Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


21

Hans Jürgen Syberberg Zum 80. Geburtstag

Hans Jürgen Syberberg ist ein Solitär in der deutschen Filmgeschichte - vom herkömmlichen Kino und seinen Genres ebenso weit entfernt wie vom so genannten Neuen Deutschen Film. Bekannt wurde er für seine Interpretation herausragender Repräsentanten deutscher Mythen - von König Ludwig II. über Karl May bis zu Adolf Hitler. - Am 8. Dezember wird der Regisseur 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass wiederholen wir eine Sendung von Markus Metz und Georg Seeßlen.

Von: Markus Metz und Georg Seeßlen

Stand: 05.12.2015 | Archiv

Hans Jürgen Syberberg war nie wirklich ein Regisseur des "Neuen Deutschen Films". Und während er alle kommerziellen Überlegungen verachtet, gehört er doch zu den Regisseuren, die einen erheblichen Anspruch an die Produktion stellen. Sein Material ist weniger die Filmgeschichte als die klassische bürgerliche deutsche Bildung: Literatur, Oper, Bildende Kunst.

Hans Jürgen Syberberg (2010)

"Dann habe ich gedacht, das ist eine Reihe, das sind 100 Jahre, eine ganz interessante Konstellation, die verschiedenen Epochen in verschiedenen Figuren: Ludwig, dieser Wahnsinnige, der Wagner ermöglicht hat, dann der Karl May, der sehr erfolgreich wurde, obwohl er psychisch einen Defekt hatte, also die Kombination von Kreativität und Defekten. Und dann eben der Hitler, wo das alles gipfelte in einem Schlusspunkt sondergleichen."

(H. J. Syberberg)

Filmische Auseinandersetzung mit deutschen Mythen

Richard Wagner | Bild: picture-alliance/dpa

Mythos Richard Wagner

Für Syberberg ist das Kino eine große Passion und sein Ziel ist eine Form des "Gesamtkunstwerks". Er hat sich stets mit deutschem Mythos und deutschen Tabu-Themen auseinandergesetzt: Karl May, Hitler, Wagner, Kleist oder Ludwig II. Gelegentlich sind seine Äußerungen (und zum Teil auch seine Arbeiten) der Nähe zur "Neuen Rechten" bezichtigt worden, Konflikte mit der Presse und mit den Kollegen gehörten eine Zeit lang zur Karriere des Hans Jürgen Syberberg. Auf der anderen Seite aber ist seine Arbeit immer auch in gewissem Sinne revolutionär. Er hat die Sprache des Films erweitert und gezeigt, wie man Grenzen der Genres, der Formate und der Aufführungspraxis überwindet. Und als einer der ersten deutschen Filmemacher hat er seine Arbeit ausgedehnt auf das Theater und in den Bereich der Bildenden Kunst.

Beängstigend deutsch ...

Was immer man von Hans-Jürgen Syberbergs Filmen halten mag, niemand wird leugnen, dass dieser Filmemacher aus Deutschland seinen ganz eigenen Weg gesucht und gefunden hat. Und dass dieser Weg ein paar Stellen in der deutschen Geschichte, der deutschen Mythologie, der deutschen Schmerzen berührt hat, an denen wir es uns schon allzu vernünftig allzu gemütlich gemacht hatten. Je weiter weg von Deutschland man ist, desto leichter fällt es einem, die Syberbergsche Kunst zu genießen. Und je näher man kommt, desto schwerer fällt es einem, den Bildersturm auszuhalten, mit dem er die Geister der Vergangenheit beschwört.

Vielleicht ist ja, wie manche Kritiker meinten, der schöpferische Irrationalismus in seinen Arbeiten sehr deutsch, die Suche nach dem verlorenen Paradies, dem Mythos und der alles heilenden Kunst. Beängstigend deutsch. Aber die Angst davor und die wohlfeile Absicherung dagegen, die sind es auch.

Filmografie:

  • 1965: Fünfter Akt, siebente Szene. Fritz Kortner probt Kabale und Liebe – Regie, BR
  • 1966: Fritz Kortner spricht Monologe für eine Schallplatte – Regie
  • 1966: Romy, Portrait eines Gesichts, auch als: Romy, Anatomie eines Gesichts – Regie, BR, Dokumentation
  • 1969: Scarabea – Wie viel Erde braucht der Mensch? – Regie, (Kinoproduktion)
  • 1969: Sex-Business, Made in Pasing – Regie, Dokumentation
  • 1970: San Domingo – Regie
  • 1970: Nach meinem letzten Umzug. Erste Veröffentlichung des 1953 im Berliner Ensemble auf 8 mm aufgenommenen Materials mit Inszenierungen Bertolt
  • Brechts (siehe auch 1993)
  • 1972: Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (2 Teile) – Regie, ZDF
  • 1972: Theodor Hierneis oder Wie man ehem. Hofkoch wird – Regie, BR-Koproduktion (Co-Autor: Hauptdarsteller Walter Sedlmayr)
  • 1974: Karl May – Regie, ZDF-Koproduktion
  • 1975: Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914–1975 – Regie, BR/ORF
  • 1977: Hitler, ein Film aus Deutschland (4 Teile, mit Heinz Schubert als Hitler und Himmler), Regie, WDR/BBC Koproduktion
  • 1977: 1. Teil: „Der Gral“
  • 1977: 2. Teil: „Ein deutscher Traum“
  • 1980: 3. Teil: „Das Ende eines Wintermärchens“, WDR/BBC Koproduktion
  • 1980: 4. Teil: „Wir Kinder der Hölle“, WDR/BBC Koproduktion
  • 1982: Parsifal – Regie, BR-Koproduktion
  • 1986: Die Nacht – Regie, ZDF
  • 1987: Fräulein Else – Regie, ORF
  • 1989: Die Marquise von O. – Regie, ORF
  • 1989: Penthesilea – Regie, ZDF-Koproduktion
  • 1993: Syberberg filmt bei Brecht. Herr Puntila und sein Knecht Matti – Urfaust – Die Mutter. Neubearbeitung des 1953 aufgenommenen 8-mm-Materials (siehe oben, 1970)

21