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"Den Klang herauskitzeln" Von Klavierstimmern und Klangmachern

Felix Eul ist der beste Klavierbau-Azubi Deutschlands. Sein Kollege Theo Kretzschmar ist bereits im Ruhestand. Ein Porträt über zwei Klavierbauer, die über die Kunst des schönen Klanges schwärmen und aus dem Nähkästchen ihrer Zunft plaudern.

Von: Thomas Senne

Stand: 16.05.2017 | Archiv

Ein kräftig gedrückter Akkord, ein behändes Gleiten über die weißen und schwarzen Tasten – und schon ist das Publikum im Konzertsaal von einem vibrierenden Klangkosmos umgeben, der Seelen Flügel verleihen kann. Insbesondere, wenn die Musik von wahren Meistern wie Ludwig van Beethoven stammt.

Kein Klanggenuss ohne Experten

Doch ohne Experten, die – ausgestattet mit einem guten Gehör – das Know-how besitzen, Klaviere zu stimmen und diese immer wieder in wohltönende Instrumente zu verwandeln, gäbe es keinen Klanggenuss.

"Der Klavierstimmer ist vom Begriff her kein geschützter Beruf. Der Klavierbauer ist ein gelernter Klavierbauer im Endeffekt. Also der Beruf heißt Klavierbauer. Und wenn man fertig ausgebildeter Klavierbauer ist, dann ist man auch automatisch -stimmer. Also jeder, der Klavierbau lernt, lernt auch zwangsläufig das Stimmen. Also wenn man sagt, es kommt der Klavierstimmer, dann ist das hoffentlich ein Klavierbauer."

Felix Eul, Klavierbauer

"Bester Klavierbau-Azubi" Deutschlands

Gerade hat Felix Eul den Bundeswettbewerb der Handwerkerjugend für seine Zunft gewonnen und darf sich seitdem "bester Klavierbau-Azubi" Deutschlands nennen. Doch schon von Kindesbeinen an ist er von Tasteninstrumenten fasziniert.

"Mein Vater hat mich damals, als ich sechs war, gefragt, ob ich ein Instrument lernen möchte und welches das wäre. Und da bin ich dann eben beim Klavier hängen geblieben. Ich habe zuerst ein digitales, ein paar Jahre später dann auch ein akustisches Klavier bekommen von meinen Eltern und habe dann auch einmal pro Woche, 16 Jahre lang, Klavierunterricht gehabt. Ich habe mehr oder weniger auch geübt. Ich habe nie gezwungenermaßen das Instrument lernen müssen. Ich hatte eigentlich immer Spaß dabei und bin froh, dass ich das gelernt habe."

Felix Eul, Klavierbauer

Das kommt dem 29-Jährigen nun bei seiner Arbeit zu Gute. Im vergangenen Jahr konnte er die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Klavierbauer als frisch gebackener Geselle beenden. Nun nimmt er die raumfüllenden Instrumente an den verschiedensten Standorten unter die Lupe. In der Meisterwerkstatt hat er es außerdem mit umfangreichen Restaurierungen zu tun. 

Mehr als Hunderttausend Klaviere gestimmt

Während Felix Eul gerade seine Laufbahn begonnen hat, befindet sich sein Kollege Theo Kretzschmar inzwischen im wohlverdienten Ruhestand. Im Laufe seines langen Berufslebens hat er mehr als Hunderttausend Klaviere und Flügel zum wohltönenden Klingen gebracht hat. Theo Kretzschmar kam in Königshofen zur Welt und fand dort zu seinem Beruf.

"Bei uns war's auch schon so, dass in der Schule das ein bisschen gesteuert wurde – die Berufswahl. Man hat sich die Leute angeschaut und gesagt: 'Du bist musisch veranlagt. Willst Du nicht Klavierbauer werden?' Und da bin ich Klavierbauer geworden. Die Fabrik war unweit von uns. Also ich bin vom Dorf und bin dann in die Stadt – die heißt Eisenberg – und hab dann dort gelernt und bin dann dort Klavierbauer geworden."

