Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Waldmenschen in Franken Zwischen Steiger-, Franken- und Reichswald

Im brasilianische Regenwald gibt es Menschen, die ohne Verbindung zur Außenwelt leben. Bei uns gibt es solche "Waldmenschen" nicht mehr. Gleichwohl leben zwischen Steiger-, Franken- und Reichswald viele, die mit und vom Wald leben.

Von: Godehard Schramm

Stand: 15.03.2017 | Archiv

Ein Waldmensch ist, nach Grimms Deutschem Wörterbuch, ein "zurückgezogen im Walde lebender Mensch", also ein "wilder Mensch". Solche Gestalten gibt es bei uns kaum mehr, auch wenn hie und da jemand für einige Zeit in den Wald flüchtet. Gleichwohl gibt es Menschen im weitläufigen Waldfranken, die vom, im und vor allem mit dem Wald und für ihn leben, wenn auch nicht rund um die Uhr.

Wald bedeckt etwa 37 Prozent der Fläche unseres Landes. Bezauberung durch eigene Stimmungen kommt auf, wenn sich, nahe der Frankenhöhe, im Blauen Schloss von Obernzenn, Rainer Graf von Seckendorff-Aberdar an seine Wald-Frühzeit erinnert:

"Ich war seit Kindesbeinen mit dem Wald eng verbunden. Meine Eltern und meine Onkel waren Jäger; ich durfte schon als kleiner Junge mit auf'n Ansitz gehen. Und für mich war der Wald immer ein Zuhause; man kann so wunderbar den Verlauf der Jahreszeiten erleben, auch den Verlauf der Tageszeiten. Also ich liebe den Frühansitz besonders: Wer erlebt den Sonnenaufgang? Da liegt man ja meistens noch im Bett. Aber als Jäger draußen auf dem Hochsitz können Sie das Erwachen des Tages und der Natur und der Tiere ganz genau verfolgen, und das ist wunderbar; da liegt ein Zauber über so einem noch von Menschen unberührten Tag, und ich darf gestehen, also wenn Sie dann den ersten Menschen in der Landschaft laufen sehen, ist der Zauber vorbei."

Rainer Graf von Seckendorff -Aberdar

Holz – ein gefragter Naturstoff

Holz ist nach wie vor ein gefragter Naturstoff, obgleich es in den letzten Jahren weniger zum Heizen verwendet wird. Wir wissen: Die Brotbäume der europäischen Forstwirtschaft sind Fichte und Waldkiefer – aber haben wir eine Ahnung von der großen genetischen Vielfalt der europäischen Baumarten? Wo begegnen wir noch einem Naturwald mit hoher innerer Vielfalt an Arten? Waldschadensforscher sagten Anfang der 1980er Jahre das "Ende des deutschen Waldes" voraus – aber, so der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf in seiner Kurzen Naturgeschichte des letzten Jahrtausends: "Der deutsche Wald geruhte nicht zu sterben (...) Die ganze Palette von Widrigkeiten stand er durch, verstärkt umsorgt von der Forstwirtschaft."

Förster, Jäger und Waldrechtler pflegen und nutzen den Wald

Bucheckern

Neben Förstern und Jägern gibt es auch die Waldrechtler, die ihren Kompaniewald gemeinsam nutzen und pflegen. Aus ihrer Perspektive bekommt ein so kleinflächiger, geschlossener Wald wie der Schussbachwald der Stadt Bad Windsheim eine andere Transparenz. Sven Finnberg arbeitet in diesem kommunalen Forst der Stadt Bad Windsheim.

"In Buchen-Mastjahren, also wenn die Buche reichlich Bucheckern trägt, da legen wir dann Netze aus, um die Bucheckern einzusammeln. Es geht dann wesentlich leichter, als wenn man sie vom Boden aufklaubt, und dann werden sie von einer Olivenerntemaschine von diesen Netzen abgesaugt und dann werden die Bucheckern von Blättern und Restlichem getrennt, das wird dann weggeblasen, und dann hat man die reine Buckecker; in Baumschulen werden die dann verwendet zum Säen. Zugelassene Bestände braucht man dazu; das müssen Bestände sein, mit einem bestimmtem Alter und einer bestimmten Anzahl von Bäumen, damit die Bucheckern geerntet werden dürfen; das kann man nicht in jedem Buchenbestand machen, sondern in diesen zugelassenen Beständen. Wir versuchen ja durch Stehenlassen von Biotopbäumen in unseren Wäldern bestimmten Arten wieder gerecht zu werden, aber davon sind wir noch weit entfernt. Ich meine, der Urwald bei uns wär sicherlich, im Schussbachwald, von der Buche geprägt."

