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Auftakt Frankfurter Buchmesse Das Ökosystem Buchmarkt im Umbruch

Es ist schon fast ein Ritual: Auf der Frankfurter Buchmesse wird erst die Zukunft der Branche debattiert, bevor es um Literatur geht. In diesem Jahr war dabei von Wald und Grünzeug die Rede – und von einer 600 Jahre alten Killer-App.

Von: Knut Cordsen

Stand: 11.10.2017

Besucher auf der Frankfurter Buchmesse | Bild: Frankfurter Buchmesse/ Peter Hirth

Vielleicht war der enorme Erfolg der Bücher des deutschen Oberförsters und Waldführers Peter Wohlleben über "Das geheime Leben der Bäume" daran schuld: Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, sprach zur Eröffnung der Messe von Wald, Bäumen und "Grünholz", als er die derzeitige Lage des Buchmarkts skizzierte: "Wenn der traditionelle Buchmarkt wie ein alter, gewachsener Wald ist, dann hat sich zwischen den mächtigen Baumstämmen jede Menge frisches Grünzeug angesiedelt. Dieses Grünzeug wächst ungeordnet, es ist nicht klar, um welche Arten es sich handelt, ob es überhaupt Bäume sind. Überall ist das Grünholz. Rund zweihundert Jahre lang blieben die Rahmenbedingungen im Papierbuchmarkt nahezu unverändert. Jetzt baut sich der Markt an allen Ecken und Enden selbst um."

Das "Ökosystem" Buchmarkt und die Formatfrage

Juergen Boos bei der Eröffnungs-Pressekonferenz zur Frankfurter Buchmesse

Das "Ökosystem" Buchmarkt, so Boos, befinde sich im Wandel, es gebe immer mehr "Outlets" für Inhalte: Neben den gedruckten Büchern Hörbücher, deren Umsatz gerade im digitalen Bereich stark steigt, aber natürlich auch elektronische Bücher – und Filme. Auch diese basieren schließlich auf Büchern, sekundierte einer der mächtigsten Männer der globalen Bücherwelt, Markus Dohle, der Chef des weltweit größten Verlagskonzerns Penguin/ Random House: "Der Durst von Hollywood nach attraktiven Geschichten inklusive neuer Akteure im Geschäft mit Bewegtbildern – von Netflix und Amazon bis Apple, Facebook, Hulu und Google – war nie größer als heute. Jede Übersetzung von Geschichten in Serien und Filme führt im Umkehrschluss wieder zu signifikanten Verkäufen der Geschichte im Original, nämlich im Buchformat."

Über Formate spricht Dohle aus New York besonders gerne, und seine Rede zur Lage des Buchmarkts war gespickt mit markigen Worten: "Ich habe immer betont, dass die Essenz der digitalen Transformation des Buchgeschäftes nicht in der Formatfrage liegt. Wir haben uns bewusst immer formatagnostisch, formatneutral aufgestellt. E-Books sind schlicht nur ein neues Format, vergleichbar mit der Einführung von Paperbacks durch Penguins Allen Lane in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts."

Vom Nutzen des Bücherlesens

Der Formatagnostiker Markus Dohle predigte Optimismus in seiner Frankfurter Rede. Es gebe, paradoxes Ergebnis der Disruption, eine "Renaissance des gedruckten Buchs". Allein in den Vereinigten Staaten habe sich John Greens verfilmtes Jugendbuch "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" über zehn Millionen Mal verkauft.

Markus Dohle bei seinem Auftritt in Frankfurt

"Fakt ist, dass die meisten globalen Mega-Beststeller der vergangenen zwanzig Jahre Jugendbücher waren," so Dohle. "Darüber hinaus haben Hirnforscher festgestellt, dass das Lesen im Kinder- und Jugendalter in long-form und besonders in Print-Formaten und damit das Hineinversetzen in komplexe Handlungen und Personen Synapsen im Gehirn erzeugt, die durch keine andere Nutzung von Medien und Aufnahme von Information erzeugt werden können. Durch das Lesen von Geschichten in Buchform und besonders im Print wird also nicht nur empathisches Verhalten geschult, es macht uns schlicht smarter." Deshalb investiere Penguin/ Random House jährlich rund 750 Millionen Dollar in Geschichten und setze auf wachsende Märkte, "emerging markets" wie Indien und Brasilien.

Der Buchdruck als "Killer-App"

Teilweise wirkte es wie eine road show, was der 49-jährige Markus Dohle vor der internationalen Presse mit ungebrochener Selbstgewissheit präsentierte: "Meine Damen und Herren, ich bin mir sicher, dass wir den Herausforderungen der digitalen Transformation des Buchgeschäftes begegnen und sie letztendlich auch meistern können. Dieser Optimismus basiert auf der Überzeugung, dass das Geschichten-Erzählen und auch das Geschichten-Konsumieren auch für kommende Generationen wichtig und attraktiv bleiben wird. Es ist, wie Margaret Atwood sagt, quasi in unserer DNA verankert."

Und für die Erfindung des Buchdrucks hatte Markus Dohle dann auch noch eine schöne Formulierung parat: Der Johannes Gutenberg habe da "vor 600 Jahren" eine richtige "killer application kreiert". Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal Ihren leseunwilligen Kindern Bücher anpreisen: So ein Buch, das ist die "Killer-App".


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