Bayern 2

"Den Koffer trag ich selber" Eva Demski hat ihre Lebenserinnerungen geschrieben

Mit Witz und Selbstironie erzählt Eva Demski in ihrem aktuellen Buch "Den Koffer trag ich selber", wie sie als Kind allen Widerständen zum Trotz ihren Weg machte und sich in den unterschiedlichsten Lebenslagen behaupten konnte. Antonio Pellegrino hat mit ihr über die Liebe zum Theater, Geistesgrößen der Bundesrepublik und den Literaturbetrieb gesprochen.

Stand: 13.11.2017

Mit Witz und Selbstironie erzählt die in Regensburg geborene Schriftstellerin Eva Demski, wie sie als unerwünschtes Kind allen Widerständen zum Trotz ihren Weg machte und sich in den unterschiedlichsten Lebenslagen behaupten konnte. Und sie schildert ihre außergewöhnlichen Begegnungen mit den Geistesgrößen der Bundesrepublik: Rose Ausländer, Wolfgang Koeppen, Walter Kempowski und Marcel Reich-Ranicki.

Antonio Pellegrino: Regensburg ist Ihre Geburtsstadt. Sie sind das einzige Kind des Bühnenbildners Rudolf Küfner. Lange haben Sie aber dort nicht gelebt.

Eva Demski: Nein, das ergab sich so. Mein Vater kam aus der Gefangenschaft und sauste, glaube ich, direkt ins Theater, weil das der Traum seines Lebens war. Er war dort aber nur der zweite Mann, der ganz junge, der gerade zurückgekommen war, und es gab so einen Löwen am Regensburger Stadttheater, den hat er ein bisschen bekämpft. Dann bekam er das Angebot, nach Wiesbaden ans Stadttheater zu gehen, und die ganze kleine Rotte zog nach Wiesbaden, wo wir mit dem Regisseur Fritz Umgelter und einem Beleuchter des Theaters in einem Haus wohnten. Es war ein totaler Theaterhaushalt. Und dann gab es dort bald einen neuen Intendanten, der schmiss alle raus. Da kam Fritz Umgelter und sagte zu meinem Vater, er solle nach Frankfurt zum Fernsehen gehen. Die würden dort zwar nur Schmarrn machen, aber sie hätten Geld. Und so kamen die beiden Herren zum Fernsehen und ich nach Frankfurt. Mit neun Jahren.

War das für Sie eine Spielwiese?

Ja, ich habe wirklich versucht, so viel wie möglich davon mitzukriegen, das ging auch ganz gut. Ich war ein relativ unauffälliges Kind, das die Klappe halten und sich unsichtbar machen konnte. Und ich war unglaublich gern in diesen Werkstätten.

Nach turbulenten Jahren in verschiedenen Städten und Universitäten haben Sie sich in verschiedenen Berufen ausprobiert.  

Ich habe sehr früh einen Hang zu Unabhängigkeit gehabt. Ich wollte immer mein eigenes Geld haben, und zwar schon ganz früh, noch in der Schule, und ich habe dann so eine Tour d’horizont gemacht - von der Totengräberin über die Pflegeschwester - und immer wieder in Kneipen gearbeitet, wo ich auf allen Stationen eine ganze Menge vom Leben und vom Tod gelernt habe.

Und später sind Sie in das sogenannte Medienfach hineingerutscht.

Ja, über den Umweg Theater – das Theater hat in meinem Leben immer eine Rolle gespielt, also ich war in der Dramaturgie für Oper und Schauspiel. Dann war ich kurz mal im ehrwürdigen Suhrkamp Theater Verlag. Und dann ging's mit dem Hörfunk los, in die Medien.

War die Tatsache, dass Sie schon Erfahrungen im Radio und im Fernsehen und als Lektorin gesammelt hatten, ausschlaggebend für Ihren Entschluss, selbst zu schreiben? Was war das Movens?

Im Studio des BR: Marcel Reich-Ranicki, Eva Demski, Peter Laemmle, Joachim Kaiser (2001).

Es gab überhaupt keins. Ich habe natürlich immer geschrieben. Man tut das ja als Journalist. Auch, dass es sich in Romanen ansiedeln würde, in meinem Hirn und auf dem Papier, das ist mir ganz lange eigentlich nicht so klar gewesen. Weil ich das nicht als den Eintritt in ein Heiligtum gesehen habe. Es war eine Arbeit, die sich entwickelt hat. Ich hatte nicht diesen feierlichen Moment, da zu sitzen und mich im Spiegel anzugucken und zu beschließen, Schriftstellerin zu werden. Diesen Moment gab es nicht, und ich müsste auch über jede Attitüde dieser Art lachen.

Welche Jahre waren für Sie das "überfüllte Jahrzehnt"?

Das ergab sich eigentlich daraus, dass ich in einem Zeitraum von zehn Jahren sowohl Abitur gemacht habe als auch Witwe wurde. Das ist ja biografisch nicht so üblich, jedenfalls nicht in Friedenszeiten. Und dann habe ich 1964 bis 1974 Revue passieren lassen. Was in diese zehn Jahre alles reingepasst hat! Da quoll dann doch der Koffer dieses Jahrzehnts ziemlich über.

1968 - ein Schicksalsjahr, auch für Sie?

