Bayern 2 - Notizbuch


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BMI-Kritik Body-Mass-Index: Maßstab oder Mythos?

Der Body-Mass-Index (kurz: BMI) setzt die Körpergröße in Beziehung zum Körpergewicht und teilt Menschen so in Über-, Unter- und Normalgewichtige ein. Er gilt als internationales Standard-Maß, obwohl es viele Kritikpunkte an seiner Aussagekraft und Sinnhaftigkeit gibt.

Stand: 21.04.2017

Symbolbild: Füße auf einer Waage in Nahaufnahme | Bild: picture-alliance/dpa

Körpergewicht durch Körpergröße im Quadrat: So lautet die Formel für den Body-Mass-Index. Alles zwischen den Werten 18,5 und 25 gilt als normal. Für eine Anstellung bei der Polizei oder bei der Bundeswehr darf der BMI nicht viel darüber liegen. Auch die Weltgesundheitsorganisation, das Statistische Bundesamt und viele Versicherungen halten am BMI fest. Dabei wird er immer mehr in Frage gestellt. 

BMI-Kritik: Wenig Aussagekraft zum Körperfett

Auch sehr muskulöse Menschen haben einen hohen BMI.

Ein Hauptkritikpunkt am BMI lautet, er unterscheide nicht zwischen Muskeln und Fett. "Ein Sportler, der sehr viel Muskulatur hat, kann einen BMI über 30 haben", sagt der Münchner Diabetologe Harald Schneider. Arnold Schwarzenegger zum Beispiel hatte einen BMI von über 31 in seinen besten Zeiten - und war alles andere als fettleibig." Der Grund: Muskeln sind schwerer als Fettgewebe. Ein weiterer Kritikpunkt: Der BMI unterscheidet nicht zwischen harmlosem und gefährlichem Fett. Gefährlich ist vor allem das tiefliegende Fettgewebe um die Organe herum, denn es produziert unter anderem Hormone, die Herz-Kreislauf-Risiken erhöhen.

Übergewichtige leben oft länger

Normalgewichtige sind nicht unbedingt am gesündesten. "Wenn man den BMI als Kriterium heranzieht, leben die Menschen am längsten, die als übergewichtig klassifiziert sind", sagt der Diabetologe Harald Schneider. Das so genannte Adipositas-Paradoxon zeigt: Bei vielen Krankheiten haben Menschen mit einem BMI von 25 bis 30 eine bessere Überlebenschance als Normalgewichtige. Wohl auch, weil Fettpölsterchen als Reserve dienen können, wenn es dem Körper schlecht geht.

BMI-Kritik: Willkürlich festgelegte Maßeinheit

Übergewichtig oder noch normal? Die BMI-Einteilung ist relativ beliebig.

Mitte des letzten Jahrhunderts wurde der BMI als Messinstrument beliebt. Vor allem Versicherungen haben die Formel benutzt, um ihre Kunden in Risikokategorien einzuteilen. Der Erfinder des Body-Mass-Index war ein Mathematiker, kein Mediziner. Dementsprechend willkürlich ist die Einteilung in Normal-, Über- und Untergewicht. Wie willkürlich der BMI ist, sieht man an seiner Entwicklung: Bis 1998 ging das Normalgewicht noch bis 27,5. Die Weltgesundheitsorganisation korrigierte den Wert nach unten. Über Nacht wurden Millionen Menschen übergewichtig, ohne ein Gramm zugenommen zu haben.

"Man hat einfach entschieden, was normalgewichtig ist: Ein BMI zwischen 18 und 25 wurde als normalgewichtig festgelegt. Aber gerade in neueren Studien hat man gezeigt, dass das nicht immer der Fall ist - und dass nicht derjenige, der ein Normalgewicht hat, automatisch der Gesündeste ist."

Harald Schneider, Diabetologe aus München

BMI-Kritik-Fazit: Ein hoher BMI ist noch kein Risiko

Taillenumfang durch Körpergröße, Taillenumfang durch Hüftumfang, Körperschemaindex - es gibt viele Alternativen zum Body-Mass-Index. Trotzdem hat er sich durchgesetzt - wohl auch, weil er einfach auszurechnen ist. Fast jeder kennt seine Größe und sein Gewicht, fast niemand aber seinen Hüftumfang. Der BMI setzt die Körpergröße in Beziehung zum Körpergewicht. Das ist zunächst einmal nicht unbedingt schlecht. Aber: Wer laut BMI übergewichtig ist, ist noch lange nicht dick und auch kein Risikopatient. Diese Erkenntnis könnte langsam auch bei der WHO, dem Statistischen Bundesamt, bei Ärzten und Arbeitgebern ankommen.


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