Bayern 2 - Notizbuch


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Bio für alle Traum oder Wirklichkeit?

Bio-Lebensmittel sind frei von Pestizid-Rückständen, schonen die natürlichen Ressourcen und gelten als gesund. Viele Verbraucher, Verbände und Landwirte fordern deshalb eine ökologische Agrarwende, weltweit. Aber bekommt man so alle Menschen satt?

Von: Tobias Chmura

Stand: 18.02.2016

Ob "Bio für alle" möglich ist, diese Frage ist vielschichtig. Es geht darum, wie viel auf einem Acker wächst, was dort wächst, was auf unseren Tellern landet und: ob es am Ende für alle reicht. Soll man jetzt nur noch Öko-Kartoffeln essen, weil sich mit ihnen besonders viele Kalorien pro Hektar erzeugen lassen? Will man Fleisch auf dem Teller, sieht die Rechnung schon anders aus.

Laut Bodenatlas 2015 haben 45 Prozent der Böden in Europa durch die landwirtschaftliche Nutzung an Humus verloren. 17 Prozent sind in ihrer Qualität deutlich verschlechtert oder gar zerstört. Gegen Deutschland laufen zwei Mahnverfahren der EU, weil zu viele Nährstoffe die Umwelt belasten. Vor allem der flächendeckend eingesetzte Stickstoffdünger aus der Landwirtschaft verschmutzt die Gewässer, insbesondere in Regionen mit intensiver Tierhaltung, wo viel Gülle anfällt. So wie heute Nahrungsmittel erzeugt werden, kann es also offenbar auf Dauer nicht weitergehen.

Für den Trog, statt für den Teller

Weniger Ertrag

Was Ertragsunterschiede zwischen ökologischer und konventioneller Erzeugung betrifft, gehen die Schätzungen weit auseinander. Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland liegt der Ertrag eines Bio-Ackers bei 92 Prozent von dem, was ein konventionelles Feld abwirft. Die Umweltschützer verweisen auf eine Auswertung von 160 Studien. Der Industrieverband Agrar, der die Hersteller von Dünge- und Spritzmitteln vertritt, schreibt hingegen, das konventionelle Ackerflächen in Deutschland doppelt so viel Ertrag bringen wie ein Bio-Feld.

Für die Fleischerzeugung ist in etwa das Siebenfache an Kalorien nötig, was auf einem Acker wächst. Denn es sind mehrere Kilo pflanzliche Nahrung nötig, damit ein Tier ein Kilo Fleisch ansetzt. Die Rechnung ist zwar sehr grob, verdeutlicht aber das Problem, alle Menschen in Deutschland über den Öko-Landbau satt zu bekommen: geht man davon aus, dass die Verbraucher wie bisher Fleisch essen, wären bei rund 82 Millionen Einwohnern in Deutschland fast 22 Millionen Hektar nötig, die ökologisch bewirtschaftet werden. In Deutschland gibt es aber nur 18,6 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche.

Damit "Bio für alle" möglich ist, müsste also mehr Land genutzt werden, müssten Wälder abgeholzt und gar Naturschutzgebiete in Ackerland umgewandelt werden. Bleibt die Agrarwende bei den niedrigen Erträgen im Ökolandbau also eine Utopie?

"Natürlich geht das, man muss sich dabei ja auch fragen, von welchem Standort sprechen wir. Wir haben heute etwa sechs Prozent Ökoflächen, und mit 100 Prozent hätten wir eine ganz andere Dimension, wir hätten ganz andere Rahmenbedingungen. Heute ist es ja auch so, dass der Ökolandbau in der Tendenz eher auf Ungunst-Standorten praktiziert wird."

