Bayern 2


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Wie viel Mensch erträgt die Natur? Bärige Begegnungen in Rumänien

In Deutschland wurde schon ein einziger Bär zum „Problembären“. Am Ende wurde Bruno erschossen. In Rumänien gibt es die meisten Braunbären Europas. Christine Auerbach hat sich auf die Suche nach ihnen gemacht und sich die Frage gestellt: Wie viel Natur verträgt der Mensch? Und wie viel Mensch die Natur?

Von: Christine Auerbach

Stand: 25.01.2018

Wer vor einem Bären flieht, sollte nicht auf einen Baum klettern, das können Bären nämlich auch | Bild: picture-alliance/dpa/Reiner Bernhardt

Was macht man eigentlich, wenn man einem Bären begegnet? Auf keinen Fall: Auf einen Baum klettern... Das lerne ich später noch bei meiner Bärentour. Christian hat für alle Fälle eine kleine Pfeife an seinem Rucksack hängen, griffbereit. Klingt zwar ein bisschen blass, soll aber helfen, die braunen Petze zu vertreiben. Wir sind in der Schulerau bei Brasov, einem der beliebtesten Skigebiete Rumäniens. Für meinen Begleiter Christian sind Bären Alltag - für mich nicht. Und so baut mein Hirn aus den Schatten zwischen den Bäumen im Wald schneller Bären-Gespinste als es mir lieb ist...

In den Tagen vor unserer Tour gab es fast jeden Tag Meldungen darüber, dass Bären in die Stadt gekommen sind und auf der Suche nach Fressen die Mülltonnen durchstöbert haben. Die Berge um die Postavaru-Hütte sind Bärengebiet.

Die Hütte könnte auch in den Alpen stehen – 100 Schlafplätze, gemütliches Holz, alte schwarz-weiß Bilder und Holzski an den Wänden, direkt im Liftgebiet auf 1.600 Metern. „Die Bären haben versucht, überall reinzukommen. Durch die Fenster, die Tür. Überall wo eine Sperrplatte ist, da war einmal der Bär“, so Hüttenwirt Rolf Truetsch. Und mit Sperrholzplatten zugenagelte Fenster und Türen gibt es einige an der Hütte. „Einmal hat es ein Bär bis in den Esssaal geschafft, er hat die Fenster eingedrückt. Wir hatten Gäste hier, die Angelegenheit hätte auch schlimm ausgehen können.“

Ein Bär im Schlafzimmer

So ein Bär ist putzig, aber möchte man wirklich eine Bärenmutter begegnen?

Bisher ist noch nichts passiert. Aber einige Schulklassen haben ihre Übernachtungen storniert, sagt Rolf Truetsch. Er ist klein und stämmig. Einer, den nichts so schnell umhaut. Nicht das schlechte Wetter, wegen dem die Lifte stehen und er seine Gäste jetzt einzeln mit der der Schneekatze aus dem Tal abholen muss. Nicht der Bär, der sogar schon in seinem Schlafzimmer stand, um die Bonbons aus dem Nachtkästchen zu stehlen. Aber dass sich die Bäreneinbrüche in letzter Zeit so häufen, macht ihm Sorgen: „Das geht so seit zwei Jahren. Den Bären geht es sehr gut, sie vermehren sich stark. Das kann nicht so weitergehen. Sonst wird das wie in ‚Jurassic Park‘, wir laufen auf Bohlenwegen und hinter dem Zaun zeigt uns der Bär die lange Nase.“

Rolf Truetsch hat nichts gegen Bären. Aber Randale machende Problembären sollte man schießen dürfen, sagt er. Früher ist das auch passiert, aber seit 2016 ist die Bärenjagt in Rumänien komplett verboten. Und deshalb sei die Situation in Brasov und Umgebung gefährlich.

