Bayern 2 - Notizbuch


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Glücklich leben Der Stoff, aus dem das Glück ist

Manche Menschen scheinen alles zu haben und doch sind sie unglücklich. Sie haben Geld, sind gesund, haben eine funktionierende Ehe und doch passt ihnen etwas in ihrem Leben nicht. Warum? Was macht uns wirklich glücklich? Und kann man Glück nur haben oder kann man es auch herbeirufen?

Von: Regina Kirschner

Stand: 07.01.2016

Deutschland rangiert auf der internationalen Glückstabelle nur im Mittelfeld – und das, obwohl es eines der reichsten und sichersten Länder der Erde ist. Was also ist der Stoff, aus dem das Glück besteht?

Der Ökonom Karlheinz Ruckriegel von der Technischen Hochschule Nürnberg beschäftigt sich wissenschaftlich mit genau dieser Frage. Er ist Glücksforscher. Für ihn steht fest, dass jeder Mensch sein Glücksempfinden auch selbst – zumindest in einem gewissen Maß – steuern kann. In der interdisziplinären Glücksforschung geht es unter anderem um die Frage: Wie viel Zeit stecke ich in meinen Job, damit ich mit dem, was dabei herauskommt zufrieden bin? Fest steht laut Ökonom Ruckriegel: Nicht das Einkommen allein macht uns glücklich. Das ist nur Mittel zum Zweck. Es geht also im Kern darum mit sich selbst auszumachen, wie viel Zeit ich darauf verwende, Materielles zu erwirtschaften – ohne mich dabei nur darauf zu konzentrieren.

Wie werde ich glücklich?

"Es geht um die Frage, wie man einen bestimmten Input so nutzt, damit der Output eher groß wird. Input ist dabei die Zeit, die wir haben (also 24 Stunden) und der Output ist ein möglichst zufriedenes Leben - nicht das Materielle."

Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel

Eine Glücks-Definition:

In der interdisziplinären Glücksforschung geht es nicht um das Zufallsglück, also die Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns, sondern um das Glücklich sein. Die Wissenschaftler nennen dabei zwei wichtige Aspekte: das emotionale und das kognitive Wohlbefinden. Beim emotionalen Wohlbefinden geht es darum, wie wir uns fühlen. Das Verhältnis von positiven zu negativen Gefühlen sollte dabei im Tagesdurchschnitt 3:1 sein. Beim kognitiven Wohlbefinden geht es um die Bewertung des eigenen Lebens mit Blick auf seine Ziele, Wünsche und Erwartungen.

Wer glücklich ist, sieht einen Sinn in seinem Leben

"Wenn ich mir also unrealistische, zu hohe Ziele setze und daran festhalte, ist die Frustration vorprogrammiert."

Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel

Sechs Glücksfaktoren

Beziehungen

Gelingende, soziale Beziehungen und ein gutes Verhältnis zu anderen Menschen sind sehr wichtig für ein glückliches Leben. Für alle Menschen sollte daher die goldene Regel gelten: Behandle andere Menschen nur so, wie du selbst behandelt werden willst, empfiehlt der Ökonom Ruckriegel.

Gesundheit

Auch psychische und physische Gesundheit sind natürlich ausschlaggebend für Glück. Menschen, die an Depressionen leiden, bleibt dauerhaftes Glück meist verwehrt.

Engagement

Jeder Mensch sollte etwas mit Engagement tun und dahinter stehen, empfehlen die Wissenschaftler. Ob das Engagement im Beruf stattfindet oder ehrenamtlich ist dabei unwichtig.

Freiheit

Persönliche Freiheit ist für alle Menschen bedeutend. Wir wollen schließlich das Gefühl haben, dass wir einen gewissen Einfluss auf das haben, was mit uns in unserem Leben passiert.

Haltung

Wir können an uns und unserem Glück arbeiten. Jeder Mensch sollte eine bestimmte Dankbarkeit entwickeln und damit seine positiven Gefühle stärken.

Geld

Jeder Mensch braucht eine gewisse finanzielle Sicherheit. Seine materiellen Grundbedürfnisse müssen gedeckt sein. Was finanzielle Sicherheit für einen selbst bedeutet, ist aber eine Frage der ganz persönlichen Sichtweise.

