Bayern 2 - Bayernchronik


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Karl Ude Späte Erkenntnisse

Der Vater des Münchner Alt-Oberbürgermeisters Christian Ude, Karl Ude, ist als Kulturschriftsteller und als München-Autor bekannt geworden. Nach 1946 gehörte er der Redaktion der Süddeutschen Zeitung an und hat mehrere Münchner Preise bekommen, darunter die "Medaille München leuchtet" und den Schwabinger Kunstpreis. Außerdem war er Träger des Bundesverdienstkreuzes. Bisher nur gemunkelt hat man, dass er im Dritten Reich den NS-Staat mit seinem Schreiben unterstützt habe. Christian Ude hat den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte immer abgestritten.

Von: Ulrich Trebbin

Stand: 16.01.2016

Jetzt macht die Bayernchronik erstmals bekannt, dass Karl Ude offenbar tatsächlich enger in das NS-System verstrickt war, als er selber zugegeben hat. Im Frühjahr soll eine Biografie über Karl Ude herauskommen.

Jedes Regime braucht Herolde

Jedes Unrechtsregime braucht Täter, die die Freiheit der Menschen einschränken. Aber jedes Regime braucht auch Herolde, die seine Ideologien unter die Leute bringen, die zur Gehirnwäsche eines ganzen Volkes beitragen, die die Machthaber feiern und rühmen und die jeden Widerstand diffamieren. Ein solcher Herold ist der Journalist Karl Ude allem Anschein nach im Dritten Reich gewesen.

Johann Türk inmitten seiner Rechercheergebnisse.

Das ist das Ergebnis einer jahrelangen Archiv-Recherche: Der Münchner Autor Johann Türk hat nämlich circa 5.000 Karl-Ude-Artikel zu Tage gefördert. Seiner Aussage nach betreibt Karl Ude in 80 Prozent von ihnen zum Teil üble NS-Propaganda. Schon bei der Grundsteinlegung des Hauses der Deutschen Kunst am 15. Oktober 1933 in München verleiht seine Reportage den Nationalsozialisten den gewünschten Glanz. 1934 beschreibt er eine Feierstunde der Hitlerjugend auf der Wartburg-Bühne in Eisenach:

"Da stehen die Jungen in ihren Braunhemden, ihre Trommeln und Fanfaren dröhnen, ihre Fahnen flackern und ihre Fackeln leuchten, und sie danken dem Führer, der ihnen die Symbole schenkte, mit dem Schwur der Treue und mit der Inbrunst ihrer Hingabe."

Zitat

Die Deutsche Jugend will Karl Ude militarisieren und empfiehlt den Jungen deshalb zu Weihnachten Bücher, die den Krieg verherrlichen. Auch seine Theaterkritiken haben einen militaristischen und nationalistischen Ton. Über die Uraufführung des Theaterstückes "Deutschlands Erwachen" schreibt der 27-Jährige schon 1933:

"Das Ende ist der Sieg der nationalen Idee, der Sieg der deutschen Jugend. Künstlerisch ist das Stück unzulänglich, aber darauf kommt es hier nicht an – es hat nur das eine Ziel: Gesinnung schaubar zu machen, es ist ganz aus dem Geist des neuen Deutschland geboren und soll erbauen, beglücken, bestätigen."

Zitat

Journalistische Arbeit, die einem politischen Auftrag dient

Karl Ude: Recherchen zu seinem Wirken im Jahr 1935.

"Künstlerisch ist das Stück unzulänglich, aber darauf kommt es hier nicht an", sagt Karl Ude. Damit wird klar, dass er sich offensichtlich nicht in erster Linie als Kunstkritiker versteht. Vielmehr sagt er rundheraus, dass seine journalistische Arbeit einem politischen Auftrag dient – dem der Nationalsozialisten: Romane, Theaterstücke oder Filme bezeichnet er dann als wertvoll, wenn sie die nationalsozialistische Bewegung fördern. Deswegen ist Karl Ude auch Mitglied im nationalsozialistischen "Kampfbund für Deutsche Kultur".

Zur NS-Ideologie gehört auch, die Starken zu fördern und die Schwachen auszusondern und zu eliminieren. In einer Besprechung des Theaterstücks "Erbstrom" im Jahr 1935 zeigt Karl Ude, dass er diese Politik eindeutig unterstützt.

