Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Ludwig Max Fischer Marta Feuchtwangers Sekretär und Chauffeur

1976 wandert der Regensburger Ludwig Max Fischer in die USA aus. Dort will er über den Exil-Schriftsteller Lion Feuchtwanger promovieren. In Los Angeles lernt er dessen Witwe Marta kennen und lässt sich von ihr als Chauffeur engagieren ...

Von: Joseph Berlinger

Stand: 22.04.2017

Mit einer Flucht beginnt die ganz spezielle Geschichte des Regensburgers Ludwig Max Fischer mit Marta Feuchtwanger. Wir schreiben das Jahr 1976. Weil Fischer nicht Deutschlehrer in der verschlafenen Bischofsstadt Regensburg werden will, büxt er aus. In die USA. Dort will er seine Doktorarbeit schreiben. Über den deutsch-jüdischen Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der rund 40 Jahre zuvor ins Exil gehen musste. Um seine Haut vor den Nazis zu retten.

Fischer geht auf "Schatzsuche" in Marta Feuchtwangers "Villa Aurora"

Marta Feuchtwanger in der "Villa Aurora"

Fischer geht dahin, wo Feuchtwanger lebte: nach Los Angeles. Dort lernt er dessen Witwe Marta kennen. In deren „Villa Aurora“, die sie nicht mehr besitzt, wo sie nur mehr Wohnrecht hat, in dieser Bücherburg auf den Hügeln von Pacific Palisades, lagert ein Schatz - für einen, der die Exilliteratur erforschen will. Weil Marta Feuchtwanger Probleme mit den Füßen hat, stellt die 85-Jährige den 26-Jährigen als Chauffeur ein. Und als ihren Sekretär.

Ludwig Max Fischer und Marta Feuchtwanger

"Marta durfte nicht mehr Auto fahren. Sie ging jeden Tag auf mindestens zwei Empfänge. Und da hat sie mich gefragt: 'Könnten Sie mich vielleicht da hinfahren?'

Am späten Nachmittag sind wir dann entweder nach Brentwood oder nach Bel Air oder nach Beverly Hills gefahren. Das war immer irgendein Empfang, entweder von einem Generalkonsul, von einem berühmten Filmemacher, ich war meistens der einzige Nichtprominente bei diesen Empfängen. Ich hatte kein Geld, ein weißes Hemd, eine Jacke hatte ich. Da sind wir da immer raufgefahren in diese Villen. Vor mir waren immer 3 Bentleys und hinter mir 3 Rolls Royce. Es war eine illustre Gesellschaft.

Ein Grund, warum die Marta auf diese Empfänge ging: Die wollte nicht mehr kochen, und da waren wir so ungefähr bis um vier, fünf Uhr hungrig, und bei den Banketten gab es einfach Hummer und Kaviar. Wir waren dann wieder satt bis zum nächsten Tag um fünf oder sechs Uhr Abend.

Sie trug immer Schwarz, war sehr chinesisch gekleidet, mit einem großen silbernen Schal, den sie auf allen Empfängen trug. Wenn sie in Gesellschaft auftrat, dann war sie 'la grande dame'."

(Ludwig Max Fischer)

Martas Erinnerungen auf Fischers Kassettenrecorder

Eines Tages beginnt Marta Feuchtwanger, ihrem Sekretär ihr Leben mit Lion zu erzählen. Sie spricht ihre Erinnerungen auf Fischers Kassettenrecorder. Den Recorder gibt es nicht mehr, aber die Kassetten sind erhalten. Digitalisiert, gefiltert und entrauscht  sind diese Tondokumente äußerst hörenswert.

Lion Feuchtwanger 1958 in seiner Villa in Pacific Palisades

"Ähnlich wie Brecht in seinen Stücken, die er ja zum Teil Lehrstücke nannte, lehren wollte, und eigentlich mit allen Stücken lehren wollte, so hat Feuchtwanger immer (...) in dem Gedanken an seinen Romanen gearbeitet, dass Übelstände verbessert werden sollten. Und das hat er natürlich nicht deutlich gesagt, dann wären es ja Essays geworden. Sondern er hat es aufgezeigt an Handlungen und an Personen. Und an was ihm besonders gelegen war, war die Bekämpfung des Chauvinismus."

(Marta Feuchtwanger)

"Marta hat sich, bei dem was sie über andere Menschen erzählt hat, schon zurückgehalten. Manchmal hat sie aber doch ziemlich bittere Wahrheiten erzählt, von Leuten, die Feinde waren von Feuchtwanger, Leute, die ihn verraten haben. Es gibt schon ganz dreckige Geschichten über das Exil. Wenn es ums Überleben ging, da kamen die schlimmsten Charaktereigenschaften schneller und drastischer hoch als vielleicht in ruhigeren Zeiten."

(Ludwig Max Fischer)

Marta riet Feuchtwanger davon ab, eine Autobiografie zu schreiben:

"Er ist nicht rücksichtslos genug, um die Wahrheit offen auszusprechen oder was er sich gedacht hat über die Menschen und ihre Taten, die er kannte. Und wenn er das alles nur umschreibt, dann wird es blass und uninteressant. Wenn er aber seine wirklichen Gedanken sagte, die nicht immer sehr freundschaftlich oder gütig waren, dann würden alle die,  die noch leben, sicher sehr gekränkt sein oder noch schlimmer, man könnte sogar von 'Liability', oder Klagen sprechen."

(Marta Feuchtwanger)

"Ich glaube, ich habe sie das letzte Mal gesehen 1983, (...) ich habe sie schon immer wieder besucht. (...) Sie ist mit 96 gestorben, das war 1987. Aber die letzten Jahre hatte sie dann schon Schwierigkeiten mit ihrem Gedächtnis, (...) musste dann auch in einem Heim leben. Also ich habe sie grade noch (...) in der letzten Blüte erlebt."

(Ludwig Max Fischer)

Manchmal besucht Fischer seine Heimatstadt Regensburg

Ludwig Max Fischer 2016 in Regensburg

Ludwig Max Fischer wohnt heute in Kanada, mit seiner Lebensgefährtin Gabriella Martinelli. Sie zählt zu den einflussreichsten Filmproduzenten der USA. Ihre bekanntesten Filme sind "Naked Lunch" und "Romeo und Julia", mit dem jungen Leonardo DiCaprio.


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