Bayern 2 - Notizbuch


3

Krebs bei Kindern aus Fukushima "... aber der hat mit dem AKW-Unfall nichts zu tun"

Betroffene können ihre Geschichte nur anonym schildern, denn in Japan werden Opfer doppelt bestraft: durch ihr Schicksal und durch gesellschaftliche Ausgrenzung. Das gilt für alle, die von der nuklearen Katastrophe vor sechs Jahren betroffen waren. Sie gilt aber ganz besonders für Menschen, die durch die radioaktive Strahlung krank geworden sind.

Von: Jürgen Hanefeld

Stand: 10.03.2017

Am 11. März 2011 war Yuna (Name geändert) 15 und besuchte eine Mädchenoberschule der Stadt Koriyama in der Präfektur Fukushima. Zwei Jahre später wurden alle 380.000 Minderjährigen, die zum Zeitpunkt des Unfalls in der Präfektur gelebt hatten, zu einer Reihenuntersuchung eingeladen. 70 Prozent nahmen teil, auch Yuna. 2013 war bei ihr noch nichts Bedrohliches zu erkennen gewesen, doch bei der zweiten Untersuchung zwei Jahre später war ihre Diagnose klar: Schilddrüsenkrebs. Yuna entschloss sich zur Operation. Aber nicht im staatlichen Fukushima-Krankenhaus, das auch die Reihenuntersuchungen vornimmt.

"Patienten, die dort behandelt werden, erhalten keinerlei Informationen über ihren Zustand: wie groß ist der Tumor, wie bösartig. Auch wird ihr Einverständnis zu dem Eingriff nicht abgefragt. Es ist eine glatte Menschenrechtsverletzung."

Hisako Sakiyama, Leiterin einer Hilfsorganisation für Kinder mit Schilddrüsenkrebs

Yunas Mutter verschuldete sich hoch, um ihrer Tochter die bestmögliche Behandlung zu finanzieren: eine endoskopische Operation beim berühmtesten Schilddrüsen-Experten Japans, Dr. Kazuo Shimizu. Ihm fielen merkwürdige Dinge auf. So sei Schilddrüsenkrebs bei Kindern eigentlich sehr selten. Statistisch bekomme nur ein Kind unter einer Million diese Krankheit, sagt Dr. Kazuo Shimizu. Aber in Tschernobyl sei es bereits ein Kind von 10.000 gewesen und in Fukushima sei es ein Kind von 2.000 bis 3.000 Kindern.

"Was Tschernobyl und Fukushima gemeinsam haben: Die Zahl der betroffenen Kinder ist nach den Atomunfällen deutlich angestiegen."

Kazuo Shimizu

Der einzige Fachmann im Untersuchungs-Komitee

Dr. Kazuo Shimizu fährt seit 17 Jahren jedes Jahr nach Tschernobyl und hat dort allein rund tausend Patienten ehrenamtlich behandelt. Seiner großen Expertise wegen war er auch zum Vorsitzenden des "Komitees zur Untersuchung der Krebsfälle in Fukushima" berufen worden. Bemerkenswert: Dr. Kazuo Shimizu war der einzige Fachmann in diesem Gremium. Im Oktober 2016 sollte ein Zwischenbericht erscheinen, in dem es hieß, es sei "unwahrscheinlich", dass die hohe Krebsrate mit dem Kraftwerksunfall zu tun habe. Dr. Shimizu verweigerte die Unterschrift und verlor seinen Posten im Komitee. Dabei behauptet er gar nicht einen direkten Zusammenhang, noch nicht, sagt er, nur müsse man auf jeden Fall weiter forschen.

184 Kinder aus Fukushima sind bislang an Schilddrüsenkrebs erkrankt

Dr. Toshihide Tsuda ist Professor für Umwelt-Epidemiologie an der Okayama-Universität. Er sagt, dass im Vergleich zur durchschnittlichen Zahl von Schilddrüsenpatienten die Krankheit in Fukushima je nach Gegend zwischen 20 und 50 Mal häufiger auftritt.

"Das ist durch nichts anderes zu erklären als durch den AKW-Unfall. Diese Häufung ist übermäßig groß. Genau da, wo die Schwaden am dichtesten waren, finden wir die meisten Patienten. Je weiter weg von der Wolke, desto weniger kranke Kinder."

Toshihide Tsuda

Prof. Toshihide Tsudas Erkenntnisse wurden im Oktober 2015 veröffentlicht und zusammen mit einem Brief der japanischen Regierung zugestellt. In dem Brief stand, dass die Gesellschaft bereit sei, Experten nach Japan zu schicken, weil der Kausalzusammenhang zwischen der zunehmenden Zahl von Kindern mit Schilddrüsenkrebs und dem AKW-Unfall erwiesen sei und deshalb eine fachärztliche Untersuchung vorgenommen werden sollte. Sowohl die Präfektur Fukushima als auch die japanische Regierung hätten diesen Brief bis heute nicht beantwortet, so Prof. Toshihide Tsuda.

Die Politik verweist auf einen "Screening-Effekt"

Die Präfektur Fukushima sagt ihrerseits, die hohe Zahl der Krebsfälle sei auf einen "Screening-Effekt" zurückzuführen. Je mehr man untersuche, desto mehr finde man - auch Fälle, die gar nicht operiert werden müssten. Prof. Toshihide Tsuda kontert, dass das im Umkehrschluss bedeute, es wurden mehr Kinder operiert als nötig. Dann aber hätten die Eltern Anspruch auf Entschädigungen für unnötige Operationen. Weil das aber die Behörden keinesfalls wollten, so Prof. Toshihide Tsuda, hätten sie nun begonnen, die Krebsuntersuchungen generell herunterzufahren.

Gemobbt und stigmatisiert

"In Fukushima geht es nur noch um Wiederaufbau. Die Krebspatienten und ihre Eltern müssen sich verstecken, um nicht als Störfaktor zu gelten. Sie sind total isoliert."

Hisako Sakiyama

Yuna wird derweil wie alle Krebs-Patienten ein Leben lang damit rechnen, der Krebs könnte wiederkommen. Ihre Mutter kratzte Geld und Kredite zusammen, damit ihre Tochter eine möglichst kleine, unauffällige Narbe davonträgt. Denn Strahlenopfer werden auch gesellschaftlich diskriminiert. Sie würde keinen Mann bekommen, wenn sie als krebskrank gelte. Deswegen muss Yuna ihre Geschichte anonym erzählen.

"Die japanischen Medien stempeln uns zu Opfern, die nichts sagen dürfen. Nur weil ich aus Fukushima komme, werde ich in ganz Japan gemobbt. Wenn ich dann noch zugebe, Krebspatientin zu sein, werde nicht nur ich ausgegrenzt, sondern auch meine Familie."

Yuna

Ein Beitrag von ARD-Japan-Korrespondent Jürgen Hanefeld.


3