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Idylle in der Megacity Die letzten Dörfer von Hongkong

Riesige Wohntürme, endlose Straßenschluchten - so kennt man Hongkong. Aber selbst in dieser Megacity gibt es noch 30 Dörfer. Wir haben drei davon besucht und nachgeforscht, wie die Bewohner ihre Idylle vor dem Bauboom schützen.

Von: Christiane Zwick

Stand: 10.01.2018

2017 gehört Hongkong seit 20 Jahren wieder zu China. Die Übergabe war ein wichtiger Einschnitt für die Menschen in der ehemaligen britischen Kronkolonie. Dabei sind sie Veränderung gewohnt. Hongkong steht für Geschäftigkeit und Schnelllebigkeit. Überall wird lautstark in die Höhe gebaut. Eine Stadt wie eine hochvolatile Aktienkurve. Verschnaufpausen von all dem Glitzer und der Geschäftigkeit bietet Hongkongs dörfliche Seite - die viele Hongkonger kaum kennen.

Vom Bank of China Tower in den Schrein

Dreißig Dörfer soll es in Hongkong noch geben. Irgendwie haben sie überlebt in dieser Megacity, die jedes Jahr anders aussieht. Wo alte Viertel verschwinden und Glastürme in die Höhe wachsen. Ich will wissen, wer dort noch wohnt und wie die kleinen Gemeinden dem Druck standhalten. Die Freundin einer Freundin erzählt mir von Pok Fu Lam. Wir verabreden uns dort.

Vom Bank of China Tower mitten im zentralen Finanzdistrikt fahre ich nur eine halbe Stunde mit dem Bus 37a. Chiu Ue Wan erwartet mich am Dorfschrein. Sie zieht Räucherstäbchen aus der bereitliegenden Großpackung, zündet sie an und verneigt sich Richtung Altar. Auf unserem Besuch soll Segen liegen. Chiu Ue Wan ist Grafikerin. Ab und zu kommt sie nach Pok Fu Lam, weil eine Kollegin hier wohnt. Heute hat sie sich mit deren Vater verabredet, damit er uns das 400 Jahre alte Dorf zeigen kann.

Idylle auf Zeit?

Chi Shing Chung, rundlich, grauer Haarkranz, kommt in Flip Flops die Treppen herab. Der Vater von Chius Kollegin hat heute frei. Früher versorgte er hier die Kühe der größten Milchfarm Hongkongs. Die wurde aufgelöst. Jetzt verdient er sich im nächsten Krankenhaus etwas dazu.

Chi eilt die Treppen den Hügel hinauf, am Gemeinschaftshaus und der Backstein-Pagode vorbei. Von oben sehen wir rund um das kleine Dorf 30-stöckige Hochhäuser. Sie stehen da, wo früher die Kuhweiden waren. Es wird weiter gebaut, eine neue Reihe Wolkenkratzer entsteht. Etwas Wald gibt es noch Richtung Viktoria Peak. Auf der anderen Seite des Bergs liegt Hongkongs Finanzdistrikt. Der Boden von Pok Fu Lam dürfte Gold wert sein. Chi macht sich darüber keine Gedanken. Er baut darauf, dass das Dorf die älteren Rechte hat.

„Ich mache mir keine Sorgen, dass wir vertrieben werden. Als die Regierung angekündigt hat, das Land zu beanspruchen, ist nach fünf Jahren Verhandlungen nichts passiert. Das Dorf wurde vor der britischen Kolonialzeit erbaut, in der Qing Dynastie. Diese Geschichte ist für die Regierung ein Problem und schützt das Dorf“, meint er zuversichtlich.

Chiu teilt diese Sorglosigkeit nicht. Sie schreibt neben ihrem Job als Grafikerin auch für eine Online-Zeitung und weiß, wie schnell in Hongkong Orte wie dieser verschwinden.

Sie hat den Abriss eines Dorfes miterlebt: „Ich und mein Freund wollten Fotos machen, von einem der Dörfer, bevor es zerstört wird, aber ungefähr 50 Sicherheitsleute haben eine Kette gebildet und niemandem reingelassen. Nur die Anwohner konnten rein, um ihre Sachen raus zu holen.“

Zonen für Experimente

Hongkongs Dörfer sind von der Immobilienspekulation bedroht. Manchmal stehen sie auch nur Infrastrukturplänen im Weg. Ich fahre mit der Metro nach Norden, in die dünner besiedelten New Territories nahe der alten Grenze zu China. Die Gemeinden hier haben seit langem ein anderes Problem: Landflucht. Die Menschen ziehen weg in gesichtslose Wolkenkratzer-Siedlungen. Zurück bleiben halb überwucherte Geisterdörfer und Orte ohne Infrastruktur. Eine Zone für Experimente, findet Chow Sze Chong.