"Mit der endlichen Machtübernahme durch Adolf Hitler geht die Zeit (…) des falschen sozialen Mitleids zu Ende; die Wohlfahrtsämter dienen hinfort nur noch den Gesunden und Kräftigen, die eine Verheißung für die Zukunft des Reiches sind (...), das entartete und arbeitsscheue Gesindel aber verfällt den Gesetzen der Sterilisation und der Arbeitshäuser."

Zitat

Das Ende dieser Politik war die Euthanasie. - Und Karl Ude hat sich in seinen Artikeln für die deutsche Presse auch klar antisemitisch geäußert, zum Beispiel in einer Rezension zur Inszenierung von Schillers Räubern 1939 am Staatsschauspiel in München:

"Völlig füllte Rudolf Vogel die Rolle Spiegelbergs. Er charakterisierte diesen feigen Verbrecher und Zotenfreund, für den das Luderleben die einzige mögliche Daseinsform ist, von seiner jüdischen Rassenzugehörigkeit her."

Zitat

"Von den verwahrlosten Typen des Ostjudentums"

In seiner Besprechung des Propaganda-Spielfilms "Die Rothschilds" von 1940 beschreibt Karl Ude jüdische Geschäftsleute per se als verantwortungslose Spekulanten, und in einer Kritik über einen Propaganda-Film zum Polenfeldzug schreibt er am 10. Februar 1940 in den Münchner Neuesten Nachrichten, der Film erzähle ...

Filmbesprechung von Karl Ude über "Feldzug in Polen" aus dem Jahr 1940

"... von den finsteren Gesichtern polnischer Insurgenten, von den verwahrlosten Typen des Ostjudentums, die unter deutscher Aufsicht zum ersten Mal in ihrem Leben (…) körperliche Arbeit ausführen müssen, und von müden, waffenlosen polnischen Soldaten, die in endlosen Reihen an der Kamera vorbei den Marsch in die Gefangenschaft antreten."

Zitat Filmbesprechung von Karl Ude

"Die Rothschilds […] Wenn man den Aufstieg einer deutschen Familie von Weltgeltung, etwa den der Krupps, verfolgt, so wird man am Anfang ein redliches, unermüdliches Handwerkertum finden, das den sprichwörtlich goldenen Boden für späteres weitsichtiges Planen und Entwickeln bildet. Bei den Juden ist das anders, da steht die Spekulation am Anfang das verantwortungslose Gesicht mit einer Geldsumme, die der Zufall dem „Stammvater“ zuspielt."

Zitat Filmbesprechung von Karl Ude

70.000 Zeitungsexemplare gesichtet

Der Münchner Autor Johann Türk.

Der Münchner Hobbyhistoriker und Karl-Ude-Biograf Johann Türk hat in den letzten Jahren nach eigenen Angaben über 70.000 Zeitungsexemplare aus 20 NS-Blättern gesichtet und darin 5.000 Artikel von Karl Ude gesammelt.

"Ude war ja Korrespondent ab '33, für alle großen Zeitungen war er der Münchner Korrespondent, das war Berliner Börsen-Zeitung, Der Mittag, die Kölnische Volkszeitung, Kölnische Zeitung, das Neue Wiener Tageblatt, die Leipziger Zeitung, also für alle großen Zeitungen hat er geschrieben."

Johann Türk

Kopie aus einer Beilage der "Münchner Neuesten Nachrichten"

Außerdem habe er für Parteiblätter wie den "Völkischen Beobachter" geschrieben, den "Stuttgarter NS-Kurier", für "Der Deutsche" oder "Der Soldat zwischen Alpen und Donau". Johann Türk hat in seiner jahrelangen Recherche viele NS-Autoren über ihre Texte kennengelernt. Einer der eifrigsten Nazis ist nach seiner Einschätzung Karl Ude gewesen.

"Sie waren ja Täter. Sie haben ja dieses Regime mit der Sprache, die sie geführt haben, mit ihren Artikeln, mit ihren Aufsätzen unterstützt. Sei es jetzt für die Kriegsverlängerung, sei es jetzt bei der Bücherverbrennung, sei es bei Theaterstücken - nach Goebbels'scher Sprache zu sagen: Das waren die sogenannten Literatursoldaten. Die haben sehr wohl viel, viel Schuld auf sich geladen."

