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Die Ernte teilen Solidarische Landwirtschaft in Erlangen

Frisch vom Feld direkt zum Verbraucher, das ist das Grundprinzip der solidarischen Landwirtschaft. Mehrere Menschen bauen gemeinsam mit einem Landwirt Gemüse an – und teilen dann die Ernte. Ein Beispiel aus Erlangen.

Von: Ilona Hörath

Stand: 11.11.2016

Erlangen, an einem Mittwochabend im Oktober. Von einer vielbefahrenen Ausfallstraße ist Bauer Gerhard Rühl aus dem etwa zehn Kilometer entfernten Weisendorf in eine kleine Einfahrt eingebogen. Sie führt zu einem Hinterhaus, in dem früher einmal die Erlanger Tafel Essen an Bedürftige ausgegeben hat. Heute befindet sich dort ein sogenanntes Depot der solidarischen Landwirtschaft. Die Atmosphäre in dem Raum ist nüchtern, zweckmäßig, Neonröhren spenden Licht. An der Wand hängen Listen. In einer Ecke stehen mehrere Waagen. Eine junge Frau aus der Stadt hilft beim Ausladen.

Ernteteiler – gegen Mitgliedsbeitrag

Das Gemüse kommt frisch vom Acker. Jeder, der sich in einer solidarischen Landwirtschaft, kurz Solawi, engagiert, zahlt einen monatlichen Mitgliedsbeitrag und ist fortan ein Ernteteiler. Je nach Solawi sind das mal 35 Euro, mal 50, mal 83. Dafür gibt es einmal in der Woche ein bestimmtes Kontingent an Gemüse. Inklusive Ritual: An jedem Mittwoch, pünktlich um 18 Uhr, verkündet der Bauer den "Ernteanteil", den jeder mit nach Hause nehmen darf.

"Zwiebeln: zwei, Hokkaido: einer, Kartoffeln: drei Kilo. Heute haben wir schon fast den Herbst, die wöchentlichen Produkte wechseln ja, also nicht ständig, aber ein oder zwei Produkte können immer anders sein in der Woche. Da können zum Beispiel Zucchini oder andere Zwiebelarten dazukommen."

Gerhard Rühl, Bauer

Ursprung in den USA

Die Idee der solidarischen Landwirtschaft geht auf eine Beteiligungsform zurück, die aus den USA stammt: Community Supported Agriculture - die Gemeinschaft unterstützt die Landwirte, die zunehmend unter Druck stehen. Andererseits wollen Verbraucher wissen, woher die Nahrungsmittel kommen, die sie kochen, braten, garen. 2011 gründete sich in Deutschland das bundesweite Netzwerk solidarische Landwirtschaft. Aus den anfangs drei Solawi-Bauernhöfen sind mittlerweile 65 geworden. Die meisten Solawis befinden sich dabei in der Umgebung von Großstädten. Denn dort gibt es offenbar mehr Kunden, die sich etwas Ideologie beim Einkaufen leisten wollen und können.

"Die Unterstützung des Landwirts ist uns allen wichtig. Dass der faire Preise für seine Arbeit bekommt. Da geht es nicht darum, was ein Kilo Kartoffeln kostet, sondern dass seine Arbeit einen Wert hat und dass wir als Verbraucher die zu schätzen wissen."

Ernteteilerinnen in Erlangen

Alle packen mit an

Die beiden Kundinnen teilen mit ihrem Solawi-Bauern nicht nur das Risiko, sondern auch die Arbeit auf dem Feld. Wenns dem Bauern einmal pressiert und er Unterstützung braucht, fragt er die Solawisten an. Wie die Solawi-Mitglieder mitanpacken zeigt sich an einem sonnigen Herbsttag, bei Alfred Schaller. Sein Bioland-Bauernhof liegt acht Kilometer vor den Toren Erlangens. Den Betrieb hat er von seinem Vater übernommen. Zweieinhalb Hektar – zu klein, um etwa den Bio-Großhandel zu beliefern. Schaller baut nur Lagergemüse an und beliefert das Solawi-Depot in den Wintermonaten.

"Ich mach nur die Wurzel, die man im Keller lagert. Möhren, Rote Beete, dann die ganzen Krautsachen, Wirsing, Zwiebeln, ein Sortiment von zehn bis 15 Sachen und das wird sich jetzt verdoppeln, wenn es gelingt, weil ich noch mehr Vielfalt bieten will als bisher. Solawi heißt für mich, die Leute wollen das, was ich mache - das bin ich so nicht gewohnt. Da kann die Möhre krumm sein, da muss ich wieder lernen, eine krumme Möhre mit reinzulegen."

Alfred Schaller, Bauer

Dann wird es ernst. Gleich hinter dem Hof liegen Schallers Felder. Ausgerüstet mit scharfen Messern und leeren Gemüsekisten marschiert die Truppe los. Auf gehts zur Ernte.

"Ich bin gespannt, ich bin danach noch auf einer Feier eingeladen und habe auch schon die guten Hosen an. Dass ich extra Hose mitnehmen muss, wusste ich jetzt nicht."

Ernteteiler

„Viele Hände, schnell ein Ende“

Hüfthoch steht er auf dem Feld, der zu erntende Lauch. 96 Mitglieder hat die Solawi Erlangen, also müssen 96 Stangen herausgezogen werden. Bauer Alfred Schaller erklärt, wie die Arbeit zu bewerkstelligen ist. Es entspinnt sich eine lebhafte Diskussion, wieviel Grün vom Lauch abzuschneiden sei. Die Stimmung ist gut, es wird geplaudert, gescherzt und über Regenwürmer gestaunt. Rezepte werden ausgetauscht. Und Alfred Schaller ist mit seinen Erntehelfern zufrieden.

"Und die Arbeitsleistung bestätigt das, was ich schon lange wusste: viele Hände, schnell ein Ende. Hoffentlich kommt ihr wieder."

Alfred Schaller, Bauer

Ob in Erlangen oder in anderen solidarischen Landwirtschaften - den Mitgliedern ist es wichtig, regionale Bauernhöfe in ihrer Vielfalt zu erhalten, eine "symbiotische Gemeinschaft" und enge Verbindungen zwischen Landwirt und Verbrauchern aufzubauen. Zu Teilen und zu lernen, wie und wo das Gemüse wächst, um Lebensmittel zu wertschätzen.


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