Er hat mit Freunden Land gepachtet und eine Ökofarm gegründet: Sangwoodgoon. Die kleinen Felder der Initiative liegen in einer fruchtbaren Ebene zwischen bewaldeten Hügeln. Ein Holzschuppen dient als Aufenthaltsraum und als Hofladen. Davor sortieren zwei Mitstreiter Gemüse.

Chow Sze Chong weiß über die Geschichte des Dorfes gut Bescheid: „Sangwoodgoon entstand aus einer sozialen Bewegung vor vielen Jahren, als die Regierung eine Express-Bahnstrecke von Hongkong nach Guangzhou plante. Viele Dörfer an dieser Strecke sollten dem Erdboden gleich gemacht werden. Dagegen haben wir protestiert. Das war auch das erste Mal, dass ich Dörfer in Hongkong erlebt habe.“

Biogemüse und große Politik

Biogemüse aus Hongkong? Das muss man den Leuten erstmal schmackhaft machen. Die Ökofarmer laden sonntags alle, die Lust haben, zum gemeinsamen Essen auf den Acker und posten regelmäßig Fotos von ihrer Ernte auf Facebook. Für die Roten Bete gab es 70 Likes. Chow präsentiert sie auf dem Bild mit stolzem Lächeln und mit Dankbarkeit.

Das Wurzelgemüse und die Community-Events sollen die Menschen in Hongkong für ökologische Zusammenhänge sensibilisieren. Und damit sind sie durchaus politisch. Ich frage Chow nach den Regenschirm-Demos, die den Erhalt von Hongkongs Autonomie fordern. Er nimmt nicht an den Protesten in der Innenstadt teil, doch etwas bewegen will auch er:

„Statt uns in die erste Kampflinie zu stellen und in der Protestbewegung aktiv zu werden, versuchen wir hier etwas anderes für Hongkong zu tun. Buchstäblich und im übertragenen Sinn denken wir, dass ein guter Nährboden die Basis für alles ist.“

Eigeniniative, Geschichtsbewußtsein und kreativer Protest

Ich habe den Eindruck, dass die Initiativen Einzelner den Unterschied machen. In China haben es Nonkonformisten schwer, in der Sonderverwaltungszone Hongkong gibt es viele davon. Beispielsweise im Foo Tak Building. Das hat etwas von einem Dorf, wenn auch einem vertikalen. Darin befindet sich die Geschichtswerkstatt Old Textbook Room von Chi Chung Lau. Noch ein Jahr hat er diese Räume im Foo Tak Building, dann muss er weiterziehen, so sieht es der Mietvertrag vor. Wahrscheinlich wird auch hier ein neuer Wolkenkratzer gebaut, mit teuren Wohnungen.

Ein Dorf wie Pok Fu Lam, meine erste Station vom Anfang, kann nicht einfach weiterziehen. Deshalb wehren sich die Dorfbewohner auf kreative Weise gegen die drohende Vertreibung: Sie laden Künstler ein. Inzwischen sind viele Hauswände im Dorf voller Bilder: Poppige Graffiti mit Kühen, Drachen und grimmigen Fliegenpilzen. Und es klappt: Neugierige und Ausflügler schauen vorbei.

Das Dorf: Reichtum für die Stadt

Chiu Ue Wan meint, die Anwohner hätten sich "zusammengeschlossen, um sich als Marke vorzustellen, ganz im Geiste von Hongkong, um sich bekannt zu machen. Sie hoffen, dass wer den Ort kennt, wenn etwas passiert, ihn auch unterstützt,“ sagt sie.

Pok Fu Lam könnte sich also zu einer Sehenswürdigkeit mausern. Das Engagement und der Gemeinschaftssinn der Dorfbewohner beeindrucken nicht nur mich. Schon sind einige ehemalige Hochhausbewohner hierher gezogen. Auch Chi Shing Shung, der ehemalige Milchbauer aus Pok Fu Lam vermietet seit kurzem eine kleine Wohnung an Leute aus Downtown. Vielleicht spricht sich langsam herum, dass Hongkongs Dörfer der Stadt viel zu geben haben.

Alle Beiträge der Sendung

  • Dorfleben in der Mega-City: Rettet die Dörfer von Hongkong. Von Christiane Zwick
  • Cayos Cochinos vor Honduras: Trauminseln und Fluchtpunkt. Von Erika Harzer und Karlheinz Staymann
  • Im Regenwald Madagaskars: Auf den Spuren der Lemuren. Von Kerstin Welter

Die Songs der Sendung

  • My little airport: The Ok thing to do on Sunday afternoon is toddle in the zoo
  • Andy Palacio: Amunegü
  • Mikea: Nagnaia reliny

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.



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