Theo Kretzschmar, Klavierbauer

Wehmütig im Ruhestand

Sein Handwerk lernte Theo Kretzschmar von der Pieke auf bei der Eisenberger Firma Fuchs und Möhr kennen. Seit kurzem befindet er sich im Ruhestand, versteht aber seinen Beruf bis heute als Berufung und ist noch immer aktiv: ein Profi, der alle Finessen und Geheimnisse seines Fachs aus dem Effeff kennt.

Ein klein wenig wehmütig wird der 66-jährige beim Blick auf sein Berufsleben schon, wenn er daran denkt, welche Bedeutung einst der Klavierbau in Deutschland hatte und dass sich dieser seit Jahren auf dem Rückzug befindet. Früher war Eisenberg ein Dorado des Klavierbaus in Thüringen, erzählt Theo Kretzschmar und verrät, warum es ihn später nach Franken verschlagen hat.

"In den Jahren um 1914 und später gab's in dieser kleinen Stadt knapp 30 Klavierbaubetriebe und das war nicht spektakulärer Klavierbau. Das war sehr einfach und sachlich, aber man hat denen nachgesagt, den Eisenbergern, dass sie handwerklich recht gut sind. Und ich hatte das Glück und konnte dann da lernen und hatte auch wirklich immer Leute um mich rum, die mich gefördert haben und bin 1990 mal ausgeliehen worden. Da hat mich der Kurt Kreisel ausgeliehen. Das war ein großer Händler aus Nürnberg. Der hat dann, als ich wieder zurück sollte nach Eisenberg, zu mir gesagt: 'Bleib da. Ich könnt Dich gebrauchen.' Und dann bin ich da geblieben. Und das hab ich nie bereut."

Theo Kretzschmar

Wie ein Klavier klingen muss

Theo Kretzschmar und Felix Eul – beide arbeiten beziehungsweise haben in der Fürther Klavierwerkstatt Kreisel gearbeitet. Der Chef des Fürther Traditionsunternehmens, das seit sechs Generationen in Familienhand liegt und eine Kaderschmiede für herausragende Klavierstimmer zu sein scheint, ist Thomas Kreisel. Er hat eine genaue Vorstellung davon, wie ein Klavier klingen muss.

"Der Klang muss die Seele berühren, er muss das Herz berühren, dann ist es ein guter Klang. Ein Klang muss Gefühle wecken. Es gibt auch schlechte Gefühle, dann ist das trotzdem ein guter Klang, denn er weckt etwas. Einheitsbrei ist völlig uninteressant. Es muss irgendwas mit Emotionen dahinter sein."

Thomas Kreisel, Chef von Klavier Kreisel

Zusammentreffen mit Starpianisten

Pianist Grigory Sokolov

Die Nürnberger Symphoniker und diverse Musikeinrichtungen der Metropolregion Nürnberg betreut Thomas Kreisel mit seinen Mitarbeitern ebenso wie Gastauftritte von Stars in der Stadt – wie beispielsweise Ivo Pogorelich. Auch Theo Kretzschmar hat in seiner fast 50-jährigen Tätigkeit als Klavierbauer immer wieder prominente Tonkünstler kennengelernt, egal ob aus dem Jazz-Bereich oder der Klassik. Besonders erinnert er sich an ein Konzert von Weltstar Grigory Sokolov, dessen Flügel er vor dem Konzert stimmen musste.

Trotz aller Künste, Tricks und Fertigkeiten von überragenden Klavierstimmern – selbst die Koryphäen dieses Metiers stoßen immer wieder an ihre Grenzen. Auch wenn Klangzauberer wie Theo Kretzschmar oder Felix Eul, ausgerüstet mit Stimmgerät, Stimmhammer oder Schraubenzieher, regelmäßig fachmännische Höchstleistungen vollbringen.


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