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Buchtipp von Cornelia Zetzsche Karan Mahajan: "In Gesellschaft kleiner Bomben"

Der preisgekrönte Roman des amerikanisch-indischen Schriftstellers Karan Mahajan ist ein spannendes, aufwühlendes Buch, das Opfer und Täter durch ein Bombenattentat verlinkt, ohne dass sie sich kennenlernen.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 09.01.2018

BR-Redakteurin Cornelia Zetsche mit ihrer Buchempfehlung "In Gesellschaft kleiner Bomben" von Karan Mahajan | Bild: BR

Eigentlich ist es ein Morgen wie jeder andere in jenem Mai 96. Vikas Khurana hat seine beiden Söhne auf den Markt geschickt, um den alten Fernseher von der Reparatur zu holen. Dass sie unerlaubterweise ihren muslimischen Freund Mansoor mitnehmen, ahnen die Eltern nicht. Dass Shockie an diesem Tag eine Autobombe auf dem Lajpat Nagar in Delhi zündet, ändert alles. Die Khurana-Söhne kehren nie zurück, nur Mansoor überlebt.

"Wenn wir einen solchen Angriff sehen, fragen wir instinktiv: Warum tut jemand so etwas? Ich fühlte, wenn ich dem auf den Grund gehen und eine Art dreidimensionale Sicht herstellen könnte, würde es anderen helfen und mich selbst von diesen Fragen befreien."

Jaran Mahajan, amerikanisch-indischer Schriftsteller

Das Attentat als existenzielle menschliche Erfahrung

Karan Mahajan wurde 1984 in Connecticut geboren und wuchs in Neu-Delhi auf.

Gar nicht unsympathisch, dieser Terrorist: Shockie sorgt sich um seine kranke Mutter und um seinen Freund Malik, das Hirn der Terror-Organisation, während er selbst ihr Arm ist. Shockie, der Killer, den das Unrecht der indischen Besatzung in  Kashmir radikalisierte. Aber Karan Mahajan zeichnet keinen der Akteure schwarz-weiß. Täter und Opfer beschreibt er als unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft; das Attentat als existentielle menschliche Erfahrung, die Schwächen des Einzelnen, Risse in der Familie Khurana zu Tage bringt. Er folgt Malik, der verhaftet und schwer gefoltert wird, Shockie, der mordet und seinen Erfolg an der Zahl der Toten mißt. Karan Mahajan schildert beide Seiten in diesem nicht unbarmherzigen, aber super-coolen, ironischen Ton, der den Roman so besonders macht. Daß sich ausgerechnet Mansoor, ehedem Opfer des Terrors und lebenslang physisch wie psychisch verwundet, enttäuscht von der westlichen Zivilisation, Jahre später radikalisiert, ist die zweite Tragödie.

"Ich denke, das ist die seltsame Art und Weise, in der menschliches Leben funktioniert. Mansoor kann diese Verbindung nicht herstellen, denn der Anschlag, bei dem er Opfer wurde, geschah vor vielen Jahren. Wir Leser sehen ihn nur 50 oder 100 Seiten später, wir sehen die schreckliche Ironie darin."

Karan Mahajan, Autor

"In Gesellschaft kleiner Bomben" wurde mehrfach ausgezeichnet

Daß Karan Mahajan für "In Gesellschaft kleiner Bomben" in den USA mehrfach ausgezeichnet, für den National Book Award nominiert und zu einem der wichtigsten jungen Autoren gezählt wurde, hat seinen guten Grund. Karan Mahajan schlägt eine Brücke zwischen Ost und West und holt das Attentat im fernen Delhi vor unsere Haustür. Gerade sein unvoreingenommener Blick, sein lakonischer Ton, wecken unsere Empathie. Als indischer Amerikaner, der lange in Texas lebte, kennt er die Ignoranz nur zu gut.

"Bald nach der Wahl Trumps gab es Schießereien, Inder wurden getötet, weil die Angreifer dachten, es seien Moslems. Das zeigt, wie ignorant manche Leute hier sind, was Moslems und Inder angeht. Ich denke, es herrscht Angst vor diesem Aufflackern. Die Dinge haben sich nicht geändert, aber in jedem steckt eine Menge mehr Wut und Angst."

Jaran Mahajan


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