Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Sommerlügen Psychogramm einer Jahreszeit

Thomas Kernert ergründet in seinem aktuellen Jahreszeiten-Psychogramm unter anderem auch die Freuden des Sommerurlaubs in exotischen Gefilden - und erklärt, wie wir es schaffen, am ersten Arbeitstag wieder stinknormale Bayern zu werden.

Von: Thomas Kernert

Stand: 17.06.2017 | Archiv

Emotional sind die Jahreszeiten mehr oder minder fest verankert:
Der Herbst ist diskrete Melancholie, buntes Laub auf Grabsteinen, Allerheiligen als Hochamt der Vergänglichkeit, Rehgulasch mit Preiselbeeren.
Der Winter ist kalt, aber flauschig, mehrere Klamotten übereinander, Kerzen, manchmal Schnee, immer Weihnachten.
Der Frühling schließlich "lacht", auch wenn er mitunter besser daran täte, sich zu schämen. Trotzdem keimt und sprießt es auf Teufel komm raus und alle reden von der Liebe!
Und der Sommer?

"Wenn Du den Hahn auch einsperrst, die Sonne geht trotzdem auf!"

(Indisches Sprichwort)

Der Sommer ist anders ...

Münchner Biergarten mit Sonnenuntergang

Und das, obgleich er eigentlich viel banaler daherkommt als alle anderen Jahreszeiten: Überall ist es grün, grün, grün … Und oftmals auch viel ritualisierter: Sommer, das ist Baden, Schwitzen, Baden, Schwitzen und am Abend eine Portion Biergarten mit Wurstsalat und ein, zwei Litern Smalltalk. In den Innenstädten tobt sich währenddessen die postmoderne Event-Kultur aus, in den Vorstädten riecht es nach verbrannten Nackensteaks, auf dem Land nach gemähtem Gras.

Zu heißblütig, viel zu freundlich und sympathisch, um wahr zu sein

Bilderbuchstrand an der Côte d’Azur

Irgendwie ist der Sommer, vor allem dann, wenn er sich in Bilderbuchlaune präsentiert, viel zu rund und bunt, um wahr zu sein. Der Verdacht, dass er in Wirklichkeit doch nur ein Hochstapler ist, der uns haufenweise Licht in die Augen streut, um uns zu blenden, liegt auf der Hand. Egal, ob in der Eisdiele nebenan oder unter einem spanischen Sonnenschirm, immer kommt er entweder viel zu heißblütig daher, um kein Heiratsschwindler, oder viel zu freundlich und sympathisch, um kein Trickbetrüger zu sein.

Ein sauberer Sonnenbrand gehört einfach zum Urlaub mit dazu!

"Und die Sommermittagssonne?

Wenn sie nicht langweilt, nervt sie. Kein Wunder, dass viele, die geoklimatisch viel mit ihr zu tun haben, sprich: Griechen, Italiener, Spanier, Portugiesen, möglichst wenig mit ihr zu tun haben wollen. Spätestens nach dem Mittagessen, das man vorzugsweise nicht im Freien absolviert, zieht man sich in die Hinterzimmer des Schlafes zurück und ignoriert das Brüllen der Sonne auf der Piazza.

Wohingegen der bildungsbeflissene Urlaubsbayer, weltoffen und neugierig wie er nun mal ist, die Herausforderung annimmt und ohne Rücksicht auf Verluste in praller Mittagssonne die örtlichen Sehenswürdigkeiten inspiziert; nur um kurz vor Sonnenuntergang schlapp zu machen und sich mit Verbrennungen zweiten Grades und Schüttelfrost im Hotelzimmer wiederzufinden."

(Thomas Kernert)

Wer sich ein Sommerloch gräbt, fällt garantiert auch hinein

Urlauber mit Sonnenbrille am Strand

Und tendieren nicht auch wir, quasi als Reaktion auf seine Sperenzchen und Flunkereien, zur Maskerade? Schon eine Sonnenbrille kann aus einem Bauerntrampel einen Italiener machen. Mit einem Strohhut auf dem Kopf und einem Dreitagebart wird selbst der bissigste Abteilungsleiter im Handumdrehen zu einem charmanten, griechischen Tagedieb. Und nach zwei Wochen Mykonos und gegrilltem Oktopus glauben wir dann sogar an unsere eigenen Sommerlügen, denn merke: Wer sich ein Sommerloch gräbt, fällt garantiert auch hinein. Und schon hat man den großen Bauernsalat: Wie schaffen wir es am ersten Arbeitstag wieder, stinknormale Bayern zu werden? Thomas Kernert, Halbgrieche, Halbsüdfranzose, Ganzbayer, hilft mit nützlichen Tipps zurück zur Wahrheit …


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