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Freistaat ist bundesweites Schlusslicht In Bayern fehlen männliche Erzieher

In Hamburg, Bremen und Berlin ist fast jeder zehnte Beschäftigte in Kitas ein Mann. In Bayern gibt es in Krippen und Kindergärten nicht einmal drei Prozent männliche Erzieher und Kinderpfleger - das hat auch Folgen für die Kinder.

Von: Nora Zacharias, Theresa Berger

Stand: 10.01.2018

Der Erzieher Sebastian Hanisch liest am 03.11.2011 mit Kindern in der Kita "Die halben Meter" in Hamburg. Hamburg hat deutschlandweit den höchsten Männeranteil in Kitas - und das sind gerade einmal knapp zehn Prozent. Eine bundesweite Initiative will das ändern.  | Bild: picture-alliance/dpa

In Nürnberg gibt es so viele Männer in Kindergärten wie nirgendwo sonst in Bayern. In den 19 Kindertagesstätten der Rummelsberger Diakonie in Nürnberg beträgt der Männeranteil gut zehn Prozent. Insgesamt ist die Stadt Nürnberg mit einem Anteil von 6,4 Prozent an männlichen Erziehern Spitzenreiter in Bayern. Für die Kinder hat es ganz konkrete Folgen, wenn sich männliche Erzieher um sie kümmern.

Fehlende Rollenmodelle haben Langzeitfolgen für die kindliche Entwicklung

Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik

Wenn Kinder bis weit in die Grundschulzeit fast ausschließlich mit Frauen aufwachsen, hat das Konsequenzen für die kindliche Entwicklung, sagt Fabienne Becker-Stoll. Die Psychologin leitet das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Männer und Frauen haben unterschiedliche Schwerpunkte im Sozialverhalten, die sich auch in der Erziehungsart widerspiegeln. Wichtig für die Entwicklung der Kinder seien auch Impulse, die von männlichen Bezugspersonen ausgehen, die sich eben von den Müttern bzw. Erzieherinnen unterscheiden, so Becker-Stoll. Und genau diese verschiedenen Impulse und Anregungen fänden Kinder interessant.

"Frauen neigen eher dazu, die Bindungsbedürfnisse - zum Beispiel Trost, Füttern, Wickeln - zu erfüllen, während männliche Bezugspersonen eher Erkundungsverhalten wie Entdecken, Ausprobieren, Körpereinsatz fördern."

Fabienne Becker-Stoll

"Wir müssen Erfahrungsräume schaffen für Heranwachsende und Jugendliche, diesen Raum erlebbar machen für junge Männer, dass sie überhaupt erleben können, wie vielgestaltig, wie vielfältig diese Arbeit ist und wie viel Freude sie machen kann."

Fabienne Becker-Stoll

Warum entscheiden sich so wenige Männer für diesen Beruf?

Mike Görtler arbeitet im evangelischen Kindergarten Luise in Nürnberg. Er beklagt mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten.

"Im Kindergarten oder in der Kinderkrippe bleibt das Gehalt halt einfach gleich. Da wird es nicht mehr. Keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten oder irgendwas, außer man leitet den ganzen Laden aber das ist dann auch nicht so viel mehr und das ist schwierig. Man wird nicht belohnt, dass man Weiterbildungen oder sonst was macht. Ich habe den Kleinkinderpädagogen gemacht für die Krippe, damit ich speziell dafür ausgebildet bin. Aber das heißt nicht, das ich da irgendeinen Cent mehr dafür bekomme, also es ist egal, ob ich das jetzt gemacht habe oder nicht, ich werde für das gleiche Geld bezahlt."

Mike Görtler, Erzieher aus Nürnberg

Vorurteile und Vorverdächtigungen

Wenig Einkommen, geringe Chancen auf Gehaltserhöhungen und kaum Aufstiegschancen. Doch das ist noch nicht alles. Kindergartenleiterin Rita Kleinlein  meint, dass an männlichen Erziehern nach wie vor Vorurteile haften.

"Dieser Blick von außen, also andere Menschen, die sagen, ein Mann in diesem Beruf, der kann nicht normal sein. Jemand der gern mit Kindern arbeitet als Mann, das geht gar nicht."

Rita Kleinlein

Sogar die weiblichen Kollegen sind anfangs manchmal etwas skeptisch. Mike hat in seiner Ausbildung Situationen erlebt, in denen er als Mann anders behandelt wurde als seine Kolleginnen. Als Mann sei er immer mal wieder kritisch beäugt worden, ob er Wickeln könne. Kindergartenleiterin Rita Kleinlein hat seit über 15 Jahren männliche Erzieher in ihrem Team. Sie erinnert sich an anfängliche Schwierigkeiten.

"Im ersten Jahr, wo wir einen Mann hatten, da sind ganz ganz schnell so Verdachtsgeschichten aufgekommen. Die haben dann fangen gespielt und der Mann hat dann so etwas gesagt, wie jetzt habe ich dich oder ich tatsch dich und prompt kam das, ja die machen Tatschspiele und das kann ja gar nicht sein. Also es ging ganz schnell in eine negative Richtung, also bei einem Mann vermutet man viel schneller, dass ein Missbrauch da ist als bei einer Frau."

Rita Kleinlein, Kindergartenleiterin

Mittlerweile hat sich das Bild aber gewandelt. Rita Kleinlein erhält von Eltern häufig positive Rückmeldungen über ihre männlichen Erzieher. Viele sind begeistert von der Mischung aus Männern und Frauen in der Betreuung.

Projekt des Bundesfamilienministeriums bringt mehr Männer in Kitas

Dass es in fast jedem Nürnberger Kindergarten einen männlichen Erzieher gibt, ist nicht zuletzt dem Projekt "Mehr Männer in Kitas" des Bundesfamilienministeriums zu verdanken. Durch Werbung in den Schulen, Schnuppertage und Praktika konnten mehr Männer für den Beruf begeistert werden. 


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