Bayern 2 - Bayernchronik


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Musikunterricht Die Flüchtlinge und der Volksmusikant

Die jungen Flüchtlinge sprechen kaum, wenn sie in der "Villa Rosa" im Allgäu ankommen. Musik aber überwindet die Barrieren, erlebt der Volksmusikant Martin Kern, der sie unterrichtet.

Stand: 25.07.2015

Fardin aus Afghanistan und Hargos aus Eritrea stehen eigentlich auf Rap oder Reggae, aber da sind sie flexibel. Wenn Martin Kern, der Musikpädagoge, die „Spanische Romanze“ von Fernando Sor mitbringt: auch gut. Sie freuen sich schließlich schon die ganze Woche auf ihn.

Musik als Sprache

Der 15-jährige Fardin ist sichtlich stolz, wenn er die romantische Melodie auf dem Klangbrett zupft und Martin Kern dazu auf der Gitarre spielt. Zu Hause in Afghanistan werden Musiker von den Taliban mit dem Tod bedroht. Hargos, 18 Jahre alt, improvisiert Melodien am Keyboard oder auf dem Klavier. „Musik ist gut für den Kopf“, sagt er, „wenn ich Stress habe spiele ich auf dem Klavier, dann geht er weg.“

Stress ist ein harmloses Wort für die Erinnerungen, die Fardin und Hargos quälen. Fardin ist aus Afghanistan vor den Islamisten geflohen, zu Fuß, mit Autos und Bussen und Schlepper-Banden. In Eritrea, wo Hargos geboren wurde, leben die Menschen ständig in Angst vor dem langen Arm der Militärdiktatur. Beide Jungen haben noch vor einigen Monaten kaum ein Wort Deutsch gesprochen. Der Volksmusiker Martin Kern beobachtet erstaunt, wie schnell die beiden sich sprachlich entwickeln. Auch dank der Lieder, die sie gemeinsam singen.

"Was mich fasziniert hat ist, dass die Jungen in einer Geschwindigkeit Deutsch lernen, wenn sie Deutsch lernen wollen, dass man sich innerhalb von ein paar Monaten gut mit ihnen unterhalten kann."

Martin Kern, Musikpädagoge

Der Landkreis Lindau unterstützt dem Musikunterricht in der Villa Rosa, bezahlt die Instrumente und auch den Lehrer, der einmal wöchentlich kommt. Denn die Erfahrung zeigt: selbst schwer traumatisierte Kinder, die sich völlig zurückziehen, sind mit Musik erreichbar. Lange, bevor sie anfangen zu sprechen.

Fardin und Hargos unterdessen schmieden Zukunftspläne. Beide haben sich Praktikumsplätze besorgt. Fardin will lernen wie der Allgäuer Käse entsteht, und Hargos eine Ausbildung als Altenpfleger beginnen.

Die Villa Rosa

Die Villa wurde 1949 kurz nach dem Krieg als Jugendstilvilla gebaut. Sie war zunächst im Privatbesitz und wurde später über viele Jahre als Landschulheim für Berliner Kinder genutzt. 1972 kaufte Hilde Roerig, die Villa und machte aus ihr eine Jugendhilfeeinrichtung für deutsche Kinder und Jugendliche. Damals hieß das Haus Villa Struwwelpeter. Von 1998 - 2013, dem Todesjahr Hilde Roerigs, war sie ein Ferienhaus für Gruppen. Am 01.05.2014 eröffnete ihr Sohn Christian dann wieder eine Jugendhilfeeinrichtung mit acht Plätzen für junge unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Da der Name Villa Struwwelpeter für die meisten nicht auszusprechen war, heißt sie jetzt wie sie aussieht: Villa Rosa.


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