Jürn Sanders, forscht im Bereich Ökolandbau am Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut des Landwirtschaftsministeriums.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat mittlerweile die Forschungsstrategie stärker auf den Ökolandbau ausgerichtet, denn entscheidend ist, dass das Wissen über den Ökolandbau wächst. Die Notwendigkeit eines ökologischeren Landbaus in Deutschland könnte künftig sogar immer wichtiger werden. Denn die intensive Landwirtschaft hat gerade in Regionen, in denen viele Tiere gehalten werden, ihre Spuren hinterlassen. Vor allem in die Gewässer werden zu viele überschüssige Nährstoffe geschwemmt.

"(...) hier [steht] natürlich nun das politische Interesse, zusammen mit der Branche, also mit der Landwirtschaft, Lösungen zu erarbeiten."

Jürn Sanders, Thünen-Institut

Wie viel "Bio" ist am Ende sogar nötig?

Studie: Ertragssteigerung

In einer Untersuchung der Universität Essex heißt es, dass durch den ökologischen Landbau in Entwicklungsländern nicht mit weniger Ertrag, sondern mit einer Ertragssteigerung von durchschnittlich 20 bis 30 Prozent zu rechnen ist. In Einzelfällen ist eine Steigerung um 75 Prozent möglich.

Wenn die Erträge im Ökolandbau niedriger sind, dann stellt sich auch die Frage, ob mit "Bio für alle" überhaupt alle Menschen satt werden. Doch langfristig spielt dabei gerade eine nachhaltige Landwirtschaft eine wichtige Rolle. In vielen Fällen sind in den tropischen Entwicklungsländern die Böden sehr nährstoffarm. Betreibt man auf solchen Standorten eine intensive Landwirtschaft, besteht die Gefahr, dass die Böden schnell ausgelaugt sind. Kunstdünger kann von diesen Böden nur schlecht gespeichert werden. Der ökologische Landbau hingegen verbessert durch den Aufbau einer Humusschicht die Fähigkeit der Böden, Nährstoffe zu speichern. Um dieses Potenzial des Ökolandbaus zu nutzen, ist es wichtig, die Bauern vor Ort entsprechend auszubilden.

Der Hunger - auch ein Verteilungsproblem

Auch die Zukunftsstiftung Landwirtschaft geht grundsätzlich davon aus, dass man die Welt nur mit Bio-Nahrung satt bekommt. Allerdings lasse sich unter den heutigen Verhältnissen eine nachhaltige Landwirtschaft nur schwer entwickeln. Zum einen müssten Kleinbauern überhaupt Zugang haben zu Land, Saatgut und Wasser. Das sei heute aber aus unterschiedlichen Gründen oft nicht möglich. Beispielsweise herrsche in manchen Ländern Bürgerkrieg oder - Stichwort Land Grabbing - Regierungen verkauften Ackerflächen an internationale Unternehmen. Zum anderen verschärften die Industrieländer das Problem zusätzlich durch den Import von Futtermitteln wie Soja.

Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft: Bio für alle - Traum oder Wirklichkeit? | Bild: Benedikt Haerlin

"Wir importieren riesige Flächen aus Übersee, um unsere Schweine hier zu füttern, und das muss nicht sein. Und wir importieren riesige Flächen, um sogenannten Bio-Sprit in unseren Tank zu füllen - das muss nicht sein. Also wenn wir uns erst einmal an die eigene Nase fassen würden, dann wäre schon sehr viel gewonnen."

Benedikt Haerlin, Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Industrienationen müssen mit gutem Beispiel vorangehen

Bio in Bayern

2015 haben gut 700 Landwirte in Bayern auf Bio umgestellt, das ist viel im Vergleich zu den Vorjahren. Insgesamt gibt es nun rund 7400 Bio-Bauern. Bei etwa 110.000 landwirtschaftlichen Betrieben im Freistaat relativiert sich der Zuwachs aber wieder – eine ökologische Agrarwende in diesem Tempo bräuchte viel Zeit.

