Bayern 2


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Umstrittener Unkrautvernichter Bayerns Bauern ohne Glyphosat

EU-Länder können Spritzmittel verbieten. Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat, auf die Frankreich bald zusteuern könnte – wäre so etwas auch in Deutschland und in Bayern möglich? Und was würde das für die Bauern bedeuten?

Von: Tobias Chmura

Stand: 05.12.2017

Grubber auf dem Feld. Symbolbild für glyphosatfreie Landwirtschaft. | Bild: picture-alliance/dpa/Philipp Schulze

Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die SPD die Glyphosat-Frage zur Bedingung für eine Große Koalition machen würde? Was wäre, wenn die Grünen eine Minderheitsregierung nur dann mittrügen, wenn Glyphosat verboten wird? Eine Landwirtschaft ohne den Unkraut-Vernichter Glyphosat – möglich?

"Natürlich, ohne Probleme! Wir hatten ja auch bis zu den 70-ern des letzten Jahrhunderts keine Probleme, Landwirtschaft zu betreiben."

Klaus Gehring

Klaus Gehring von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft

Das sagt kein Umweltschützer, sondern Klaus Gehring von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft. Experte für Pflanzenschutzmittel - und Glyphosat-Befürworter.

Denn auf den ersten Blick ist es so: Glyphosat vernichtet sämtliche grünen Pflanzen auf dem Acker. Landwirte spritzen es vor allem vor der Aussaat. So haben dann Mais oder Weizen keine Konkurrenz und können gut wachsen. Wer auf das Total-Herbizid verzichtet, muss das Unkraut anders in Schach halten. Landwirt Rudolf Barth aus dem Landkreis Dachau setzt einen Grubber ein. Viele kleine Scharen packen das Unkraut sprichwörtlich an der Wurzel.

"Ob das irgendein Wurzel-Unkraut, ein Klee oder ein Gras ist - wir haben damit die Möglichkeit, flächendeckend hundertprozentig abzuschneiden. Man braucht einen flächendeckenden flachen Schnitt."

Landwirt Rudolf Barth

Gubber und Fräse statt Glyphosat

Berufskollege Eckhard Döring setzt eine Fräse ein, die das Unkraut zerkleinert. Es bleibt dann auf dem Acker liegen und …

"Wenn die Witterung passt, dann vertrocknet es und ist eliminiert. Es muss halt ein paar Tage trocken sein. Das Wetter muss man stärker im Auge haben als bei der Glyphosat-Anwendung."

Eckhart Döring

Fräse, Grubber oder der Pflug – statt zu spritzen, würden wohl die meisten Landwirte wieder darauf umsteigen. Das zeigen Untersuchungen der Uni Göttingen.

Andere Herbizide nötig

Problem also gelöst? So einfach ist es nicht. Der Pflug vernichtet nicht so zuverlässig alle Unkräuter. Viele Bauern müssten dann andere Herbizide spritzen. Das ist nicht unbedingt wünschenswert, sagt Klaus Gehring von der Landesanstalt für Landwirtschaft.

"Glyphosat ist einer der Wirkstoffe, die immer noch überdurchschnittlich umweltverträglich sind - auch wenn sich das für manche merkwürdig anhört. Aber das sind die fachlichen Grundlagen. Viele andere Wirkstoffe sind im Bereich von Grundwassergefährdung, Oberflächenwassergefährdung und auch Nicht-Zielorganismen-Risiko durchaus in einem Bereich, der nicht auf einem Niveau von Glyphosat ist."

Klaus Gehring

Alles natürlich unter der Voraussetzung, dass Glyphosat nicht schädlicher ist als es zurzeit von den Behörden eingestuft wird. Woran es ja durchaus Zweifel gibt. Hinzu kommen noch mehr Nachteile: Zum Beispiel kommt der Pflug Regenwürmern, Feldhamstern und anderen Bodenbewohnern in die Quere.

"Wenn ein Sechs-Schar-Volldreh-Pflug über den Acker läuft, dann ist erst mal tatsächlich alles auf den Kopf gestellt. Das gilt für alles, was da kreucht und fleucht."

Klaus Gehring

Tatsache ist aber auch: Das Bodenleben kann sich den Lebensraum nach dem Pflügen sofort wieder zurückerobern.

Im Sinne der Umwelt und des Geldes

Am Ende ist es also ein Abwägen, welche Form des Ackerbaus der Umwelt am wenigsten schadet – und eine Frage des Geldes.

Pflügen kostet Zeit und verbraucht viel Diesel-Kraftstoff. Klaus Gehring schätzt, dass das allein 500 Millionen Euro pro Jahr ausmacht. Dadurch wird der Ackerbau weniger rentabel. Es lässt aber die Preise im Supermarkt nicht steigen, denn:

"Die großen Lebensmittelkonzerne würden sich die Rohstoffe, die sie sich ja sowieso schon im internationalen Bereich suchen und holen, in einer dann etwas verstärkten Form suchen und holen."

