Bayern 2 - Notizbuch


40

Mythos Mutterinstinkt? "Frauen sind keine Schimpansen"

Dass Mütter "natürlich" ihre Kinder stillen müssen, und "instinktiv" wissen, was sie brauchen, bestreitet die französische Soziologin und Historikerin Elisabeth Badinter seit Jahren. Für sie ist der Mutterinstinkt ein Mythos. Warum, erklärt sie im Interview.

Von: Isabelle Hartmann

Stand: 09.02.2016

Elisabteh Badinter | Bild: picture-alliance/dpa

Frau Badinter, ich möchte mit einem Fallbeispiel anfangen: Ich habe meinen Sohn mit sieben Monaten in die Krippe gebracht, ich gebe ihm Gläschen und wickle ihn nicht in Stoff, sondern in normale Windeln. Welche Prinzipien der "idealen Mutter" werfe ich mit diesem Verhalten über Bord?

Elisabeth Badinter: Sie brechen zunächst das Tabu der Zeit, die sie spontan, instinktiv und vollständig Ihrem Kind widmen sollten. Sie sollten eine Pelikan-Mutter sein - eine Mutter, die sich selber blutig aufpickt, um ihre Kinder  zu ernähren. Sie sind auch nicht im Einklang mit der "Natur": Sie sollten bei Ihrem Kind sein, es 24 Stunden am Tag stillen - mindestens bis zu seinem ersten Geburtstag und sogar länger, zumindest wenn es nach manchen Frauen geht.

Dass ich nicht meine ganze Zeit opfere, meinen Sie, weil mein Kind in die Krippe geht?

Genau. Für manche Frauen bedeutet sein Kind in die Krippe zu bringen, dass man es aufgibt und im Stich lässt. Das ist die schlimmste Kritik, die man von der Seite einer ökologisch und auch konservativ eingestellten Bewegung hört, die sich aber als sehr modern sieht.

"Eine Frau lässt sich nicht auf ihr Mutterdasein beschränken. Niemals. Die Mutterschaft ist ein Teil des Lebens, aber nicht das ganze Leben einer Frau."

Elisabeth Badinter

Ist diese Vorstellung der perfekten Mutter typisch deutsch?

"Es ist Aufgabe des Staates, Frauen zu ermöglichen, unabhängig zu sein." - Elisabeth Badinter.

Nicht typisch deutsch, nein, denn ich beobachte auch im Norden Europas, dass es seit etwa 20 Jahren immer mehr in diese Richtung geht. In Norwegen und Schweden zum Beispiel ist es ein absolutes Muss, sein Baby mindestens ein Jahr lang zu stillen. Das bedeutet eine sehr lange Elternzeit, die übrigens vom Staat sehr gut bezahlt wird. Aber wir treten in Frankreich entschieden für die Unabhängigkeit der Frauen ein. Wir sind der Meinung, dass es Aufgabe des Staates ist, Frauen zu ermöglichen, unabhängig zu sein und einen guten Job zu haben. Was zählt, ist, dass sie hochwertige Krippen mit gut geschultem Personal zur Verfügung haben und ihr Leben leben können. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es schon diese Einstellung in Frankreich, dass eine Frau sich nicht auf ihr Mutterdasein beschränken lässt. Und das ist Konsens.

Da haben wir zwei konträre Meinungen: Einerseits die Unabhängigkeit der Frau, andererseits sagen aber viele: Es gibt einen Mutterinstinkt, den man auch respektieren muss, es ist halt die Natur.

Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Frauen keine Schimpansen sind. Wir sind zwar Säugetiere, aber wir haben auch ein Unterbewusstsein, eine Geschichte, Wünsche, die den Tieren abgehen. Zu denken, dass die Natur die menschlichen Individuen befehligt, ist daher völlig absurd. Frauen haben diese oder jene Geschichte, diese oder jene Kindheit, diesen oder jenen Wunsch, die unterschiedlich sind. Es sind nicht die Hormone, die den weiblichen Wunsch bestimmen. Ja, manche Frauen haben eine große Lust ihr Kind zu stillen, und das ist perfekt und sehr gut. Aber andere Frauen haben keine Lust dazu, sie haben auch nicht diese spontane Lust, sich rund um die Uhr um ihr Kind zu kümmern. Und man muss noch eines sagen: Die Idee des Mutterinstinkts bei Menschen ist ein Mythos - ein Mythos, der vielen gelegen kommt. Die Geschichte der Mütter hat es uns gezeigt, in Frankreich, aber auch in England zum Beispiel: Es gab Zeiten, in denen Frauen viel lieber ein soziales Leben haben und ihre beruflichen Wünsche realisieren wollten. Und ich finde das absolut legitim.

"Der Mutterinstinkt ist ein Mythos, der speziell den Männern gelegen kommt. Denn damit wird das Kind zur alleinigen Aufgabe der Mutter."

Elisabeth Badinter

Sie haben in ihrer wissenschaftlichen Arbeit gezeigt, dass der Muttermythos ein historisches Konstrukt ist.

Schon im 13. Jahrhundert in Frankreich - im 13. Jahrhundert! - gab es Vermittlungsbüros von Tagesmüttern für die Aristokratie. Das heißt, wohlhabende Frauen übertrugen die Versorgung der Kinder in fremde Hände. Ab dem Ende des 17. und besonders während des 18. Jahrhunderts war es völlig verpönt, sich um seine Kinder zu kümmern und zu zeigen, dass man sich um sie Sorgen machte. Das war zunächst bei den adeligen und hochbürgerlichen Frauen so, dann verbreitete sich dieses Verhalten im Kleinbürgertum und sogar noch darunter. Merkwürdigerweise dachte man tatsächlich auch zu der Zeit, dass das Sperma des Mannes die Milch der Mutter verderben würde. Statt zu stillen, musste man also den Geschlechtsverkehr mit dem Mann bevorzugen, weil man es wichtiger fand, die Moral zu schützen und einen Seitensprung des Ehemanns zu verhindern.

Um eine gute Mutter zu sein, muss eine Frau also alles machen und sich für ihr Kind aufopfern. Was sind die Konsequenzen für die Gesellschaft?

Eine Konsequenz ist, dass man sehr frustrierte Frauen erzeugen kann. Die zweite, dass viele Frauen sich entscheiden, keine oder weniger Kinder zu haben. Die „Child Free“-Frauen werden zu einem bedeutenden Phänomen in manchen westlichen Ländern - in Deutschland, aber auch in Japan. Das ist langfristig eine Katastrophe für die Gesellschaft und die Wirtschaft eines Landes, wenn es zum Beispiel um Renten-Zahlungen geht. Deswegen finde ich persönlich, dass es eine schlechte Politik ist, die eine Senkung des Bruttoinlandsprodukts bedeutet. Man muss ganz im Gegenteil alles tun, um Frauen zu helfen - unter anderem, damit sie ihre finanzielle Unabhängigkeit bewahren. Diese haben sie nicht mehr, wenn sie gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten.


40