Johann Türk

Karl Ude: "Das war uns so egal!"

Karl Ude selbst sah das nicht so. In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1997 sagt er rückblickend über sein Verhältnis zum Nationalsozialismus:

"Das war uns so egal! Ich habe auch den Völkischen Beobachter nie gelesen in jener Zeit. Wir waren eigentlich in gewissem Sinne tabuisiert gegen diese nationalistische Tendenzen. (…) Natürlich hat man dumme Sachen geschrieben, die man von heutiger Sicht aus nicht geschrieben hätte, aber Sie konnten natürlich über gewisse Dinge nach Leipzig oder Königsberg oder auch ins Rheinland nicht berichten, ohne zu loben, dass es schön sei, dass München endlich ein Haus der Kunst habe oder dass es hier Falckenberg-Premieren gegeben hat oder dass es hier eine Theaterwoche unter den Intendanten der Staatsoper gegeben hat. Alles das konnte man natürlich nicht so darstellen, als wäre man dagegen."

Karl Ude im Jahr 1996

Die Bayernchronik hat Karl Udes Sohn, Christian Ude, mit den zahlreichen belastenden Zitaten aus dem journalistischen Werk seines Vaters konfrontiert. Der Münchner Altoberbürgermeister sagt, dass ihm diese Erkenntnisse neu seien. Zu einem Interview vor dem Mikrofon war er nicht bereit. In einer Email schreibt er:

"Wenn die Zitate zutreffen - und daran habe ich wegen der präzisen Quellenangaben und stilistischer Besonderheiten keinen Zweifel - hat Karl Ude nicht nur regimekonform geschrieben, was Voraussetzung der Berufsausübung war, sondern selber antisemitische, völkische und nazistische Thesen mit großer Vehemenz vorgetragen und dabei nicht nur die humanistische Sprache, sondern auch humanistische Denkungsart vermissen lassen. Es ist für mich unbegreiflich, warum in den 50 Jahren nach der NS-Gewaltherrschaft dies kein Opfer dieser Angriffe und (trotz Befragung!) keine Behörde, kein Archiv und kein Medium der Bundesrepublik aufgegriffen hat. Diese Entgleisungen sind unentschuldbar und hätten nach 1945 thematisiert werden müssen."

Christian Ude an den BR, E-Mail vom 17.12.2015

Darstellung als Mitläufer

Merh als 70.000 Zeitungsexemplare hat Türk gesichtet und ausgewertet.

Bislang hat Christian Ude seinen Vater Karl als Mitläufer dargestellt. 2002 zum Beispiel gibt der damalige Münchner Oberbürgermeister, Christian Ude, beim Literaturarchiv der Stadt, Monacensia, eine Anthologie mit Texten seines Vaters heraus - unter dem Titel: "Schwabing von innen". Der Auftrag an den zuständigen Mitarbeiter der Monacensia lautet, dass nur Texte nach 1945 darin erscheinen sollen. Im Vorwort schreibt Christian Ude:

"Im Dritten Reich hat sich Karl Ude – ganz musischer Bildungsbürger im Elfenbeinturm – weder für die Nationalsozialisten begeistern noch über sie rechtzeitig empören können. Er hat sie, wie er glaubhaft versichert, einfach verdrängt. (...) Er schrieb nichts Nationalsozialistisches. (…) Er floh in die wohlwollende Kunstbetrachtung, ins rein Unterhaltsame oder ins zeitlos Musische. So hat er es selbst im Gespräch immer wieder formuliert."

Zitat Christian Ude

Bei einer öffentlichen Veranstaltung im Dezember 2002 wird der damalige Münchner Oberbürgermeister mit der Vergangenheit seines Vaters konfrontiert. Er setzt sich massiv zur Wehr:

"Dass er kein Regimegegner (…) war und deswegen auch kein Schreibverbot bekam, ist richtig und von ihm immer eingestanden worden. Aber einen Gefreiten jetzt plötzlich zum nationalsozialistischen Propagandisten zu erklären, ist infam. Gäbe es eine Vergangenheit, die aufgearbeitet werden müsste, wäre ich der Erste, der es täte. Aber einen Toten in dieser Form zu instrumentalisieren, nur weil sein Sohn sozialdemokratischer Oberbürgermeister dieser Stadt geworden ist, das halte ich für infam."

