselt. Ob der tatsächlich so giftig ist, wie lange Zeit angenommen, ist zwar heute umstritten, aber sicher ist sicher. Gesammelt wird also nur der Acker-Schachtelhalm und davon nur die sterilen Triebe, also die grünen Triebe mit den Seitenästen.

Übrigens kann man den Acker-Schachtelhalm auch essen. Roh im Salat, gekocht als Gemüse oder - ganz trendig - püriert im Wildkräuter-Smoothie. Es könnte allerdings sein, dass die Kieselsäureeinlagerungen beim Kauen ein bisschen zwischen den Zähnen knirschen.


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