Bayern 2 - Notizbuch


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Klaus Eder, Physiotherapeut Faszientraining

Faszien sind das weiße netzartige Geflecht, das Muskeln, Knochen und Organe umhüllt. Dieses Bindegewebe enthält Nervenenden und ist ein wichtiger Wasserspeicher. Das Notizbuch hat mit dem Chef-Physiotherapeuten der Fußball-National-Elf und Betreuer der Olympia-Tennismannschaft und des Davis-Cup-Teams, Klaus Eder, gesprochen, wie man Faszien pflegt und was Faszientraining bringt.

Stand: 10.02.2016

Grafik: Ein Mensch ohne Haut in der Pose von Rodins "Der Denker. Sichtbar sind die Muskulatur und die Faszien. | Bild: colourbox.com

Notizbuch: Faszien sind seit einigen Jahren schwer im Gespräch. Es ist ein richtiger Hype, ein großer Wirbel, der um die Faszien inzwischen gemacht wird. Wann haben Sie das Thema für sich entdeckt?

Klaus Eder: Also ich glaube, es war schon in den 80er Jahren, als ich das erste Mal von dem sogenannten Rolfing gehört habe. Unsere große Altlehrmeisterin Ida Rolf hat damals schon eine sehr hohe Bewertung bezüglich der Faszien gehabt. Sie war Biologin und hat eigentlich die Faszie schon damals erkannt, dass sie eben nicht nur ein alles mit allem verbindendes Material und Struktur ist, sondern dass die Faszie ein sehr wichtiger Energietransfer ist, in dem nicht nur Blut und Lymphgefäße beziehungsweise Lymphflüssigkeit transportiert wird, sondern auch sehr viele Erkennungsmoleküle. Das heißt, die Faszien oder die Extrazellulär-Substanz, wo die Flüssigkeit sich bewegt, ist ja vollgepackt mit verschlüsselten Molekular-Strukturen, so dass die Bindegewebszellen untereinander auch kommunizieren können.

Notizbuch: Also es ist kompliziert, aber man ist das schon in den 80er Jahren darauf gestoßen. Welche Rolle spielen denn die Faszien speziell für Ihre Klientel, also für Leistungssportler?

Faszien - "Türsteher" der Zelle

Klaus Eder: Eine ganz entscheidende Rolle. Und man sagt immer, use it or loose is, also benutze es oder verliere es. Oder anders ausdrückt: Wer nicht bewegt, der verklebt. Und infolgedessen war uns die Behandlung der Faszien natürlich schon immer sehr, sehr wichtig. Es ist ein ganz wichtiger Energietransfer vom oben nach unten, von hinten nach vorne, von innen nach außen, der in diesen Faszien abläuft. Faszien bilden praktisch die Kanäle, die Straßen für unseren Bluttransport, für das venöse Blut, für die Lymphflüssigkeiten. Und in diesen Transporten, in diesen Flüssigkeiten - da werden auch Erkennungsmoleküle transportiert, so dass die Zellen untereinander auch kommunizieren können. Da gibt es Integrine, das sind Türsteher wie vor der Disko, die sagen, ‚Du darfst rein in die Zelle, und Du darfst nicht rein in die Zelle‘. Und infolgedessen, wenn diese Information nicht mehr stimmt, dann haben wir natürlich ein Problem. Dann kommen Degenerationen beim Erwachsenen oder beim Sportler eben dann eine erhöhte Anfälligkeit für Verletzungen.

Notizbuch: Heißt denn das, dass die Fußball-Nationalspieler und all die Leistungssportler, die sie betreuen, das, was wir jetzt in den Fitness-Studios neu als Faszientraining serviert bekommen, dass die das schon ganz lange machen?

Klaus Eder: Ja. Also zumindest die Nationalspieler, die bei uns in der Fußball-Nationalmannschaft sind. Sie werden also schon seit Jahren mit diesen Faszien-Techniken eben dann behandelt, weil uns allen, wie sind vier Physiotherapeuten, bewusst ist, wie notwendig das ist, die Faszien aufzulockern, um somit den Energietransfer im Körper einfach aufrechtzuerhalten.

Notizbuch: Und wenn man jetzt so Bilder sieht bei großen Fußballspielen, wo dann jemand sich verletzt, sich vor Schmerzen windet auf dem Platz, und dann eilen Sie und Kollege Müller-Wohlfahrt herbei, legen quasi wunderheilermäßig die Hand auf, und da läuft der wieder los - dann kann das auch mit Faszien zu tun haben?

Wie Wunderheilung auf dem Sportplatz?

