Zwischenbilanz Energiewende in Bayern
Gemeinden bauen Windparks und bohren nach Erdwärme, die Bürger installieren Solaranlagen auf dem Dach oder Mini-Blockheizkraftwerke im Keller. An privatem oder kommunalem Einsatz fehlt es schon seit Jahren nicht bei der Energiewende. Aber nicht alles läuft rund. Kommt die Energiewende in Bayern voran? Gibt es Rückschläge?
Vielerorts wehren sich die Bürger gegen neue Stromtrassen oder Pumpspeicherkraftwerke, stehen die Anlagen doch sozusagen vor ihrer Haustür. Und es fehlt die große Koordination. Die bayerische Staatsregierung nimmt das Thema erst seit der Katastrophe von Fukushima offenbar richtig ernst.
Damit Bewegung in die Energiewende kommt, ist die Energieagentur Bayern gegründet worden. Die Mitarbeiter sollen Gemeinden beraten, Verbraucher informieren und die Fortschritte beim Energieumbau dokumentieren. Diese gibt es zwar, aber der Ausbau der dringend benötigten Stromnetze verzögert sich und die Akzeptanz für Windenergie ist eher noch gering.
So steht's um die Energiewende
Solar
In Bayern sind bis zum Herbst 2011 Photovoltaikanlagen installiert worden, die mehr als 7.000 Megawatt produzieren können. Das entspricht, unter idealen Bedingungen und wenn die Sonne stark scheint, der Leistung von fünf großen Kernkraftwerken wie Grafenrheinfeld. Bayern - ein Land mit vielen Sonnenstunden jährlich - ist seit Jahren Spitzenreiter beim Ausbau der Photovoltaik, auch wegen der bislang üppig fließenden Fördergelder. Dieser Teil der Energiewende läuft bestens im Freistaat, das war auch schon vor der Katastrophe von Fukushima so.
Wind
Im Freistaat werden vermehrt Windkraftanlagen geplant und gebaut. Die Grundstückseigentümer, zumeist Landwirte, können je nach Ertrag mit 10.000 bis 25.000 Euro Pacht im Jahr rechnen, die Investoren bekommen für ihr Geld hohe einstellige Prozentsätze an Zinsen. Saubere Energie und Geld für alle. Dennoch gehören Windräder zu den umstrittensten Projekten der Energiewende. Windräder verschandeln die Landschaft, sind laut, werfen große Schatten und rentieren sich im relativ windarmen Bayern mancherorts gar nicht. Das sind die Befürchtungen der Gegner. Und so drehen sich derzeit nur knapp fünfhundert Windräder im Freistaat. Im Jahr 2011 sind immerhin 75 neue hinzugekommen, das sind so viele, dass sich Bayern beim Ausbau bundesweit von Platz neun auf Platz fünf verbessert hat. Allerdings kann die bayerische Windkraft im Moment auch in Spitzenzeiten nur die Leistung eines kleinen Kernkraftwerks erreichen. Und es gibt in Bayern erst ein Drittel der 1.500 Anlagen, die das Ziel für die kommenden zehn Jahre sind.
Höchstspannungsleitung
Bundesweit fehlen nach einer Schätzung der Deutschen Energieagentur Dena 4.500 Kilometer neue Leitungen, die 380-Kilovolt-Trassen. Beim Ausbau der Thüringer Strombrücke bis 2015 geht es beispielsweise auf der bayerischen Seite um den Neubau von 25 Kilometern. Weitere rund hundert Kilometer Trasse sollen von 100-Kilovolt auf 380-Kilovolt aufgerüstet werden. Die Leitungen führen zum Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, das 2015 vom Netz gehen soll. Gegner halten das Projekt daher für sinnlos. Zusätzlich soll in Südbayern eine neue Höchstspannungsleitung gebaut werden, von der Isar bei Landshut rund hundert Kilometer runter an den Inn, zum neuen Gaskraftwerk Haiming. Die Realisierung wird - bis auf einen kurzen Abschnitt - nicht vor 2020 sein. Bereits jetzt müssen Windkraftwerke ihre Leistung reduzieren, weil die entsprechenden Netze nicht vorhanden sind.
Mini-Blockheizkraftwerk
Die Energiewende findet auch im privaten Hauskeller statt: etwa durch ein Mini-Blockheizkraftwerk. Das verbrennt Gas und produziert so Strom. Und mit der Wärme, die dann noch übrig bleibt, lässt sich das Haus heizen. Allerdings sind die Mini-Blockheizkraftwerke noch recht teuer und rentieren sich nur, wenn man mit stark steigenden Strompreisen rechnet. In einem Punkt sind sie aber nahezu unschlagbar: Der Nutzungsgrad liegt bei über neunzig Prozent. Langfristig ist dies eine Möglichkeit, den Bau von zentralen Großkraftwerken zu verhindern: indem man sehr viele Kleinanlagen ins Netz integriert.
Gaskraftwerk
Vier bis fünf neue Gaskraftwerke sollen in Bayern entstehen, möglicherweise im niederbayerischen Pleinting, im schwäbischen Leipheim oder im unterfränkischen Dettelbach - das steht im Energiekonzept der bayerischen Staatsregierung. Nur ein Kraftwerk wird demnächst fertig: Haiming im Landkreis Altötting. Geplant lange vor Fukushima. Diese Kraftwerke könnten dann Strom produzieren, wenn Sonne und Wind nicht genügend liefern. Der Bau der Gaskraftwerke rentiert sich nur, wenn der Staat Geld zuschießt. Bis Brüssel und Berlin darüber entscheiden, warten die Kraftwerkskonzerne ab - genauso wie die Trassenbetreiber. Zur Absicherung hat Bayern ein Abkommen mit Gazprom geschlossen. Der russische Monopolist will nicht nur Gas nach Bayern liefern, sondern sich eventuell auch am Bau eines Kraftwerks beteiligen.
Jeder "wurschtelt" vor sich hin
Doch ob neue Fördermittel, Stromtrassen oder Gaskraftwerke - überall ist man vom Bund abhängig. Auch die Energiekommission des Bayerischen Landtags hört vor allem Experten an, darf aber nichts entscheiden. In der Energieagentur schließlich sitzen zwar viele Minister, aber nur eine Handvoll hauptamtliche Mitarbeiter. Das reicht nicht, um alle Beratungswünsche zu erfüllen. Viele Bürgermeister beklagen deswegen, jeder "wurschtle" vor sich hin oder schaue, was die Nachbargemeinde macht. Währenddessen rückt 2022 immer näher, das Jahr, in dem in Bayern das letzte Atomkraftwerk vom Netz gehen soll.

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