Bayern 2 - Notizbuch


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Erwachsene Kinder Wann können Eltern sich wirklich zurücklehnen?

Per Whats App und Facebook nehmen die Eltern unmittelbar am Leben ihrer erwachsenen Kinder teil - werden zu wichtigen Ratgebern bei Herzschmerz, Problemen in Ausbildung oder Job. Und immer haben sie das Gefühl, dass die "Kinder"-Erziehung nie aufhört. Tipps für einen partnerschaftlichen Umgang gibt Bayern 2-Erziehungsexperte Karl Heinz Brisch.

Stand: 02.02.2016

Eltern schimpfen mit erwachsenem Kind | Bild: mauritius-images

Wenn die Kinder erst mal 18 sind, dann nehmen sie ihr Leben selbst in die Hand und die Eltern werden zu freundschaftlichen Beobachtern aus der Ferne. So stellen sich das viele Mütter und Väter vor und träumen davon, dass diese Zeiten bald kommen. Falsch gedacht, denn immer öfter kommt alles ganz anders. Bayern-2-Erziehungsexperte Karl Heinz Brisch hat Ihre Fragen zum Thema beantwortet.

Situation 1: Ein Ehepaar hat zwei Töchter. Die eine ist 19 Jahre alt, die andere 21. Vor kurzem sind beide innerhalb von einem Monat ausgezogen: die eine zum Studium ins Ausland, die andere in eine WG in München. Zuerst hatte das Paar Bedenken, wie es sein würde, nach rund 20 Jahren so plötzlich ganz allein im Haus zu sein. Dann haben sie recht bald festgestellt: Natürlich vermissen sie ihre Kinder, aber insgesamt funktioniert es super.

Experte im Studio: Karl Heinz Brisch

Karl Heinz Brisch, Jahrgang 1955, ist Kinder- und Jugendlichenpsychiater und Psychotherapeut. Er ist leitender Oberarzt der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Uni München. Sein Forschungsschwerpunkt ist die frühe Eltern-Kind-Bindung. Hierzu hat er unter anderem das Elternprogramm "Safe: Sichere Ausbildung für Eltern" entwickelt, das sich an werdende Eltern richtet und zur Förderung einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kinder dienen soll.

Erziehungsexperte Karl Heinz Brisch: Das hört sich gut an. Viele Eltern können sicher nachvollziehen, was für ein komisches Gefühl es sein muss, wenn nach gut 20 Jahern plötzlich beide Töchtern in kurzer Zeit ausziehen und dann das Haus leer ist. Wenn man durch die Wohnung läuft, und die Kinder sind nicht da. Auch die Kinderzimmer sind leer. Die Kinder kommen nicht am Abend heim, sondern sie kommen nur noch selten nach Hause. Das ist ein Prozess des Abschiednehmens und des Trauerns.

Aber es eröffnet dann natürlich auch neue Möglichkeiten für die Eltern, als Paar wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen und neue Sachen auszuprobieren. Man muss keine Rücksicht mehr nehmen und kann seine eigenen Pläne machen.

Situation 2: Das Kind eines Ehepaars möchte nicht von zuhause ausziehen.

Kontakt:

Karl Heinz Brisch
Klinikum der Universität München
Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital
Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie
Pettenkoferstr. 8a
80336 München
Tel. 089 / 44 00 53 709

Erziehungsexperte Karl Heinz Brisch: Das ist ein Problem. Normalerweise würden Jugendliche irgendwann sagen: Ich möchte meine eigenen vier Wände. Keiner soll mehr sehen, wann ich komme, gehe und mit welchen Freunden ich unterwegs bin. Das sind jetzt meine Bereiche. Also muss man sich fragen: Warum wollen sie nicht ausziehen? Das ist oft nicht nur damit zu erklären, dass die Eltern die Wäsche machen und einkaufen, und auch die kostenlose Unterkunft bei den Eltern ist kein alleiniger Grund. Das sind natürlich angenehme Seiten. Aber der normale Weg ist es, eine eigene Welt zu haben, nicht mehr so eng mit den Eltern verbunden zu sein.

Die Frage ist: Warum haben Kinder Angst vor diesen Schritten? Vielleicht sieht man dann, dass es auch mit den eigenen Ängsten von früher zu tun hat. Dass sich die Ängste der Eltern auf das Kind übertragen und sich die Angst dann auf beiden Seiten hochschaukelt. Dann haben beide Seiten das Gefühl: Wir können gar nicht auseinandergehen, sonst geht es uns beiden schlecht. Dann brauchen beide Seiten Hilfestellung.

Situation 3: Ein Ehepaar hat drei Söhne: 26, 22 und 14 Jahre alt. Die beiden älteren sind bereits ausgezogen. Die Mutter möchte die Zimmer ihrer Söhne noch lange bestehen lassen, weil sie selber nach ihrem Auszug eines Tages aus dem Ausland zurückkam und ihre Eltern ihr altes Kinderzimmer hinter ihrem Rücken aufgelöst haben, was sie unheimlich traurig machte.

Erziehungsexperte Karl Heinz Brisch: Spannend ist vor allem ihr Gefühl, als sie in die weite Welt ging und dann nach Hause kam und ihr Kinderzimmer erwartete. Wenn ihre Eltern das hinter ihrem Rücken aufgelöst hatten, dann ist das natürlich ziemlich schmerzlich. Besser wäre ein Prozess, in dem die Kinder irgendwann sagen: Ich glaube, ich gebe mein Zimmer jetzt auf und ich werde ein paar Kartons packen mit Dingen aus meiner Kindheit, die mir noch wichtig sind, die ich aufheben will. Und dann ist meine Kindheit vorbei, auch wenn es vielleicht wehtut. Damit gebe ich mein Zimmer frei und die Eltern können es anderweitig nutzen.

Allgemein ist der Abschied von der eigenen Kindheit ein Trauerprozess. Es wäre schön, wenn die Kinder das selber - gerne begleitet durch die Eltern - regeln, ohne dass die Eltern eines Tages sagen müssen: So, die Kindheit ist jetzt zuende und wir lösen das Zimmer auf. Damit eben nicht die 'Kinder' eines Tages nach Hause kommen und erschrocken, schockiert oder traurig sind, dass ihr Kinderzimmer auf einmal nicht mehr existiert.


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