Klaus Eder: (Lacht) Das ist natürlich, was viele überrascht und nicht nur den Laien, sondern manche auch die Fachmänner, die sagen: ‚Was machen die beiden denn hier?‘ Da liegt jemand auf dem Boden, wie Sie schon sagen, und jeder denkt, der stirbt jeden Moment, dann kommen die beiden und machen irgendwelche rituellen Handlungen, und dann steht der auf und spielt wieder. Die meiste Verletzung, weswegen wir auf den Platz gerufen werden, ist, dass jemand umknickt und somit die physiologische Bewegungsgrenze überschreitet. Und bei dieser Überschreibung der physiologischen Bewegungsgrenze kann schon mal ein Stück Sehne oder ein Stück Band, ein Ligament, aus der Verankerung, aus der Knochenhaut oder gar aus dem Knochen gezogen werden. Und nun ist es für uns wichtig, weil wir haben ja nur ein kleines Equipment dabei, wenn wir auf den Platz laufen, wir können ja keinen Kernspintomografen hinter uns nachziehen oder ein Ultraschallgerät, und darum ist es ganz wichtig, dass wir uns auf die Körpersprache des Fußballspielers eben dann verlassen. Und wenn der eben genau auf einen Punkt hindeutet und sagt, ‚genau hier am Knöchel, genau hier tut’s mir weh‘, und wir bestätigen diese Körpersprache noch einmal mit unseren Tastbefund und spüren hier tatsächlich so eine stecknadelkopfgroße oder linsengroße Veränderung, dann wissen wir: hier ist ein Stück von der Knochenhaut aus dem Knochen rausgezogen worden von diesen sogenannten Anker-Faszien. Und dann drücken wir die einfach wieder zurück in den Knochen, auch wenn der Spieler die 60.000 Zuschauer dann übertönt, weil das natürlich sehr schmerzhaft ist. Aber er weiß, nach fünf, sechs Sekunden ist dieser Spuk vorbei. Und dann steht der auf und läuft weiter.

Notizbuch: Das klingt jetzt sehr einfach, aber man muss wahrscheinlich viel wissen und ein gutes Gespür haben, um das wirklich auch praktizieren zu können, oder?

Klaus Eder: Ja, ich glaube, gerade Herr Müller-Wohlfahrt und ich machen das seit 30 Jahren. Wir haben kein großes Equipment dabei. Da spielt natürlich auch unsere Erfahrung eine ganz große Rolle. Ich bin natürlich froh, einen Arzt an der Seite zu haben wie Müller-Wohlfahrt, der natürlich alles kennt, der natürlich auch unterscheiden könnte, wenn wirklich etwas Schlimmeres ist. Es könnte ja der Knochen auch gebrochen sein oder was anderes. Dann gibt es aber andere klinische Kriterien, die uns sagen, ok, lieber den Spieler jetzt raus als ihn weiterspielen zu lassen.

Welche Versprechungen sind realistisch?

Notizbuch: Wenn wir jetzt mal weggehen vom Hochleistungssport, sondern denken an unsere fitnessbewussten Hörerinnen und Hörer hier bei Bayern 2. Es gibt, wie wir schon gehört haben, eine ganze Reihe von Trainingsprogrammen, die gezielt die Faszien ansprechen und die auch alles Mögliche VERsprechen. Also: mehr Beweglichkeit, abnehmen bis hin dazu, dass es auch gegen Zellulitis hilft. Was ist denn von diesen Versprechungen realistisch?

Klaus Eder: Als rein wissenschaftlich eigentlich gar nichts. Also gerade diese Faszientherapie und vor allem diese Hyaloronsäure. Hyaloronsäure in dem Sinne gibt es eigentlich gar nicht, ist auch schon ein falscher Begriff, weil das Hyaloron ist eben keine Säure, ist halt in der Lage, Wasser zu binden. So ein Hyaloron-Molekül kann das Tausendfache seines Eigengewichts an Wasser binden. Und diese Wasserspeicherung bedeutet dann fürs Bindegewebe ein druckbelastetes Molekül - das kann man sich vorstellen wie Eiklar, wenn Sie Eiklar nehmen, das ist ein bisschen zähfließend, das ist so ein bisschen druckbelastet - und ist eben dann in diesen Faszien eingepackt, so dass das Bindegewebe auch sehr gute stoßdämpfende Wirkung hat. Nun ist es ja so, dass gerade die Frauen, leider Gottes, ein nicht so engmaschiges Bindegewebe haben wie die Männer zum Beispiel.

Notizbuch: Da sind wie bei der Zellulitis?

