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Das Röhren der Jukebox 5 Songs, die ein Peter Handke-Fan gehört haben muss

Rockmusik und Peter Handkes Werk gehen Hand in Hand: Von den ganz frühen Theaterstücken bis hin zu den Journalbänden der Gegenwart - Rockmusik ist Inspiration und dient als Impuls- und Strukturgeber. Zum 75. Geburtstag des österreichischen Autors präsentieren wir fünf Songs, die man als Handke-Fan gehört haben muss.

Von: Oliver Kobold, Jochen Wobser

Stand: 17.11.2017

Automatenfoto 1967, Selbstportrait im Fotoautomat | Bild: Suhrkamp Verlag

The Beatles - "I Want To Hold Your Hand"

"Ohne zunächst wissen zu wollen, wer die Gruppe war, deren Stimmen, getragen von den Gitarren, gleichermaßen einzeln, durcheinander und endlich unisono erbrausten, staunte er einfach. Als er dann aber bei seinem selten gewordenen Radiohören einmal erfuhr, wie der Chor der frechen Engelszungen hieß, die mit ihrem mir nichts, dir nichts hinausgeschmetterten 'I Want to Hold Your Hand', 'Love Me Do', 'Roll Over Beethoven' alles Gewicht der Welt von ihm nahmen, wurden das die ersten sozusagen 'unernsten' Platten, die er sich kaufte [...] Wann würde je wieder solch eine Anmut in die Welt treten?"

Peter Handke, "Versuch über die Jukebox" (1990)

Creedence Clearwater Revival - "Lodi"

"Und als er weg war, kam aus der Jukebox wieder das 'Lodi' von den Creedence Clearwater: 'Somewhere I lost connection', wie eine Ergänzung zu jenem mittelalterlichen Klage-Freude-Gesang des Einzelsängers, den ich in den letzten Wochen immer wieder in den leeren steinernen romanischen Kirchenhallen gehört hatte, ausklingend jeweils – nach dem wiederholten 'eo miseri' – jenem frenetischen 'laetitia!'"

Peter Handke, "Am Felsfenster morgens" (1998)

The Rolling Stones - "Tell Me"

Regeln für die Schauspieler: "... Das allmähliche Lautwerden einer Betonmischmaschine nach dem Anschalten des Motors anhören. Das Inswortfallen bei Debatten anhören. 'Tell me' von den Rolling Stones anhören. Die zugleich geschehenden Einfahrten uns Ausfahrten von Zügen anhören...."

Peter Handke, "Publikumsbeschimpfung" (1966)

Van Morrison - "Coney Island"

"Sing mir das Lied vom geglückten Tag! Es gibt tatsächlich ein Lied, das diesen Titel haben könnte. Van Morrison singt es, 'mein Sänger' (oder einer von ihnen), und es heißt in Wirklichkeit anders, hat seinen Namen von einem kleinen, sonst gleichgültigen Ort, und erzählt, ja, Bilder von einer Autofahrt an einem Sonntag: Fischen in den Bergen, Weiterfahren, Sonntagszeitungen-Kaufen, Weiterfahren, ein Imbiss, Weiterfahren, der Schimmer deines Haars, die Ankunft am Abend, und die letzte Zeile, etwa so: 'Warum kann nicht jeder Tag sein wie der?'
Es ist ein sehr kurzer Song [...] und von jenem Tag wird mehr sprechend als singend erzählt, sozusagen sang-, klang- und tonlos, ein Murmeln gleichsam im Vorübergehen, dabei aus einer mächtig geweiteten Brust, im Moment der größtmöglichen Weite jäh abbrechend."

Peter Handke, "Versuch über den geglückten Tag" (1991)

Michelle Shocked - "Anchorage"

Das Lied, das die Jukebox da spielt, erzählt von dem Brief einer jungen Frau, die es weit weg verschlagen hat aus ihrer Gegend und von allem Gewohnten wie Erträumten, und die nun ganz tapferes, vielleicht auch trauriges Staunen ist, wird gesungen in das abendliche Bahnhofsland von Monfalcone hinaus von der Freundinnen-Stimme der Michelle Shocked und heißt "Anchorage, Alaska".

Peter Handke, "Versuch über die Jukebox" (1990)

Das Röhren der Jukebox - Peter Handke und das Versprechen der Rockmusik

Von Oliver Kobold und Jochen Wobser
Ton und Technik: Michael Krogmann und Daniela Röder
Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Katja Huber
Produktion: BR 2017

Die Autoren

Jochen Wobser arbeitet als Radio- und Fernsehjournalist für den Bayerischen Rundfunk. Seine Themen: Literatur, Popkultur und Soziales. Gemeinsam mit Oliver Kobold gründet er 1998 das Literaturprojekt "Moosbrugger tanzt!", das seitdem Hefte publiziert und Performances veranstaltet. Auch als Musiker ist er zu hören, etwa in den Klabund-Vertonungen des Liedermachers Heinz Ratz.

Oliver Kobold ist Literaturwissenschaftler, Autor und Lektor, er lebt in Stuttgart. Seine Themen bei Veröffentlichungen und Rundfunkarbeiten: Literatur, Musik und Kunst. Oliver Kobold ist Co-Autor zweier SPIEGEL-Bestseller von Wolfgang Niedecken: "Für 'ne Moment – Autobiographie" (2011) und "Zugabe – Die Geschichte einer Rückkehr" (2013).

Hier können Sie das Manuskript zur Sendung herunterladen.

Handke und die Rockmusik Format: PDF Größe: 278,12 KB


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