Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Miss Anny Meilhamer Auf den Spuren einer außergewöhnlichen Frau

Wenn die Not zu groß und die Luft zum Atmen zu dünn wird, wenn die Enge das Denken einschränkt, dann wächst der Traum von der Freiheit, von einem besseren Leben in einem anderen Land. Das empfand auch Anny Meilhamer. Sie wanderte 1927 nach Amerika aus. Ihr wildes Leben in der Prärie als Cowgirl und Artist, als Fallenstellerin und Wolfsjägerin, als "bunter Vogel" mit zielsicherer Hand, als Rodeo-Reiterin und Verfasserin spannender Journalgeschichten, hat sie selber dokumentiert: in hinreißenden Briefen an ihre Pockinger Familie. Eine Spurensuche im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 30.01.2016 | Archiv

Miss Anny Meilhamer, born in Lower Bavaria

Annis Tierliebe war im ganzen County bekannt

Die wohl berühmteste Auswandererin aus Niederbayern ist die Dichterin Emerenz Meier aus Schiefweg bei Waldkirchen. Sie folgte ihrer Familie 1906 nach Amerika und ließ sich in Chicago nieder. Da war Annemarie Meilhamer gerade sieben Jahre alt. Sie besuchte eine Klosterschule, die Eltern waren soeben ins niederbayerische Pocking umgezogen, und träumte vielleicht schon von einem anderen Leben. Mit harter Hand herrschte ihr Vater, ein Holz- und Immobilienhändler, der sein ganzes Vermögen 1923 in der Wirtschaftskrise verlor. Er war als lebenslustiger Mann bekannt, ließ aber seinen Kindern nicht viel Raum, um sich zu entfalten. Widerrede wurde nicht geduldet, Anni hatte zu funktionieren. Um dieser scharfen Regimentsführung zu entgehen, sah sie ihren einzigen Ausweg in einer Klostergemeinschaft. Aber auch dort konnte sich die Freidenkerin nicht mit einer Kultur von Einschüchterung und Angst anfreunden. Sie trat aus dem Orden aus und zog durch deutsche Städte, fand als gut ausgebildete Frau überall Arbeit, lebte in München und Berlin, und beschloss eines Tages, nach Amerika auszuwandern. Am 2. Dezember 1927 schiffte sie sich mit knapp tausend anderen Passagieren in Hamburg auf der "Albert Ballin" ein und kam elf Tage später in New York an.

Das "crazy girl from Germany"

Die "Conte grande", mit ihr verließ Anni 1929 für immer ihre Heimat

Obwohl schwer an Tuberkulose erkrankt, gelangt Annemarie Meilhamer über Umwege in den "Wilden Westen", in diese weite Steppenlandschaft von Texas, in die Berge von Colorado und später nach New Mexiko. In der Nähe eines kleinen Ortes names Hatch überlässt man ihr eine Lehmhütte. Sie kümmert sich um die Kühe, legt ein Gemüsebeet an, ernährt sich von rohen Eiern und viel Milch. Sie lebt mit der Natur und versucht sich und ihr anvertrautes Vieh gegen Stürme und Trockenheit zu schützen, beobachtet Tiere, kämpft gegen Flöhe und Klapperschlangen, zeichnet Postkarten, malt die Landschaft, Indianer und Pferde, macht in Hatch sogar eine Ausstellung mit ihren Werken, und schreibt ihre täglichen Erlebnisse auf für ihre Pockinger Familie.

"Habe heute am 19. Dezember wieder einen Wolf geschossen, gestern einen und heute einen. Ich bin so voller Flöhe, seitdem ich jagen reite, da ich die Tiere aufs Pferd binden muss, und bis ich heimkomme, haben die Flöhe an mir einen Brotherrn gefunden."

(Anna Meilhamer)

Einer von vielen hundert Briefen, die das "crazy girl from Germany" aus dem Indianerland nach Hause schreibt. Literarische Kleinode über das Cattleing und Ranching, Überschwemmungen und Sandstürme, Klapperschlangen und Stinktiere, oft mit kunstvollen Zeichnungen und Skizzen versehen. Und es gibt auch immer wieder anrührende Briefe über die Krankheit, an der sie leidet: die Tuberkulose.

Der Blues der Annemarie Erica Meilhamer

Hanns Meilhamer vertonte das Gedicht nach seiner Reise in "Annis Land"


"When you have a drought and the grass don't grow, when the market is down and the price is low;

When the stock goes into the winter thin, and a lot of them don't come out again;

When cold and hunger take their toll and you find cows dead at each waterhole;

You can bid the profits all good bye, when the grass is short and the old cows die ...

When springtime comes and there ain't no snow, when the grass is green and the warm winds blow,

When the sky is clear and the sun is bright, you will see the bones a bleachin' white ...

Schatzsuche

Diese Zeichnung mit dem traurigen Gedicht der wilden Annemarie, beides verfasste sie im Sommer 1934 nach der langen Dürrezeit, hingen immer schon im Elternhaus der Familie Meilhamer in Pocking. Die Briefe lagen lange Zeit unbeachtet in Schachteln auf dem Dachboden. Seit sechs Jahren haben sich nun der Kabarettist Hanns Meilhamer, Annemaries Neffe, und Quirin Stoiber, der Großneffe, der Sache angenommen. Das außergewöhnliche Leben dieser lebenshungrigen Frau ließ sie nicht mehr los. Sie forschten und recherchierten, schrieben mehrere hundert Briefe ab und ordneten das Werk, die Grabstelle bei Socorro wurde gefunden, Karten wurden studiert, mögliche Zeitzeugen kontaktiert. Im März 2015 machte sich das kleine Forscherteam auf nach New York und New Mexiko ins "Land der Indianer", in dem Anna Meilhamer über zehn Jahre lebte.


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