Bayern 2

Food Report 2018 Essens-Trends: Du bist, was du nicht isst

Essen war schon immer Ausdrucksform, sagt die Food-Trend-Expertin Hanni Rützler. In einer Überflussgesellschaft definiere man sich aber mehr und mehr über das, was man beim Essen weglasse. Ein Gespräch über neue Essenstrends.

Von: Dagmar Schwermer

Stand: 13.01.2018

Dagmar Schwermer: Glutenfrei, laktosefrei, kohlehydratarm - woher kommen diese Moden?

Hanni Rützler, Food-Trend-Expertin: Essen ist Ausdrucksform. Wir spüren eine zunehmende Individualisierung, wir sind auf der Suche nach einer Ernährungsweise, die in unseren Arbeitsalltag passt. Und im Lebensmittelüberfluss heißt es eben auch wählen lernen.

Ist ja spannend auch für Soziologen, also Verzicht, anders essen, vielleicht auch als Klassenmerkmal?

Essen war natürlich immer schon eine Ausdrucksform. Aber jetzt wird es eben individualisierter und das macht es natürlich noch mal superspannend. Die Betroffenen, die neue Ernährungsstile für sich gefunden haben, die kommunizieren sehr intensiv. Also wenn man Veganer ist, die sind ja im Internet vernetzt und diese Informationsmacht hat die Macht des Konsumenten erhöht. Und was noch dazu kommt, dass diese Foodies wirklich das Essen als Teil ihrer Lebenswelt erfahren, wo sie direkt Einfluss nehmen können. Das ist in vielen anderen Lebensbereichen viel schwieriger.

Frau Rützler, Sie deuten es schon an: Gemüse, Pflanzliches schiebt sich aus der Beilagenecke in die Mitte vom Teller. Geh ich zum Apulier, zum Inder, zum Israeli, da wird einem fleischlose Küche sehr leicht gemacht, was passiert da?

Wir versuchen bewusster mit Fleisch umzugehen, auch zu versuchen, was passiert, wenn man es weglässt. Und da tut sich meistens eine Lücke auf, weil nur Beilagen essen ist oft eine langweilige Sache und wird auch diesem Bedürfnis nicht gerecht. Also wir machen uns auf die Suche nach neuen Gerichten, die uns nicht vor Augen führen, dass etwas fehlt, was wir gelernt haben, alltäglich zu essen. Und da braucht man noch Inspirationen von anderen Esskulturen und vor allem auch einen viel liebevolleren Umgang mit Gemüse.

In solchen Kulturen gibt es ja vielfach Häppchen, Antipasti. Das ist ja obendrein eine sehr soziale Angelegenheit und auch nicht mehr so förmlich. Noch ein Trend?

Wir sehen ja, dass sich die ganze Mahlzeitengestaltung bei uns geändert hat. Um die Jahrtausendwende ist das Abendessen die familiärste Mahlzeit geworden. Hier kommen am ehesten die Familienmitglieder zusammen. Das hat das Mittagessen auch verändert. Tapas, auch diese Mezze, also verschiedene Gerichte teilend - und da wird auch nicht mehr so streng unterschieden zwischen Vor- und Hauptspeise, sondern mehr so ein probierendes Naschen, ein Teilen, das Austauschen. Das macht's auch leichter, wenn irgendjemand was spezielles weglassen will. Und ich glaub, die Lösung für unser Essproblem, nämlich, wie können wir überhaupt noch gemeinsam essen, wenn jeder was anderes will, bietet hier einen neuen Lösungsansatz.