Sven Finnberg, Förster der Stadt Bad Windsheim

Mit Leib und Seele im Wald

Ein anderer Waldmensch ist Ernst Veh. Der gelernte Kfz-Meister lebt gegenüber dem Südrand des Steigerwaldes. Wenn er mit seinem betagten orange-farbenen Güldner-Bulldog hinaus in die Wälder seiner Deutenheimer Umgebung fährt, dann ist er mit Leib und Seele im Wald.

"Der Wald ist immer schön. Man sieht Laubbäume, man sieht Nadelbäume. Man hat Moos, und da drüben, da ist das Immergrün. Wo ich voriges Jahr Holz gemacht hab, da sind Bäume, die sind gezeichnet, die haben einen Punkt. Und die, die einen Punkt haben, darf man umschneiden. Dann muss man sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgeschlichtet haben, und dann schaut sich das der Förster an und misst aus, wieviel Ster das sind, und dann darf man heimfahren."

Ernst Veh

Freiherr von Feilitzsch – ein moderner Waldmensch

Alexander Freiherr von Feilitzsch kommt aus Neustadt an der Aisch. Er war jahrzehntelang im Staatsforstdienst und stammt aus einer uralten, in Oberfranken ansässigen Familie. Nahe der einstigen Zonengrenze heißt ja ein Ort Feilitzsch. Der Forst-Freiherr konnte nach der Wende 50 Hektar Wald jenseits des Frankenwaldes erwerben. Er ist also auf seine Weise ein ganz moderner Waldmensch, der Erfahrungswissen mit objektiv sicherer Erkenntnis verbindet. Seine Waldmenschen-Vision klingt wie eine beseelte Alternative.

"Das Problem, das ich sehe: Dass die Gesellschaft keine soziale Bindung mehr zum Wald hat und damit eine Sehnsucht aufbaut zur heilen Natur, dem Urwald. Die Menschen sitzen auf Holzstühlen und diskutieren über 'Holz-ab? Nein danke!' Der Wald wird naturwissenschaftlich nüchtern gesehen, auf der anderen Seite dient er den Erwachsenen als Kulisse, für Jogger, die sich erholen, sich zur Ruhe bringen wollen, was ja auch wichtig ist. Aber er hat im Kopf diese städtische Lebensweise, die heutzutage auch auf den Dörfern stattfindet: Die bringt diese Sehnsucht: Man sitzt im Fernsehen und sieht die wunderschönen tollen Naturfilme, und denkt: Jetzt geh ich raus und muss also den Käfer X sehen und den Schmetterling Y. Man sitzt im Wohnzimmer und bekommt die Natur so idealisiert nahe gebracht, und dann geht man raus und sieht keine Käfer und keinen Schmetterling. Das heißt also: ein naturentrücktes Städterauge sieht auch nichts. Jeder kann sich zu jeder Zeit in einen Wald begeben und in Ruhe hinsetzen, aber es tut keiner."

Alexander Freiherr von Feilitzsch, Forst-Besitzer

Godehard Schramm im Gespräch mit Waldmenschen in Franken

Für Jogger oder Menschen mit Mountainbike ist der Wald also eigentlich nur Kulisse – wer indes auch den Nachtwald durchwandert, braucht besondere Ohren. Fotografen und Maler haben ihren eigenen Waldblick. Und auch sonst nehmen "Waldmenschen" den Wald anders wahr: Welche Prägekraft hatte der Frankenwald für einen dort Geborenen? Was verbirgt sich in einem Waldkloster bei Stammbach? Autor Godehard Schramm hat für die Zeit für Bayern mit Waldmenschen in Franken gesprochen, die manchmal mehr sehen, als nur die Bäume um sie herum.


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