Bayern 2 - Land und Leute


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Der Watzmann ruft! Mythos und Geschichte

Der Watzmann ruft - und alle kamen und kommen: Monarchen, Mönche, Maler, Bergleute und Bergsteiger, Touristen und Tonkünstler; selbst ein gewisser 'Herr Wolf' war da. - Autor Ulrich Zwack begibt sich auf eine akustische Gratwanderung.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 15.06.2017 | Archiv

Es gibt Berge, die flößen dem Menschen von jeher Respekt ein. Die Zugspitze gehört zweifellos nicht dazu. Obwohl sie Deutschlands höchster Berg ist, betrachtet man sie nicht mit Hochachtung, sondern nur als eine Art Touristen-Spielwiese auf Wolkenniveau. Nicht so der Watzmann. Der ist mit nur 2713m zwar fast 150 m niedriger als die Zugspitze, aber ein ganz anderes Kaliber von Berg. Der Watzmann versucht Krethi und Plethi tunlichst von sich fern zu halten.

Die Sage vom grausamen König Watzmann

Die Sage vom König Watzmann und seiner Familie

Von jeher beflügelt der Watzmann die Phantasie derer, die zu seinem imposant markanten Gipfelensemble aufschauen. Der Sage nach handelt es sich um den bösen König Watzmann, der einst über das Land herrschte und zur Strafe für seine grausamen Taten mitsamt seiner Frau und seinen Kindern in Stein verwandelt wurde. Grausam ist er allerdings auch nach der Versteinerung geblieben. Seit der Pfarrer Valentin Stanig im Jahr 1800 als erster Mensch auf dem Watzmann-Hauptgipfel stand, hat allein die Ostwand des Bergs 100 Todesopfer gefordert. Mit 1900 Metern bildet sie immerhin die höchste Felswand der Ostalpen und ist bei Bergsteigern vor allem wegen ihrer unberechenbaren Wetterumschwünge gefürchtet.

"König Watzmann" von Ludwig Bechstein

Ludwig Bechstein, Schriftsteller und Verfasser deutscher Volksmärchen (1801-1860)

Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niederen Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über 2700 Meter hohe Watzmann. Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauer Vorzeit diese Sage:

Einst in undenklicher Frühzeit lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wüterich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust. Zitternd sah sein Volk ihn durch die Wälder toben, gefolgt von seinem ebenso rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns.

Eines Tages jagte der König wiederum und kam auf eine Waldestrift, auf welcher ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin und hielt ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte.

Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Frieden; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, da warf sich des Königs Meute auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlug und ein dritter die schreckensstarre Mutter zu Boden riß. Der König sah das Unheil und stand und lachte. Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirt aus der Hüttentüre und erschlug einen der Rüden. Darüber wütend, fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib an seine Brust gezogen hatte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungetümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott endete der Hirte, und wieder lachte der König.

Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Tale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wütend in die Abgründe. Aber jene Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm eine starre Zacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinnen, ihre Kinder - in der Tiefe aber, hart am Bergesfuß, ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee. So gewann König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Taten den schlimmsten Lohn, und sein Reich hatte ein Ende.

("König Watzmann" von Ludwig Bechstein aus "Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen:
Auswahl für die Jugend von J. Baß", Verlag Tredition Classics, 2012)

Jede Menge Salz

Besucher des Salzbergwerkes in Berchtesgaden fahren mit einem Zug in den Berg

"Schicksalsberg" nennen die Österreicher Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz den Bergriesen in  ihrem Rustical "Der Watzmann ruft". Und schicksalhaft -  oder doch zumindest wechselhaft - war auch der Verlauf der Geschichte zu seinen Füßen. Schließlich findet man in der Gegend zuhauf Salz - heute ein Paar-Cent-Artikel, früher eine Kostbarkeit, um die sich Bayern und Salzburg besonders gern und mehrfach rauften. Auch Berchtesgaden fungierte schon mal als päpstliches Eigenkloster oder Teil des Großherzogtums Toskana, ehe es 1810 zum vorerst letzten Mal den Besitzer wechselte und an Bayern fiel.

Almabtrieb und ein schönes Echo

Almabtrieb in Berchtesgaden. Kühe werden mit dem Schiff über den Königsee transportiert.

Freilich gibt es auch Erfreuliches aus der Gegend um den Watzmann zu berichten: Der Almabtrieb fällt hier immer besonders malerisch aus; zum Teil erfolgt er sogar per Schifferlfahrt über den Königsee. Und auf dem Königsee lässt sich bekanntlich ein besonders eindrucksvolles Echo auslösen. Neben der herrlichen Landschaft und der guten Luft zieht dergleichen natürlich Touristen en Masse an. Soll doch sogar der Kaiser Barbarossa im nahen Untersberg nun schon seit über 800 Jahren auf seine Wiederkehr warten. Im Dritten Reich hat allerdings auch ein gewisser GröFaZ in unmittelbarer Nachbarschaft zum Watzmann seine alpine Regierungsfiliale eröffnet. Und der herrschte noch viel grausamer als einst König Watzmann.

Watzmann

CD-Tipp:

Der Watzmann Ruft (Remastered)

  • Interpret: Wolfgang Ambros Prokopetz
  • Audio CD (25. August 2006)
  • Anzahl Disks/Tonträger: 1
  • Format: Original Recording Remastered
  • Label: Bellaphon (Bellaphon)
  • ASIN: B000HIVR2K 

Buch-Tipp:

Watzmann (Bildband)

  • Autor: Wolfgang Pusch
  • Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
  • Verlag: Bergverlag Rother; Auflage: 1 (27. November 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3763370528
  • ISBN-13: 978-3763370528

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