Bayern 2 - Notizbuch


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Gebärdendolmetscher-Kosten Gehörlose Studentin kämpft gegen den Bezirk

Inklusion ist ein Lieblingswort der Politik, kostet aber Geld. So bleibt die Barrierefreiheit mancherorts auf der Strecke, wie der Fall von Iris Meinhardt aus München zeigt. Der zuständige Bezirk verweigert der gehörlosen Politikstudentin die Bezahlung der Gebärdensprachdolmetscher, die sie für die Teilnahme an Tutoriumskursen braucht.

Stand: 10.07.2015

Iris Meinhardt ist hochgradig schwerhörig. Damit sie trotzdem an der Hochschule studieren kann, ist die 25-Jährige auf die Unterstützung von Gebärdensprachdolmetschern angewiesen - ein aufwendiges Prozedere, auch in finanzieller Hinsicht: Bis zu 300 Euro kosten die Dolmetscher pro Veranstaltung. Damit die Münchnerin das Geld nicht aus eigener Tasche bezahlen muss, gibt es die so genannte Eingliederungshilfe. Die zuständige Behörde ist im Fall von Iris Meinhardt der Bezirk Oberbayern. Aber obwohl die Universität für die Prüfungsvorbereitung zwingend zur Teilnahme an Tutorien rät, weigert sich die Behörde, die Kosten für die Gebärdensprachdolmetscher zu übernehmen.

Eingliederungshilfe

Die so genannte Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung umfasst verschiedene Leistungen des Sozialamts, ähnlich den Rehamaßnahmen der Kranken-, Renten- und Unfallversicherung. Ein Anspruch besteht nur nachrangig, das bedeutet: Die Unterstützung wird nur gewährt, wenn kein vorrangig verpflichteter Träger Hilfe leistet - was die Klärung der Zuständigkeit verkomplizieren kann. Wer Anspruch auf Eingliederungshilfe hat, darf bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschreiten. Eine Altersbegrenzung gibt es nicht.

Wer bezahlt die 20.000 Euro Dolmetscherkosten?

Bundesteilhabegesetz

Das so genannte Bundesteilhabegesetz soll die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2009 in deutsches Recht gießen - der Fokus liegt dabei auf der Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Handicap. Leistungen für Menschen mit Behinderung sollen aus der Sozialhilfe gelöst und in einem neuen Gesetz geregelt werden. Darin soll unter anderem die Eingliederungshilfe weiterentwickelt und mehr an den individuellen Bedarf angepasst werden.

"Alle anderen Studenten gehen auch zu den Tutorien", übersetzt die Gebärdensprachdolmetscherin die Aussagen von Iris Meinhardt, "weil man sie für die Prüfungsvorbereitung dringend braucht." Gleiches Recht für alle, denkt die Münchnerin - und nimmt mit Gebärdensprachdolmetschern an den Tutorien teil. Aber der Bezirk Oberbayern lehnt eine Erstattung der Kosten mit der Begründung ab: Tutorien seien freiwillig, der prüfungsrelevante Stoff werde von den Pflichtveranstaltungen abgedeckt. Iris Meinhardt will die Behörde mit einem Widerspruch zum Umdenken bewegen, bislang ohne Erfolg. 20.000 Euro Dolmetscherkosten sind inzwischen aufgelaufen, auch körperlich und psychisch setzt der Studentin der Kampf mit der Behörde stark zu. Der Klageweg ist ihr nächstes Ziel. Aber Iris Meinhardt möchte auch politisch etwas bewegen. Auf ihre Initiative hin hat der Gehörlosen-Verband München und Umland einen runden Tisch eingerichtet. Außerdem überlegt die Studentin, eine Petition beim Bayerischen Landtag einzureichen.

"Ich möchte auf jeden Fall weiter kämpfen. Es geht ja auch um die anderen Studenten, die nach mir an die Hochschule kommen - und es geht mir auch ums Prinzip: Jeder Mensch mit Hörschädigung sollte die Möglichkeit haben, an einer Uni zu studieren. Wenn die Barrieren so groß sind, kann ich mir viele Leute vorstellen, die das Studium abbrechen, weil sie dem Druck nicht standhalten können."

Die gehörlose Studentin Iris Meinhardt, übersetzt von ihrer Gebärdensprachdolmetscherin


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