Was muss in Deutschland und in Bayern passieren, damit der ökologische Landbau eine Alternative für die Landwirte ist und sie davon auch gut leben können? Bislang ist jeder zwölfte Bauer in Deutschland ein Bio-Bauer. Gut sechs Prozent der Flächen werden ökologisch bewirtschaftet. Ziel der Bundesregierung ist es, diesen Anteil auf 20 Prozent zu steigern. Anreize für den Umstieg auf den Öko-Landbau sollen Fördergelder sein. Dieser Öko-Zuschlag wird über spezielle Programme jeweils zur Hälfte von der Europäischen Union und den Bundesländern bezahlt. Bayern hat seine Fördersätze im vergangenen Jahr deutlich angehoben, hier sind die politischen Rahmenbedingungen für die Bio-Bauern also gut. Zusätzlich bekommen die Landwirte für Bio-Produkte im Vergleich zu ihren konventionell arbeitenden Kollegen zurzeit gute Preise.

Was müssen Verbraucher für "Bio für alle" tun?

Eine Holzfabrik in Brasilien: im Vordergrund zersägte Baumstämme, im Hintergrund noch unbeschädigte Palmen und andere Bäume | Bild: picture-alliance/dpa zum Audio mit Informationen Brasilien Soja-Anbau im Regenwald

Zweitgrößter Sojaproduzent der Welt nach den USA ist Brasilien. Immer mehr Regenwald wird dort abgeholzt - zunächst um Weideflächen zu gewinnen. Sind die erschöpft, wird auf den Böden Soja angebaut. Das bringt noch mehr Profit. [mehr]

Jeder Deutsche isst pro Jahr gut 60 Kilo Fleisch. Das ist mehr als doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. So viel Futter wie die Tiere benötigen, wächst hierzulande aber nicht. Deshalb importiert Deutschland Futter im großen Maßstab: auf 5,5 Millionen Hektar im Ausland werden Nahrungs- und Futtermittel angebaut, die in Deutschland letztlich verzehrt werden; eine Fläche, größer als Niedersachsen. Die Rechnung ist also einfach: Essen wir weniger Fleisch, ist mehr Platz für den Ökolandbau. Weniger Fleisch ist aber nicht alles, schließlich gibt es weltweit große Flächen, die, klimatisch bedingt, nur als Grünland genutzt werden können. Diese Wiesen und Weiden sind ausschließlich für die Tierhaltung, also für die Produktion von Fleisch und Milch geeignet. Ernährungswissenschaftler Karl von Koerber plädiert deshalb für die Sonntagsbraten-Regel: Weniger Fleisch, aber nicht ganz darauf verzichten.

Weniger Lebensmittel verschwenden

Um die geringeren Erträge im Ökolandbau auszugleichen, ist es auch wichtig, weniger Nahrung zu verschwenden. 20 bis 30 Prozent der Lebensmittel hierzulande gehen bei der Verarbeitung oder dann bei uns in der Küche verloren. "Bio für alle", das muss man sich aber auch leisten können. Solche Lebensmittel sind zwar teurer, die Mehrkosten dafür werden aber häufig überschätzt.

"Der Aufschlag für Bio ist (...) im Schnitt nur 30 Prozent höher, wenn man von einem normalen Warenkorb ausgeht, und nicht etwa doppelt oder dreifach so teuer. Das sind Märchen, vielleicht auch ein gefühlter Preis, aber das stimmt so nicht. Und das eine Drittel ist erstaunlicherweise genauso viel, wie im Durchschnitt weggeschmissen wird."

Karl von Koerber

Die Ressourcen sind endlich

Weniger Fleisch, mehr Forschung für bessere Erträge im Ökolandbau und eine Politik, die die Rahmenbedingungen für Bio-Bauern verbessert - in der Theorie scheint "Bio für alle" tatsächlich möglich. Doch zwischen Theorie und Praxis liegt ein großer Unterschied. Dass sich die Weltgemeinschaft politisch darauf einigt, eine ökologische Agrarwende zu vollziehen, ist nicht in Sicht. Auch Essgewohnheiten lassen sich nicht vorschreiben. Darüber nachzudenken aber lohnt sich, denn die natürlichen Ressourcen sind endlich, und im Moment leben wir über unsere Verhältnisse.


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