Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Olympia 1936 Die Winterspiele von Garmisch-Partenkirchen

Als am 6. Februar 1936 die vierten Olympischen Winterspiele der Geschichte bei dichtem Schneetreiben eröffnet werden, schaut Adolf Hitler an der Seite des IOC-Präsidenten, Graf Henri Baillet-Latour, voller Zufriedenheit und Genugtuung vom Balkon des Olympiahauses in Garmisch-Partenkirchen auf die einmarschierenden Mannschaften. Die Nationalsozialisten haben alles unternommen und alles investiert, damit diese Spiele die ersten Winterspiele der Superlative werden. Nun ist schon bei der Eröffnungsfeier absehbar, dass ihre Rechnung aufgehen wird.

Von: Nick Golüke und Michael Mueller

Stand: 06.02.2016 | Archiv

"Mit dem Sonderzug ist der Hitler an dem Bahnhof eingefahren. Und dann ist er mit einem Auto vom Bahnhof zum Olympiahaus gefahren und ist dann da auf dem Balkon erschienen. … Dann hat die Olympische Fanfare erklungen. Die hat ja der Richard Strauß komponiert. Und dann hat der Hitler gesagt: 'Ich erkläre die vierten Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen für eröffnet!'"

(Genovefa Bader, Zeitzeugin)

Es sollte ein weltoffenes und erfolgreiches Regime präsentiert werden

Die norwegische Eiskunstläuferin Sonya Henie

Die IV. Olympischen Winterspiele von Garmisch-Partenkirchen waren die ersten Winterspiele der Superlative. Eine halbe Millionen Menschen kamen aus aller Welt, um im Schatten der Zugspitze den 646 Athleten aus 28 Nationen bei ihren Wettkämpfen zuzusehen. Nie zuvor hatten Winterspiele eine derartige internationale Aufmerksamkeit und ein solches Zuschauerinteresse geweckt. Die Wintersportstars aus dem Werdenfelser oder Berchtesgadener Land wie Christl Cranz, Willy Bogner oder Franz Pfnür, aber auch ausländische Athleten wie Birger Ruud oder Sonya Henie, begeisterten die Massen. Für die Nationalsozialisten aber waren die Winterspiele vor allem eins: Die Möglichkeit, sich der Weltöffentlichkeit als vermeintlich tolerantes, weltoffenes und erfolgreiches Regime zu präsentieren. Und dies angesichts einer internationalen Boykott-Bewegung, die wegen der nationalsozialistischen Rassenpolitik für ein Fernbleiben von den Spielen eintrat. - Deutschland stand unter internationaler Beobachtung. Und für die Machthaber stand alles auf dem Spiel.

"Vor allem die Franzosen, die Engländer, die Niederländer - aber in erster Linie die Amerikaner. Vor allem die dortigen Sportler, die Amerikanische Athleten Union, und das amerikanische Olympia-Komitee -  die haben sich sehr darum gekümmert und waren in großer Sorgen, was da passieren könnte in Garmisch-Partenkirchen. Das waren sie im übrigen mit den Nazis - die waren in gleicher Sorge, was sich da ereignen könnte. Es könnte ja ihre Sommerspiele in Berlin kaputt machen, und die waren ja wesentlich wertvoller als die Winterspiele in Garmisch."

(Alois Schwarzmüller, Historiker)

Und auch der Chef des Organisationskomitees der Spiele in Garmisch-Partenkirchen, Karl Ritter von Halt, war in größter Sorge um den Erfolg der Spiele. Er schrieb an das Reichsinnenministerium in Berlin einen Brief, in dem er die fundamentale Bedeutung der Winterspiele für die Propaganda der Nazis noch einmal deutlich hervorhob und sich gegen die allzu offensichtliche Diskriminierung der Juden im Werdenfelser Land wendete:

"Ich melde mich nicht, um den Juden zu helfen, aber wenn die Propaganda in dieser Form weitergeführt wird, dann wird die Bevölkerung von Garmisch-Partenkirchen so aufgeputscht sein, dass sie wahllos jeden jüdisch Aussehenden angreift und verletzt. Wenn in Garmisch-Partenkirchen die geringste Störung passiert, dann - darüber sind wir uns doch alle im Klaren - können die Olympischen Spiele in Berlin nicht durchgeführt werden, da auch alle übrigen Nationen ihre Meldung zurückziehen würden."

(Karl Ritter von Halt)

Winterspiele 1936

Testlauf für die Sommerspiele in Berlin

Damit waren die Spiele von Garmisch-Partenkirchen auch der entscheidende Testlauf für die Sommerspiele in Berlin. Nachdem vor allem die USA sich gegen einen Boykott entschieden hatten, wurden die Winterspiele zu einem Triumph für die nationalsozialistischen Gewaltherrscher. Goebbels notierte in seinem Tagebuch: "Das haben wir gut gemacht. Viel Arbeit hat’s gekostet. Doch hat es sich gelohnt." Rudolf Heß schrieb: "Wir hätten es nicht besser einrichten können, wenn wir selbst das Schicksal zu beeinflussen gehabt hätten."

Weitgehend vergessen

Heute sind die Winterspiele von 1936 in der Öffentlichkeit weitgehend vergessen. Wir erzählen die Geschichte der Winterspiele neu: Von der zwangsweisen Vereinigung der beiden Orte Garmisch und Partenkirchen über die Bemühungen des Regimes, im Kampf gegen die internationale Boykottbewegung die antijüdische Stimmung im Werdenfelser Land einzudämmen, bis zum triumphalen Propagandaerfolg der Spiele von Garmisch-Partenkirchen, der die Sommerspiele in Berlin erst möglich gemacht hat.

ARD-Dokumentarfilm "Als Olympia die Unschuld verlor"


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