Klaus Eder: Jetzt sind wir bei der Zellulitis. Und wenn die Maschen des Bindegewebes etwas weiter sind, dann könnte sich natürlich das Fett im Unterhautfettgewebe nach außen durchdrängen. Es kommen Dellen in das Gewebe und so weiter. Natürlich ist es hypothetisch möglich, durch Anspannung, durch ein gezieltes Faszientraining diese Faszien wieder besser unter Spannung zu bringen, damit dieses Maschendrahtwerk sich wieder zusammenzieht und somit die kleinen Fettpölsterchen wieder reduziert, zurückdrängt, so dass die Haut nach außen wieder glatt ausschaut. Das lässt sich wirklich nach wie vor sehr gut vorstellen und nachvollziehen. Natürlich ist es wie immer so: es gibt Leute, die reagieren sehr gut darauf, und es gibt Leute, die reagieren weniger gut darauf. Aber wenn man seine Ernährung umstellt, und wenn man dann tatsächlich tagtäglich dieses Faszientraining macht, dann hat man auch sehr, sehr gute Chancen, tatsächlich gegen die Zellulite etwas zu unternehmen. Aber man muss halt konsequent dranbleiben, man muss versuchen, auch die Faszien richtig zu ernähren. Zink ist zum Beispiel sehr wichtig.

Zum anderen wissen wir, dass die Faszien natürlich unglaublich wichtig sind als Energiespeicher. Man nennt immer den Känguru-Effekt. Ein Känguru kann ja bis zu 18 Meter weit hüpfen, aber nicht deswegen, weil es so starke Muskulatur hat, sondern weil wir wissen, dass Faszien sich unter der Belastung mit Energie aufladen können. Wenn Sie ganz normal gehen und heben die Fußspitze hoch, dadurch wird die Achillessehne vorgedehnt. Alleine in diesem Moment lädt sich die Achillessehne mit Energie auf. Und beim Abtreten wird diese Energie wieder freigegeben. Wenn die Faszien zu schwach sind, wenn die Fußsohle durchhängt wie eine Hängematte, dann bewegen wir uns wie ein Faultier. Dann habe ich keine Beschleunigung, und dann kann ich auch nicht schnell laufen. Wenn natürlich die Fußsohle straff ist wie ein Trampolin, dann habe ich auch tatsächlich diesen Trampolin-Effekt, und ich kann mich wirklich sehr schnell bewegen und auch sprinten. Das ist natürlich im Sport wichtig.

Springen wie ein Känguru oder schleichen wie ein Faultier?

Notizbuch: Deswegen auch die vielen Sprungübungen, die man beim Faszientraining macht?

Klaus Eder: Richtig. Muss auch jeder für sich individuell natürlich herausfinden, wie viel Sprünge, ob er drei Sprünge, sieben Sprünge oder zehn Sprünge macht. Wichtig ist auch hier, dass man die Faszien nicht ermüdet.

Faszientraining für alle?

Notizbuch: Ich sehe schon, Sie sind ein großer Anhänger des Faszientrainings. Würden Sie es jedem empfehlen, der irgendwie ein bisschen etwas für sich tun will, so ein spezielles Faszientraining zu machen oder kann man vielleicht auch sagen, in einem normalen Fitnessprogramm werden die Faszien ohnehin trainiert?

Klaus Eder: Na ja, es gibt schon ein spezielles Faszientraining. Ich möchte hier vielleicht auch einmal ein bisschen Werbung machen für meine Kollegin Divo Müller*). Die hat ein Training für die Faszien tatsächlich geschrieben, ein Buch, das ist hervorragend, das kann man wirklich sehr gut empfehlen. Aber (…) jede Bewegung wird natürlich Einfluss auf die Faszien nehmen. Wenn Sie die Faszien aus der Muskulatur rausnehmen, dann haben Sie hier wie ein Brat, wie eine Streichwurst da drin liegen. Auch selbst die Muskulatur lebt ja nur, ist ja durchsetzt von Faszien. Die Muskulatur kann nur arbeiten, indem sie ihre Energie auf  Faszien überträgt, und die Faszien über die Sehnen dann an den Knochen ansetzen und eigentlich uns dann bewegen. Der Muskel ist eigentlich das Kraftwerk, und die Überlandleitungen, die Faszien, die geben die Energie an die Haushalte weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Oliver Buschek.

*) Divo G. Müller

Von Divo G. Müller, Heilpraktikerin und Körpertherapeutin, ist bereits eine ganze Reihe von Büchern zu den Themen Bewegung und Faszien erschienen.


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