Bayern 2 - Bayerisches Feuilleton


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Julius Seyler Ein Münchner Maler im Wilden Westen

Julie Metzdorf hat sich auf die Spuren von Julius Seyler begeben, hat mit Ethnologen und Kunsthistorikern gesprochen und lässt – wie Seyler in seiner Malerei – in ihrem Feature die Vergangenheit anklingen. - Ein Hörstück über Sport und Indianer, über den Lockruf des Abenteuers und die Leidenschaft für die Malerei!

Von: Julie Metzdorf

Stand: 20.02.2016 | Archiv

Eiskalt und aalglatt: So beginnt die Karriere des Münchner Apothekersohns Julius Seyler (1873-1955) - zumindest seine sportliche. Mit 17 Jahren ergattert er auf dem Kleinhesseloher See in München seine erste Medaille im Eisschnelllauf und mausert sich zu einem der weltweit besten Läufer. Nebenbei gewinnt er Ruder- und Segelwettbewerbe. Doch Sport allein reicht dem jungen Mann nicht. Er studiert Malerei und feiert auch in der Kunst bald große Erfolge. Ob Dießener Landstraße, Krabbenfischer in der Bretagne oder die Lofoten vor Norwegens Küste: In München gehört es bald zum guten Ton, einen Seyler im Haus zu haben.

"Du kennst doch die wunderbare Landstraße hinter Dießen mit ihren Pappeln und Birken. Ich bin ausgezogen mit Malkasten und Staffelei. Dichter Nebel um mich, es ist kalt, leichter Frost deckt schon die Erde, du weißt wie ich es liebe, wie ich da ausruhe in diesem Grau … Deutlicher, fester werden die Formen. Rosig leuchtet es auf in den Wolken. Ein sonniger Schein streift übers Land, von den Bäumen beginnt es zu tropfen, tausend kleine Wasserperlen werden zu Diamanten, funkeln und glitzern an den herbstlichen Blättern an den Bäumen im Gras: Eine siegreiche Sonne durchwärmt nun alles. Schon färbt sich der Himmel über mir blau. Ein Ochsengespann mit leerem Wagen kommt auf mich zu – eine Frau geht an dem Gefährt vorbei, ihr roter Rock steht als entzückender Farbfleck in dem silbrigen Grau."

(Julius Seyler)

In Amerika schließt er Freundschaft mit den Blackfeet-Indianern

Den Maler selbst zieht es hingegen immer weiter von München weg. Bei einem Verwandtschafts-Besuch in Amerika lernt er den Eisenbahnmagnaten Louis Hill kennen und erhält den Auftrag, Werbeplakate für einen Nationalpark zu malen. Seylers Malweise ist dafür allerdings denkbar ungeeignet. Seine impressionistischen Bilder wirken flüchtig und skizzenhaft und entsprechen so gar nicht den gewünschten Kitschansichten der Rocky Mountains. Trotzdem hat die Reise ihr Gutes: Seyler begegnet den ortsansässigen Blackfeet-Indianern und schließt Freundschaft mit ihnen.

Ein Münchner unter Indianern

"Wie wir eines Tages über die Prärie ritten, da kam von Ferne eine dichte Staubwolke daher – da glaubte ich in meiner Phantasie eine Büffelherde angaloppieren zu sehen, gehetzt von Indianern, die Vision war so stark, dass ich fast glaubte, sie selbst erlebt zu haben. Ich meinte … das Geschrei der Indianer zu vernehmen, wie sie hinter den Büffeln herjagen, sie in die Büffelfalle treiben, das habe ich versucht zu malen."

(Julius Seyler)

Er malt die Indianer so, wie sie sich selbst gerne sehen

Zwei Sommer begleitet Seyler die Indianer und malt sie: Als Krieger hoch zu Ross oder im wilden Galopp als Büffeljäger, ganz so, wie sie sich selbst gern sehen. Mit der Realität hat das allerdings nichts zu tun, seit Jahren leben die Blackfeet in den engen Grenzen von Reservaten und die Bisons - ihre einstige Lebensgrundlage - sind längst ausgerottet. Doch dann bricht in Europa der Erste Weltkrieg aus und Seyler kann nicht in die Heimat zurück …

Buchtipp:

Blackfeet-Krieger zu Pferde, 1913/14, Öl auf Malkarton

Farben. Kunst. Indianer.: Der Münchner Impressionist Julius Seyler bei den Blackfeet
Begleitband zur Ausstellung im Museum Fünf Kontinente, München, vom 13. November 2015 bis 3. April 2016.

Herausgeber: Dr. Stefan Eisenhofer
Mitwirkende: William Farr, Andreas Mach, Christa Sigg
Gebundene Ausgabe: 120 Seiten
Verlag: Deutscher Kunstverlag; Auflage: 1 (16. November 2015)
ISBN-10: 3422073426
ISBN-13: 978-3422073425

Der Münchner Impressionist Julius Seyler (1873–1955) ist einer der bedeutendsten Maler der indigenen Bevölkerung Amerikas. Die Skizzen und Gemälde, entstanden in den Jahren 1913 und 1914 bei den Blackfeet-Indianern von Montana, sind einfühlsame Porträts der ehemaligen Reiterkrieger, Landschaften mit typischen Plains und Prärien oder zeigen Szenen mit eindrucksvollen Büffeljagden. Dabei geht es Seyler nicht um historische Wirklichkeit, denn die Blackfeet lebten zu dieser Zeit bereits in Reservaten und mussten zum Modellstehen erst ihre "traditionelle indianische" Kleidung anlegen. Seine einzigartige, zuweilen an japanische Kalligraphie erinnernde Maltechnik veranschaulicht vielmehr das Selbstverständnis, das Selbstbewusstsein und die einstige Lebensweise der Indianer.

Der Begleitband präsentiert zentrale Gemälde Seylers und eigenhändig aufgenommene Fotografien. Diese Auswahl wird erweitert durch indianische Objekte aus den Beständen der Nordamerika-Sammlung des Museums Fünf Kontinente und bedeutende Leihgaben.


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