Bayern 2 - Land und Leute


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Carl Eduard Der letzte Herzog von Coburg

Claudia Decker begibt sich auf die Spur von Carl-Eduard, dem letzten Herzog von Coburg, dessen Familie durch geschickte Hochzeitsplanung mit vielen europäischen Königshäusern verwandt ist - darunter auch England und Schweden.

Von: Claudia Decker

Stand: 20.03.2016 | Archiv

Für die Stadt Coburg ein besonderer Festtag - der Dienstantritt des jungen Herzogs

Der 23. Juli 1905 ist für die Coburger ein besonderer Festtag. Die Hauptstraßen sind mit Blumengirlanden dekoriert, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Alle wollen ihn sehen, den jungen Mann, der heute mit der Eisenbahn von Gotha gekommen ist, um mit der Bevölkerung seinen Amtsantritt als Herzog zu feiern. Seine offene Kutsche kommt auf dem Marktplatz vor dem Rathaus zum Stehen. Meerjungfrauen huldigen ihm, die Honoratioren der Stadt erwarten ihn. Der junge Herzog in der Kutsche erhebt sich, ein schlanker, gut aussehender Mann mit Schnurrbart. Er präsentiert sich seinen jubelnden Untertanen, lächelt in die Menge. Er trägt Leutnantsuniform, mehrere Orden, Schärpe, weiße Hose, weiße Handschuhe, Goldepauletten, preußische Pickelhaube, die linke Hand umschließt den Säbelgriff ...

Der freudig begrüßte Herzog wird sich Jahre später als einer der Totengräber der Weimarer Republik betätigen, und er wird auf internationalem Parkett als adliger Repräsentant des Dritten Reiches glänzen.

Geschickte Heiratspolitik katapultierte die Familie in höchste Adelskreise

Königin Victoria von England

Die von Sachsen-Coburg und Gotha  waren zunächst ein unbedeutendes Adelsgeschlecht. Eheschließungen aber katapultierten die Familie im 19. Jahrhundert in die erste Garde  des europäischen Hochadels. Der größte Coup war die Hochzeit von Herzog Albert von Sachsen-Coburg und Gotha mit der englischen Königin Victoria. Ein Enkel von Albert und Victoria war der Herzog Carl Eduard, geboren und aufgewachsen in England.

"Charles Edward", Duke of Albany, 2. Baron Arklow und 2. Earl of Clarence

Spurensuche in der Lebensgeschichte eines Mannes, der am 19. Juli 1884 in England als Enkelsohn der legendären Queen Victoria geboren wurde. Wohlbehütet wuchs er auf und war zuhause in Schlössern in England und Schottland und in Deutschland, wo seine Mutter herstammte. Die alte Queen war strenge Beobachterin seiner Fortschritte. Im Elite-College Eton bekam er eine exzellente liberale englische Erziehung. Charles Edward war Engländer, Duke of Albany, 2. Baron Arklow und 2. Earl of Clarence, einer von vielen englischen Prinzen jener Zeit. Kaiser Wilhelm II. war sein Vetter. Die Mutter von Kaiser Wilhelm eine Tochter von Queen Victoria. Die russische Zarin seine Cousine. - Coburg und Schloss Callenberg in Oberfranken? Weit weg.

Ein strammer Nationalist und begeisterter Hitler-Anhänger

Carl Eduard in SS-Uniform (1934)

An seinem 21. Geburtstag im Jahr 1905 übernahm er die Herrschaft über das Herzogtum von Sachsen-Coburg und Gotha und entpuppte sich spätestens im Ersten Weltkrieg als strammer Nationalist mit reaktionären Tendenzen. Er stellte sich demonstrativ auf die Seite Deutschlands, was ihm den Verlust seiner englischen Adelstitel einbrachte. Die junge deutsche Republik sah ihn schon in den 20er Jahren als begeisterten Hitler-Anhänger. Beim Deutschen Tag in Coburg 1922, Hitlers erstem eindrucksvollen Auftritt außerhalb Münchens, lernte Herzog Carl Eduard den Trommler kennen und war fortan sein Unterstützer. Coburg war 1929 die erste Stadt im Deutschen Reich mit einer NSDAP-Stadtratsmehrheit. Carl Eduard wurde NSDAP-Mitglied, SA-Ehrenführer und förderndes SS-Mitglied. Der Lohn im Dezember 1933: Die Präsidentschaft des Deutschen Roten Kreuzes.

"Minderbelastet" nach vier Spruchkammerverfahren

Nach einer kurzen Internierung im Jahr 1945 gelang es Herzog Carl Eduard nach vier Spruchkammerverfahren, 1950 in einem Berufungsverfahren zur Entnazifizierung als "minderbelastet" eingestuft zu werden, bei Zahlung einer Geldbuße von 5 000 Mark. Er starb 1954 in Coburg. Von seinen Nachkommen ist  immerhin noch einer ein Monarch, König Carl XVI. Gustav von Schweden, der Ehemann von Silvia Sommerlath aus Heidelberg.

"Kulturelles Gedächtnis hat auch ganz viel mit Vergessen zu tun"

Wie geht die Stadt Coburg, die voller Stolz ihre blaublütige Geschichte für den Tourismus vermarktet, mit ihrer Vorreiterrolle für den Nationalsozialismus und mit der Rolle ihres letzten Herzogs um? - Hubertus Habel, der Stadtheimatpfleger äußert sich hierzu diplomatisch:

"Das ist eine schwierige Frage. Carl Eduard als Förderer in Adelskreisen und lokal auch der Nazis ist eine Rolle, die im kollektiven Bewusstsein der Stadt und der Stadtbevölkerung eigentlich keine Rolle spielt. Kulturelles Gedächtnis hat auch ganz viel mit Vergessen zu tun."

(Hubertus Habel)

Mit diesem Vergessen könnte es in Coburg bald zu Ende sein. - Der Stadtrat hat im Januar 2016 eine Historikerkommission einberufen.  Sie soll die Geschichte Coburgs von 1900 bis 1950 erforschen. Die Kommission wird auch den letzten Herzog von Coburg ins Visier nehmen.

Buchtipp:

Hitlers Herzog: Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha - Die Biographie

Autor: Harald Sandner
Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Shaker Media; Auflage: 1 (24. März 2011)
ISBN-10: 3868585982
ISBN-13: 978-3868585988

Wir danken Harald Sandner für die Mitwirkung in unserer Sendung sowie für die freundliche Genehmigung, Abbildungen aus seinem Buch für die Bildergalerie in diesem Online-Artikel verwenden zu dürfen.


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