Bayern 2 - Notizbuch


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Animal Aided Design Städte für Wildtiere attraktiv machen

Nicht nur exotische Tiere wie Pandas und Eisbären sind vom Verschwinden bedroht. Auch Heimisches wie Schwalben, Spatzen, Igel oder Kröten verliert zunehmend seinen Lebensraum. Häuser werden "dichtgemacht", Wiesen müssen Rasen weichen, Kröten schaffen es nicht mehr über die Straßen. Aber um Tiere in der Stadt zu halten, brauchen sie genügend und passenden Lebensraum. Wissenschaftler der TU München und Kassel haben deshalb ein entsprechendes Programm entwickelt. "Tiergestütztes Gestalten".

Stand: 13.07.2016

Wo früher auf dem Bauernhof reger "Flugverkehr" herrschte, ist heute weitgehend Ruhe im Luftraum. Die Hightech-Ställe bieten keine Start- und Landeplätze mehr für Schwalbe, Mauersegler und Co. 2015 haben Vogelschützer so wenig Mauersegler gezählt wie schon seit zwölf Jahren nicht mehr; Experten des Landesbundes für Vogelschutz machen dafür auch moderne Gebäudesanierungen mitverantwortlich. Und Insekten wie Wildbienen und Schmetterlinge finden in der "aufgeräumten" Landschaft keine Nahrung und keine Brutmöglichheiten mehr.

Wildbienen - Unersetzlich als Bestäuber

Umzug in die Stadt - Kulturfolger

Mensch und Wildtier - Wie's früher war auf dem Land

Das Leben auf dem Bauernhof vor 100 Jahren war ziemlich wild. "Wild" im Sinn von unkontrolliert, ungeregelt, unzusammengeräumt - und damit sehr unkompliziert in Sachen Zusammenleben oder Nebeneinanderherleben von Mensch und Wildtier. Bauernhöfe waren damals kleine, eigene Ökosysteme. Es gab Tümpel, um die sich keiner kümmerte. Die Bauerngärten waren reich an Nektar und Samen, die Ställe, Dächen und Scheunen standen Schwalben, Fledermäusen und Eulen offen. Wo es Feuchtwiesen gab, waren die Störche nicht weit.

Manche Tiere wie Fledermäuse oder Igel versuchen es über die Jahrzehnte mit einem Umzug in die Stadt. Paradebeispiel der sogenannten Kulturfolger: der Spatz. Eigentlich ist er nicht sehr anspruchsvoll. Doch Spatzen sind Gebäudebrüter, sie brauchen Gebäude als Nistplatz. Nahrung ließe sich noch irgendwie auftreiben, zur Not fliegt der Spatz dem Menschen morgens in die Bäckerei hinterher. Doch ohne Bleibe, ohne "bebaubare" Lücke in Gemäuer oder Kirchturm, muss der Spatz aufgeben. Genauso ergeht es den Dohlen, die häufig erfolglos nach Mauerritzen spechten. Der Specht wiederum bräuchte Höhlen in alten Bäumen und Totholz. In den penibel sauberen Gärten, Parks und Friedhofsanlagen allerdings heißt es diesbezüglich: Fehlanzeige.

"Tiere passieren in der Stadt, Tiere kommen vor oder auch nicht, und keiner weiß so recht, warum die Tiere vorkommen. Als Konsequenz von dieser Nichtplanung von dem Vorkommen von Tieren kann man dann das Pech haben, dass alle Lebensräume, die die Tiere bräuchten, nicht mehr da sind."

 Prof. Wolfgang Weisser *)

Animal Aided Design - Beim Bauen mit an die Wildtiere denken

Um Tiere in der Stadt zu halten, brauchen sie genügend und passenden Lebensraum. Wissenschaftler der TU München und Kassel haben dafür ein entsprechendes Programm entwickelt. Die Idee der Wissenschaftler heißt Animal Aided Design (AAD), zu deutsch "tiergestütztes Gestalten". Es bedeutet: Wenn irgendwo neu- oder umgebaut wird, müssen die Bedürfnisse der Tiere von vorn herein mit berücksichtigt werden. In der Praxis heißt das dann zum Beispiel, dass Architekten nicht nur an die schicke Fassade, sondern auch an den Buntspecht denken; dass Landschaftsplaner nicht nur die elegante Linie im Blick haben, sondern auch den Lebensraum für den Igel oder die Kröte.

Info

"Tiergestütztes Gestalten" oder "Animal Aided Design" denkt Tiere bei der Stadtplanung mit. Biologen erkunden welche Nischen, Ritzen und Fugen Tiere in Städten brauchen, um sich anzusiedeln, Nahrung zu finden und sich fortzupflanzen. Ihre Erkenntnisse geben sie an Architekten weiter - als Kriterienkatalog beim Bauen und energetischen Sanieren.

Quelle: *) Zitat von Prof. Weisser, in: planet-wissen.de


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