Geld allein macht nicht glücklich

Der Nürnberger Ökonom und Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel ist sogar davon überzeugt, dass es unglücklich machen kann, wohlhabend zu sein. Man braucht seiner Meinung nach zwar ein gewisses Maß an materiellen Gütern, aber darüber hinaus ist es nicht mehr zuträglich. Denn dann passen wir auch unsere Ansprüche nach oben an. "Dann ist mehr genauso viel wie weniger vorher", erklärt Ruckriegel. Wir denken dann also, dass wir auch tatsächlich mehr brauchen. Und wir neigen dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Der Wirtschaftswissenschaftler Ruckriegel warnt daher: "Sie können dann noch so viel haben, wenn Sie nicht aufhören, sich mit anderen zu vergleichen, sind Sie immer unzufrieden. Denn es wird immer jemanden geben, der noch mehr hat."

Neid macht unglücklich

Agnes Schuster und Joachim Klöckner behaupten beide von sich glücklich zu sein. Beide haben ihr Leben irgendwann komplett umgekrempelt. Die Sozialpädagogin und Inhaberin einer Buchhandlung hat sich entschieden, Mitbegründerin einer ökosozialen, generationengerechten Lebensgemeinschaft namens Tempelhof, zu werden. Seitdem ist ihr Alltag auf die Gemeinschaft ausgerichtet. Das erfüllt sie und macht sie glücklich. Der Rentner Joachim Klöckner war früher Maschinenbauer und Energieberater. Heute ist er Minimalismus-Coach, und sein ganzes Hab und Gut passt in einen Rucksack. Er hat nicht mehr das Bedürfnis, unbedingt etwas besitzen zu wollen. Diese persönliche Freiheit macht ihn glücklich.

Jeder kann daran arbeiten, glücklicher zu werden

Wichtig ist die innere Haltung. Hier kann jeder Einzelne selbst ansetzen und etwas tun. Neue Ansätze der Psychologie gehen davon aus, dass man seine Denkgewohnheiten auch verändern kann, zum Beispiel was die Dankbarkeit anbelangt. Wir nehmen oft das Negative sehr genau wahr, während das Positive schnell in Vergessenheit gerät. Die Folge ist eine verzerrte Sichtweise über das reale Leben. An dieser Haltung kann aber Jeder arbeiten. Also guter Vorsatz: Öfter mal positiv denken!

Tipp für ein größeres Glücksempfinden:

Wer sich damit schwer tut, sollte etwa drei Monate lang ein Dankbarkeitstagebuch führen. Darin schreibt man zwei bis dreimal die Woche auf, wofür man dankbar ist. Das können auch kleine Dinge sein, wie ein schöner Sonnenaufgang oder eine nette Geste eines Arbeitskollegen.

Positiv denken - auch in schwierigen Zeiten

Und wenn dann doch mal etwas im Leben nicht so gut läuft, helfen die Erinnerungen an viele positive Erlebnisse,  die schwierigen Phasen besser zu verkraften. Wir können dann mit Problemen besser umgehen.

"Eine glückliche Person erfreut sich leicht positiver Gefühle und sieht einen Sinn im Leben, verfolgt also sinnvolle Lebensziele."

Karlheinz Ruckriegel

Podiumsdiskussion: Der Stoff, aus dem das Glück ist

Das Notizbuch Freitagsforum hat drei Gäste in den Weltsalon des Tollwood-Winterfestivals in München eingeladen, um gemeinsam die Frage zu beantworten: "Was macht uns glücklich?" Moderiert von Klaus Schneider diskutieren
- Joachim Klöckner ist Minimalismus-Coach. Sein Besitz passt in einen Rucksack.
- Agnes Schuster ist Mitbegründerin einer ökosozialen, generationengerechten Lebensgemeinschaft.
- Karlheinz Ruckriegel ist Professor für Makroökonomie und psychologischer Ökonomie an der Technischen Hochschule in Nürnberg. Sein Spezialgebiet ist die interdisziplinäre Glücksforschung.


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