Bayern 2 - Land und Leute


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Franz, der Deserteur Auf der Flucht im Bayerischen Wald

Dies ist die Geschichte von Franz Krönauer, dem Deserteur. 1941 weigerte sich der junge Wehrmachtssoldat aus Gotteszell im Landkreis Regen, nach einem Heimaturlaub wieder an die Ostfront zu gehen. Stattdessen versteckte er sich in den Wäldern, lebte von Beeren und Pilzen. Die Menschen in seiner Heimatgemeinde waren gespaltener Meinung. Die einen jagten ihn, andere unterstützten ihn. Seine Familie wurde von der Gestapo verhört. Nachdem ihn ein Nachbar verraten hatte, wäre er beinahe gefasst worden. Das wäre sein Todesurteil gewesen.

Von: Tom Fleckenstein

Stand: 30.04.2017 | Archiv

1941. Am Bahnhof in Gotteszell, einer kleine Gemeinde im Landkreis Regen, steigt Franz Krönauer aus dem Zug. Der 26-jährige Wehrmachtssoldat hat endlich Urlaub von seinem Einsatz an der Ostfront. Er ist bleich, hager und ausgemergelt vom Krieg.

"Er ist in Polen gewesen, ist in ein Haus gekommen und hat eine Mutter mit ihren Kindern gesehen, die sie aufgehängt hatten. Und da hat er gesagt, 'hoam kuma wenn i do, furt gehen tu ich nimma!'"

(Helene Reißmann, Autorin)

Franz Krönauer folgte seinem Gewissen und beschloss, nicht mehr an die Ostfront zurückzukehren. Er tauchte unter.

"Von nun an war der Wald meine Heimat, in Steinriegeln und Höhlen versteckte ich mich. Bei jedem Laut oder Geräusch zuckte ich zusammen. Angespannt in alle Richtungen spähend, die Ohren gespitzt wie ein Hund und immer kurz vor dem Sprung, um notfalls sofort davonlaufen zu können. Ich sag Euch, die Sinne werden wacher. Hinter jedem Baum oder großen Stein konnte einer lauern, um mich zu erschießen oder zu verraten. Die Angst vor Entdeckung saß mir immer im Nacken. Sie war mein ständiger Begleiter."

(Franz Krönauer)

Die Liebe zum Reserl half dem Franz durchzuhalten

Franz Krönauer alias "Man Franz" mit seiner Frau Reserl und den sieben Kindern

1944 spazierte ein Mädchen durch den Wald bei Gotteszell und sang ein Lied. Franz Krönauer beobachtete es, verliebte sich und sprach das 16-jährige Reserl an. Bis zum Kriegsende konnte  er sich zeitweise auf dem Hof ihrer Eltern verstecken. 1946 heirateten beide und bekamen sieben Kinder.

"War es Zufall oder Schicksal? Ich weiß es nicht. Ich erzählte ihr, wer ich war und dass sie niemanden von mir etwas sagen dürfte. Ich machte ihr klar, dass mein Leben von ihrem Schweigen abhängt."

(Franz Krönauer)

Mit nur 47 Jahren verunglückte der Franz tödlich in einem Steinbruch

Der Steinbruch, in dem der "Man Franz" 1960 tödlich verunglückte

Die Autorin Helene Reißmann hat mit der Familie Krönauer auf dem Austragshof in Gotteszell gewohnt. In langen Winternächten erzählte ihr Franz Krönauer Ende der 1950er Jahre sein Leben. Erst jetzt kam die Hausfrau und Mutter von vier Kindern dazu, die Geschichte zu veröffentlichen. Beim ältesten Sohn des Deserteurs fand die Hobby-Autorin alte Fotos. Er heißt wie sein Vater Franz, wurde 1946 geboren. Seinen Vater hat er in guter Erinnerung. Dieser stürzte 1960 an seinem ersten Arbeitstag im Steinbruch ab und starb. Mit 47 Jahren.

Lebensstationen des Deserteurs Franz Krönauer

Das gespaltene Verhältnis der Gesellschaft gegenüber Fahnenflüchtigen

Gefangennahme von Deserteuren durch Soldaten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg

Tom Fleckenstein erzählt die bewegende Lebensgeschichte des Deserteurs Franz Krönauer nach und schildert am Beispiel Gotteszell das gespaltene Verhältnis der Gesellschaft gegenüber Fahnenflüchtigen. Für die einen sind Deserteure mutige Helden, für die anderen Drückeberger - auch heute noch.

Fahnenflucht ist in Deutschland heute nach wie vor strafbar. Wer sich der Truppe entzieht, dem droht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Doch nach dem Krieg schrieb der Freistaat Bayern das Recht auf Verweigerung des Militärdienstes in seine Länderverfassung. Bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde das Recht sogar im Grundgesetz verankert. In Artikel 4. Absatz 3 Grundgesetz heißt es:

"Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden."

Die Bundesrepublik war damit der erste Staat der Welt, der ein solches Recht zum Grundrecht erklärte. Im Gegensatz dazu verweigerte die DDR ihren Bürgern dieses Recht. Noch lange wurden Verweigerer in Deutschland als "Drückeberger" geächtet. So auch Franz Krönauer.

Noch im sogenannten "Kalten Krieg" wurden Kriegsdienstverweigerer als "fünfte Kolonne Moskaus" bezeichnet und stigmatisiert. Die Deserteure aus dem Zweiten Weltkrieg wurden erst 2009 im Bundestag rehabilitiert.

Buchtipp:

Die Autorin und Zeitzeugin Helene Reißmann

Vogelfrei im Bayerischen Wald: Die Geschichte vom Man-Franz, eine wahre Begebenheit
Autor:
Helene Reißmann
Taschenbuch: 86 Seiten
Verlag: Ohetaler Verlag; Auflage: 1 (13. Mai 2016)
ISBN-10: 3955110486
ISBN-13: 978-3955110482

Helene Reißmann aus Gotteszell hat die Geschichte von Franz Krönauer aufgeschrieben. Ihr Buch mit bewegenden Fotos aus der Zeit ist im Ohetaler Verlag erschienen.


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