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Bayern 2-Empfehlung Chris Fitch, "Atlas der ungezähmten Welt"

Wie eine Geheimkarte sieht es aus, das einladend mattgrüne Cover dieses bibliophilen Bandes, den man gern in die Hand nimmt. Kippt man den "Atlas der ungezähmten Welt" von Chris Fitch geringfügig, bemerkt man, einem Geldschein nicht unähnlich, rubinrot schimmernde Linien und Symbole - darunter einen Totenkopf.

Stand: 05.12.2017

Das Buchcover "Atlas der ungezähmten Welt" von Chris Fitch | Bild: Brandstätter Verlag, Montage: BR

Spätestens beim roten Rücken des Atlas ahnt man die unausgesprochene, warnende Botschaft: Achtung! Dies ist kein Vademecum, schon gar kein Führer zu all den "ungezähmten Orten", die hier in 45 wohldosierten Steckbriefen charakterisiert werden. Zum Beispiel tief unter der pittoresken Oberfläche des ukrainischen Odessa.

"Der einzige offizielle Eingang in die Katakomben ist heute das Museum der Heldenhaften Partisanen. Hier wird die Geschichte der Tunnel dokumentiert, sind Waffen, persönliche Gegenstände, Fotografien und Papiere, die man in den Gängen gefunden hat, ausgestellt. Glaubt man den Gerüchten, so bestehen nach wie vor mehr als eintausend sowohl illegale als auch legale Zugänge, die man unmöglich versiegeln kann. Und aufgrund der Tatsache, dass sich manche nach wie vor ihr Baumaterial aus den Katakomben holen, wird diese Wildnis im Untergrund immer noch von Jahr zu Jahr größer."

aus Chris Fitch: Atlas der ungezähmten Welt

Präzise recherchiert

Fitch schafft es, in seinen kompakten Ortsbeschreibungen den historischen Hintergrund - mit Blick auf Odessa etwa den turbulenten zeitgeschichtlichen Nutzungswandel der Katakomben - unterhaltsam und kurzweilig einfließen zu lassen, ohne dabei auf wichtige Fakten zu verzichten. Je nach Schauplatz sind das erdgeschichtliche, kulturelle, politische oder naturwissenschaftliche Details, Anekdotisches grenzt der britische Autor klar von seinen so präzisen wie anschaulich präsentierten Recherchen ab. Wenn er alle Orte wirklich selbst in Augenschein genommen hat, dürften die Reisekosten für das Buch sogar mit einer Millionenauflage nicht eingespielt werden.

Reise zu "ungezähmten" Orten

Unterteilt hat er die Sammlung in sechs Rubriken: Die Extremen, die Unberührten, die Verwilderten, die Rätselhaften, die Isolierten und schließlich die Geschützten. Er führt uns in die heißesten Wüsten, an lebensfeindliche Küsten, auf bis heute unbestiegene Gipfel, wie den 7.500 Meter hohen Gangkhar Puensum in Bhutan, auf den Archipel Tristan da Cunha im Südatlantik, wo der Inselname Inaccessible Island für sich steht, taucht in unvorstellbaren Tiefen des Marianengrabens ab oder verliert sich in den von der polnischen Regierung durch massive Einschlagspläne bedrohten Weiten des Bialowieza-Urwalds.

Extreme Abgeschiedenheit

Doch selbst auf vermeintlich bekanntes Terrain lockt Chris Fitch mit spannungsverheißenden Einführungen.

"Es gibt ein Frankreich, das Äonen von der Grandeur der Avenue des Champs-Élysées, des Eiffelturms oder dem Place Vendôme entfernt ist, ein archaisches Frankreich, in dem Menschen abseits von Staat, Rechtsprechung oder Regelwerk leben."

aus Chris Fitch: Atlas der ungezähmten Welt

Und schon steckt man im abenteuerlichen, undurchdringlichen Dschungel Inini, ein halbes Erdenrund weg von ausgelatschter touristischer Frankophilie. Die Handvoll Menschen, die dort in Saint-Élie heute noch lebt, ist nur per Hubschrauber oder - für Verwegene - über tagelange Fahrten auf gefährlichsten Pisten zu erreichen. Welche mafiaartigen Strukturen in Inini sogar dem französischen Militär trotzen, ist im Atlas nachzulesen, der auch den französischen Fotografen Christophe Gin zitiert: Er hat für eine Reportage den ungezähmten Ort aufgesucht.

"Inini ist eine der letzten Regionen, in denen wirkliche Freiheit herrscht, eine Ansammlung von Zonen, die sich außerhalb französischen Rechts bewegen."

aus Chris Fitch: Atlas der ungezähmten Welt

Schlicht und packend

Jeder Abschnitt ist mit präzisen farbigen Karten und exakten Geodaten ausgestattet, in Abgrenzung zur Hochglanzoptik zahlloser Reisemagazine und -führer sind die Fotos in schlichtem, aber deshalb nicht minder beeindruckendem Schwarz-Weiß gehalten.

So packend wie dieser junge Geograf, Radiojournalist und Globetrotter hat uns den blauen Planeten schon lange keiner mehr vorgeführt. Aufgehängt an den Extremen zeigt er uns die Einzigartigkeit unserer Erde, die selbst an den entlegensten Stellen von der Alldominanz des Menschen in Gefahr gerät.

Chris Fitch, Atlas der ungezähmten Welt. Eine Reise zu extremen Landschaften, unberührten Plätzen und wilden Orten
Aus dem Englischen von Barbara Sternthal  Brandstätter Verlag, Wien, Oktober 2017
Originaltitel: Atlas of Untamed Places, Aurum Press Ltd., London 2017
208 Seiten


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