Zitat Christian Ude 2002

Rechercheordner von Johann Türk.

In den 13 Jahren, die seither vergangen sind, hat Christian Ude diese Aufarbeitung offensichtlich nicht in Angriff genommen. Der Hobbyhistoriker und Autor Johann Türk sagt, dass er ihn zwei Mal vor Jahren brieflich gebeten habe, ihm für seine Biografie zu Karl Ude ein Interview zu geben und sich das recherchierte Material anzusehen. Er habe nie eine Antwort von Christian Ude erhalten. Christian Ude wiederum schreibt in einer Mail an die Bayernchronik, dass Türk dieses Material nie vorgelegt habe. - Christian Udes Schwester Karin ist dagegen auf Johann Türks Gesprächsangebot schon im Frühjahr 2012 eingegangen und hat sich mit dem Material zu ihrem Vater Karl auseinandergesetzt. Das hat sie der Bayernchronik bestätigt. 


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evi, Mittwoch, 20.Januar, 11:31 Uhr

13. evi c.

ein Radiobericht im bayern 2

evi, Mittwoch, 20.Januar, 11:25 Uhr

12. ude

bayern 2

Barbara, Sonntag, 17.Januar, 17:08 Uhr

11. Wer die 2000jährige Geschichte Europas nicht kennt,

der kann auch nicht die gegenwärtigen Ereignisse richtig einordnen. Damit sich die Fehler der Geschichte nicht wiederholen, muß man erst einmal die Geschichte kennen! Warum wurde denn der größenwahnsinnige und machtgierige Napoleon Bonaparte am Ende auf St. Helena in die Verbannung geschickt? Er war sehr klein, hatte viele Komplexe und wollte diese kompensieren. Genauso größenwahnsinnig wie Napoleon war auch Adolf Hiedler, der sich in "Hitler" umbenannte, weil ihm der Name "Hiedler" nicht gefiel. Da er ein lediges Kind war, fühlte er sich "benachteiligt"; denn er wollte ja ein "Herren-Mensch" sein! Was hatte Hitler eigentlich gelernt? Er war ein Hilfsarbeiter.

Florian, Sonntag, 17.Januar, 01:29 Uhr

10. Karl Ude ein Nazi is doch nix neues....

Das Karl Ude ein durch und durch überzeugter Nazi war mir schon sehr lange klar.
Dr. Gerngroß, Widerstandskämpfer und Anführer der Freiheitsaktion Bayern, war Chef einer Dolmetscherkompanie der Wehrmacht und u.a. Vorgesetzter von Karl Ude in der Wehrmacht. Gerngr0ß organisierte zum Kriegsende mit der Freiheitsaktion Bayern die kampflose Übergabe München an die Amerikaner und besetzte mehrere Rundfunkstationen. Getragen wurde die Aktion von dieser Dolmetscherkompanie.
Christian Ude hat in einer BR-Dokumentation über diese Widerstandskämpfer eingeräumt das sein Vater nicht direkt eingebunden und Informiert war.
Was wenn man das genau anhört und das zwischen den Zeilen mithört heiß. Christian Ude räumt ein das sein Vater für die Widerstandskämpfer nicht vertrauenswürdig war und von allen Widerstandsaktionen ferngehalten wurde.
Christian Ude hat um das zu vertuschen, als OB, jede Würdigung der Freiheitsaktion Bayern klein gehalten.
Das ist die Schuld die der Sohn Christian Ude hat!

Hugo Trotz, Samstag, 16.Januar, 23:06 Uhr

9. Billig, billiger, Mainstream-Journalismus.

Na, da hat man ja wieder ein "interessantes Thema" gefunden. Man muss ja von der beinah bereits aussichtslosen Lage ablenken, die uns im Jetzt und Hier befindlichen Bürger sehr große Angst macht. Wollt ihr nicht mal die Toten ruhen lassen und euch der Aufgabe widmen, die eigentlich Journalisten haben: investigativen Journalismus?