Bayern 2 - Bayernchronik


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Regensburger Domspatzen Immer mehr Betroffene packen aus

Von Schlägen und Demütigungen erzählen ehemalige Chorsänger, die jetzt erst ihr Schweigen brechen. Sie ertragen es nicht, dass Bistum und Domspatzen die Aufarbeitung von Missbrauch und körperlicher Gewalt derart verschleppen.

Von: Thomas Muggenthaler

Stand: 21.03.2016

Die Aufarbeitung kommt zu spät und sie kommt nur zäh voran, sagt Ludwig Faust. Der ehemalige Redakteur der Mittelbayerischen Zeitung und Inhaber eines Werbebüros hat nie öffentlich über seine Zeit bei den Domspatzen gesprochen. Jetzt tut er es. Der Grund: Er ist schlicht darüber empört, wie Bistum und Domspatzen in den letzten sechs Jahren mit den Opfern sexueller und körperlicher Gewalt umgegangen sind, und wie auch ehemalige Schüler schweigen, die es besser wissen müssten.

System der Angst

"Ich hab das ja selber alles miterlebt, und steh' heute staunend davor. Dass es Menschen gibt, die wie ich dabei waren, und plötzlich nichts wissen. Das sind damalige Mitschüler, das sind aber hauptsächlich Leute, die in der Verantwortung standen, die plötzlich sagen: ja mei da hab ich nichts mitgekriegt. Der zweite Punkt ist, dass die Kirche so eine miserable Aufarbeitung macht, wohl wissend, dass das, was die Menschen sagen, wahr ist."

Ludwig Faust, Betroffener

Ludwig Faust kam 1963 zu den Domspatzen nach Regensburg. In den 60er Jahren herrschte hier schlicht ein System des Prügelns und der Angst, über das heute immer noch nicht wirklich offen gesprochen wird, sagt Faust.

"Das war ein System des Prügelns damals. Von den Prügelorgien kann ich ganze Bücher schreiben."

Ludwig Faust

Die Schüler litten nicht nur unter den Schlägen, sondern auch unter Psychoterror, sagt Ludwig Faust, der bis zur 10.Klasse das Gymnasium der Domspatzen besucht hat

"Es gab einen Präfekten, der war Pfarrer, einen Meter 90 groß. Das war für mich der Prototyp des Schlägers und Sadisten. In der Früh war einmal Gerangel, da hat er mich erwischt und hat gesagt: 'kommst heute Nacht zu mir, dann kannst du deine Watschen abholen.' Dann bin ich auf d' Nacht um sieben hin: 'Herr Präfekt jetzt bin ich da. - Nein jetzt habe ich keine Zeit.' Er hat einen Rotwein da stehen gehabt, eine Zigarette geraucht. 'Kommst morgen Mittag.' Das hat sich über eine Woche gezogen, und ich bin immer hin und dann hat er gesagt: 'Nein, merk' dir das, das nächste Mal mache ich ernst.'"

Ludwig Faust, Betroffener 

Strafen anzukündigen, die dann nicht sofort vollzogen, sondern immer wieder verschoben wurden, das war schlicht Psychoterror, erinnert sich der 55 jährige Medienprofi.

Kloster Pielenhofen

Besonders gefürchtet war die Vorschule der Domspatzen, die im nahen Etterzhausen und später in Pielenhofen ihren Sitz hatte. Dort hatte bis 1992 Studiendirektor Johann Maier das Sagen, aus dessen Zeit regelrechte Gewaltexzesse überliefert sind. Ehemalige Domspatzen sprechen von einer schwarzen Pädagogik.

Einer flüchtete bereits im ersten Schuljahr und lief die zehn Kilometer über die Felder nach Hause, nach Regensburg. Damit war für ihn das Kapitel Domspatzen beendet.

Knapp 20 Jahre später war Rudolf Neumaier, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, bei den Domspatzen. An seine Gymnasialzeit  in Regensburg hat er gute Erinnerungen. Schlimm war aber das eine Jahr in der Vorschule in Etterzhausen, wo Direktor Maier trotz massiver Beschwerden und Proteste bis 1992 herrschte.

"In Pielenhofen gab es Schläge. Ich kann mich erinnern, dass der Internatsdirektor Maier in den Speisesaal kam und einen Buben richtig in die Mangel genommen hat, weil der beim Ministrieren was falsch gemacht hat. Der Maier hätte nicht auf Kinder losgelassen werden dürfen."

Rudolf Neumaier, ehemaliger Schüler

Die zögerliche Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt durch das Bistum unter den früheren Bischof und heutigem Kardinal, Gerhard Ludwig Müller, bezeichnet Rudolf Neumaier schlicht als Katastrophe. Rudolf Neumaier hält gerade deshalb die Diskussion jetzt so wichtig. Noch wichtiger sei aber, dass die Opfer sexuellen Missbrauchs gehört und ernst genommen werden - und zu ihrem Recht kämen.  


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