Klaus Gehring

Mehr Konkurrenz für die Bauern

Landwirt Eckhard Döring hat Maschinen zur Bodenbearbeitung.

Also mehr internationale Konkurrenz für die Bauern. In dem System Landwirtschaft wie es hierzulande betrieben wird, bleibt Glyphosat deshalb systemrelevant. Es ermöglicht den Anbau von nur wenigen, dafür gewinnbringenden Kulturen.

Der Unkrautvernichter wird wohl erst dann überflüssig, wenn eine andere, umweltschonendere Form der Landwirtschaft betrieben würde. Das setzt aber eine ganz andere Ernährung voraus: Wir müssten vor allem viel weniger Fleisch essen – und das ist momentan nicht in Sicht.


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Kommentare

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AGKV, Dienstag, 05.Dezember, 11:35 Uhr

12. Unser Glyphosat-Schmiddie

hat dem Sternekoch Mälzer auf die Frage, warum in Frankreich die Herkunft der Milch eindeutig erkennbar ist und bei uns nicht, als Erklärung gegeben, dass man damit in Frankreich ja nicht die Konsumenten informieren, sondern eigene Produkte fördern will, und wir in D als Exportland dies nicht tun sollten. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln.

  • Antwort von Andreas, Dienstag, 05.Dezember, 22:51 Uhr

    Dieser Minister hat seinen Posten nicht verdient. Nachdem er mit Söder "dicke"ist, befürchte ich, er bleibt uns erhalten.Auch passt er gut zu Merkel. Beide sind Betonköpfe und meiner Meinung nach im Dienste der Konzerne tätig. Anders kann ich solche Sturheit nicht deuten. Man bedenke, eine Person setzt sich über Tausende hinweg. Das erinnert doch an..........

Wolfgang Huber, Dienstag, 05.Dezember, 11:29 Uhr

11. Bayerns Bauern ohne Glyphosat

Die Firmen Bayern/Monsanto (jetzt eine ein- und diesselbe "Mafia") ist fein raus: Erst verdient sie sich dumm und dämlich mit Kunstdünger und dann verkloppt sie das Gift, um alles zu töten, was durch den Stickstoffoverflow aus dem Boden schießt. Besser geht's nicht.

Selim, Dienstag, 05.Dezember, 10:52 Uhr

10. Sprache und Wahrheit

"wir haben damit die Möglichkeit, flächendeckend hundertprozentig abzuschneiden. "

Dieser Satz ist die Unwahrheit.
Hier wird nicht abgeschnitten sondern vergiftet.
Gewohnheit?
Ich glaube schon.

  • Antwort von Hrdlicka, Dienstag, 05.Dezember, 11:36 Uhr

    @Selim: na dann gucken Sie mal, was ein Grubber ist, da mag möglicherweise in der Lackierung etwas giftiges enthalten sein, sicher aber nicht nach der Bearbeitung im Boden !
    Lesen bildet !

  • Antwort von Selim, Dienstag, 05.Dezember, 12:04 Uhr

    Sehr geehrter Herr H.:
    mussma halt drüber lackieren in rot oder gelb oder wie gewünscht, vielleicht mit Nagellack...
    übrigens: ein Buch hab ich schon kicher

Giftgegener, Dienstag, 05.Dezember, 10:28 Uhr

9. Glückliches Frankreich

Da kauft man dann als dt. Konsument künfitg franz. Produkte!
Einen Acker zu ackern hat schon immer Diesel gebraucht, wieso ist das ein Argument für Glyphosat? Glyphosat fällt doch auch nicht vom Himmerl, das wird auch mit einem Bulldog ausgebracht. Oder will man uns Bürger glaubhaft machen, dass das Gift per Hand ausgebracht wird? (Schmidtchens Märchenstunde oder was?!)
In welchen EU-Ländern wird/ist Glyphosat noch verboten? Wäre eine wertvolle Konsumenten-Info!

Harald Müller, Dienstag, 05.Dezember, 10:16 Uhr

8. Korrektur

"Tatsache ist aber auch: Das Bodenleben kann sich den Lebensraum nach dem Pflügen sofort wieder zurückerobern."

Nein.
Der Pflug vergräbt die gesamte Pflanzenmasse. Regenwürmer ernähren sich von Pflanzenmaterial, das sie an der Oberfläche finden. Ein Großteil der Regenwürmer wird verhungern, wenn das Feld "nackt" ist.
Käfer und anderes Getier wird ebenfalls vergraben. Mikroorganismen werden in Bodenschichten verlagert, in denen ganz andere Verhältnisse (Luftaustausch etc.) herrschen. Regelmäßg gepflügte Böden können - je nach Bodenart, Klima und Wirtschaftsweise- so "tot" sein, dass beim Pflügen das unverrottete Stroh des Vorjahres wieder hochgeholt wird.

Im Vergleich dazu sind potentielle Nebenwirkungen durch den Kontakt mit Glyphosat dem Stand der Wissenschaft zufolge unbedeutend.