Ach, ich weiß nicht. Man sagt das ja nicht in der Situation. Man sagt ja nicht: Ich lebe jetzt in einem Jahr, es wird ein historisches Jahr. Diese "68er"-Zeit hat es für jeden gegeben, und zwar mit ganz unterschiedlichen Anfängen. Die Münchner Musiker, die 1966 die Auslöser für Unruhen wurden, 1967 war ein Jahr, in dem sehr viel passiert ist. Jeder hatte seinen persönlichen Beginn, aufzubegehren bzw. überhaupt mal darüber nachzudenken, was einen drückt und zwickt im Leben. Ich würde dieses 68 nie so als Zäsur sehen, sondern einfach mittlerweile als das Etikett, das auf einer Epoche klebt.

Wie war Ihr Verhältnis zu der sogenannten – Zitat von Ihnen – "Gruppe", also zur RAF?

Distanziert, erstaunt, zum Teil solidarisch, fremd. Es gab da eine wahnsinnige politische Arroganz. Die gab es aber in vielen Gruppen der damaligen Zeit, in all den Gruppen, die sich im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit fühlten, und mit denen hatte ich immer Probleme. Ich war zu skeptisch, um gläubige Marxistin oder gläubige Trotzkistin oder sonst irgendeine Gläubige werden zu können. Ich habe damals angefangen ein Buch zu übersetzen, "Anarchismus. Begriff und Praxis" von Daniel Guérin. Das war meine erste Auftragsarbeit für Suhrkamp. Und ich war vom Inhalt dieses Buchs so begeistert, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, einen Geistesverwandten gefunden zu haben. Auch ein Skeptiker, der in Frage stellt, der andere Geschichten erzählt als die offiziell erzählten Geschichten.

"Memoir" und nicht mehr "Memoiren" ist die Gattung, die heute literarisch angesagt ist, das sogenannte soziologische Erzählen. Wie stehen Sie dazu oder bleiben Sie lieber bei den konventionellen autobiografischen Schilderungen?

Es gibt ja einen Grund, warum ich nicht autobiografisch sage. Ich sage Erinnerungen, weil Autobiografie signalisiert, es geht um einen selber. Ich hätte aber nicht meinetwegen dieses Buch geschrieben, sondern wegen dieses großen Panoramas von Gestalten, die in meinem Leben aufgetaucht und wieder verschwunden sind. Menschen, die mir in Erinnerung geblieben sind oder die ich gerne in die Erinnerung zurück bringen würde. Da haben doch viele Skurrile, Liebenswürdige, Begabte, Unbekannte oder für kurze Zeit Bekannte ihren Auftritt. Deswegen Erinnerungen, ich bin der Spiegel, ich bin nicht das Zentrum.

Kleine und große Berühmtheiten… Da wollen wir doch einen Rundgang durch ihre persönliche Walhalla riskieren. Unübersehbar Marcel Reich-Ranicki.

Ja, der gehört natürlich dazu, denn ich habe ihn ja ganz früh kennengelernt, da war er noch längst nicht so berühmt, aber schon fast so gefürchtet. Und ich habe sein Leben begleitet und er in gewisser Weise auch meins. Er ist so eine Figur, die zu beschreiben ich eigentlich großen Spaß hatte, weil ich mich gern durchlavieren wollte, durch die kniende Heldenverehrung auf der einen Seite und das Pamphlet auf der anderen Seite. Er hat ja nun fürchterlichste Bewunderung ausgelöst, wie fürchterlichsten Hass. Ich wollte beides irgendwie weglassen und den Menschen angucken. Und das habe ich in einem kleinen Teil dieses Buches getan.

Haben Sie Probleme mit der Definition eines Kollegen, Sie seien eine großartige Unterhaltungsschriftstellerin?

Da kann man nix machen. Und ich habe ja auch die Verzückung erlebt, mit der ungeheure Langweiler gefeiert worden sind. Aber die Unterhaltungsschriftstellerin wird tatsächlich nicht ganz ernst genommen. Außerdem ist das auch so eine Männersache. Ich habe sehr viele respektabel schreibende Frauen kennengelernt, die sofort in dieses Kitsch- und Unterhaltungseckchen gejagt wurden. Das hat mich bei anderen vielleicht mehr geärgert als bei mir selber. Ich kann damit mittlerweile umgehen, und ich kann nur eines sagen: Langeweile war noch nie eine literarische Kategorie.

Ist Ihr Verhältnis zum heutigen Literaturbetrieb auch so entspannt?

Völlig, weil man hat heute ja ganz andere Möglichkeiten. Ich glaube ungeliebt, so wie wir, muss sich heute keiner mehr fühlen. Denn es gibt digital so unglaublich viele Möglichkeiten, Follower zu finden. Das kann jeder. Sind die jungen Leute aber kaum trocken hinter den Ohren, schon sind sie lustigerweise scharf auf ein gedrucktes Buch. Daran wird sich, glaube ich, so schnell nichts ändern. Und die Veröffentlichung im Selbstverlag gilt auch nicht als ganz so fashionable. Also unser altmodisches Seitenspiel, das geht, glaube ich, noch eine ganze Weile weiter. Auch bei den Jungen.


"Den Koffer trag ich selber: Erinnerungen" von Eva Demski ist im Inselverlag erschienen.