Für 20 Bären sei in den Wäldern um Brasov Platz, sagt Dan Olteanu, Leiter des Forstamts in Brasov. Gerade lebten dort aber 100. Auch die zusätzlichen Obstbäume und Futterstellen, die die Förster im Wald aufgestellt haben, reichen nicht aus, um die Bären im Wald zu halten. Insgesamt gibt es in Rumänien zur Zeit ca. 6.000 Bären. Damit sei der Bär in Rumänien auf keinen Fall eine bedrohte Spezies, sagt Olteanu. Früher oder später wird es neue Abschusslizenzen geben, da ist sich der Förster sicher.

Darf man Problembären schießen?

Katharina Kurmes sieht das anders. Zusammen mit ihrem Mann Hermann betreibt sie die Pension Villa Hermani in Magura, einem Bergdorf nicht weit weg von Brasov. Kurmes ist aus Deutschland und hat in Rumänien als Lehrerin gearbeitet. Ihr Mann ist ein Siebenbürger Sachse aus der Gegend. „Es ist natürlich einfacher zu sagen, die Bären gehören hier nicht her, also schießen wir sie ab. Aber ich fürchte, wenn wir die eigentlichen Ursachen nicht bekämpfen, wird das keinen Erfolg haben.“

Wie können Mensch und Bär wieder besser zusammen leben?

Für Katharina Kurmes ist klar, dass viele kleine und große Schrauben gedreht werden müssen, damit Bär und Mensch wieder besser zusammen leben können… Gemeinsam mit ihrem Mann engagiert sie sich für Wildtiere und kennt die Situation rund um ihr Dorf ziemlich gut. Ihre oberste Regel beim Thema Bären: Gelassen bleiben. „Wir haben ihn auch schon mal im Garten sitzen gehabt, im Obstbaum. Da muss man halt warten bis er wieder runtersteigt! Natürlich passiert es manchmal, dass eine Kuh oder ein Schaf gerissen wird. Oft liegt das aber auch an der Nachlässigkeit der Tierbesitzer. Wenn ich weiß, dass in einem Gebiet Wildtiere vorhanden sind, dann kann ich nicht fünf Stunden in die Stadt gehen und mich dann wundern, dann hätte ich die Kuh vorher in den Stall bringen müssen.“

Das Gleichgewicht des Waldes ist zerstört

Nachlässigkeit ist einer der Hauptgründe, warum Bären inzwischen so nahe an die Siedlungen der Menschen kommen. Denn die Menschen lassen überall ihren Müll liegen – im Wald, in ungesicherten Tonnen am Stadtrand, an Grillplätzen. Andere Probleme sind schwerer zu lösen: Die Waldwirtschaft hat sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verändert, es wird im großen Stil abgeholzt. Und es gibt immer mehr Schafe in Rumänien, denn für die gibt es EU-Subventionen. Also stocken die Schäfer ihre Herden auf und weil das Gras nicht für alle reicht, müssen sie in unbewirtschaftete Gegenden ausweichen, näher an den Bär heran.

Dass die Bären so ungewöhnlich viele Kinder haben, das hat einen ganz einfachen Grund, so Christina Lapis vom Bärenreservat in Zarnesti: Im Wald fehlten die Männchen. Bei der Jagd, für die reiche Kunden früher auch mal mehrere tausend Dollar bezahlt haben, wurden vor allem Alphamännchen getötet: „Bärenmännchen töten ihre Kinder oft, selbst wenn sie der Vater sind. Weil sie sich wieder paaren möchten. Wenn die Männchen fehlen, wird das Gleichgewicht im Wald zerstört“, so Lapis.

Man müsse die Population regulieren, sagt Christina Lapis. Es brauche langfristige Strategien. Und einen langen Atem. Und den hat Lapis: Sie hat das größte Bärenschutzzentrum Europas aufgebaut, allein durch Spenden finanziert. Es ist ein kleines Bärenparadies: Das Reservat liegt auf einem Hügel, Krähen krächzen in den Bäumen, der Blick in die Karpaten ist fantastisch und überall sitzen Braunbären auf ihren dicken Hintern, räkeln sich faul in der Sonne oder mampfen Mais, Früchte und Fleisch.

Der richtige Weg muss noch gefunden werden

Problembär Bruno steht heute ausgestopft in München im Museum

In gut 30 Metern Höhe baumeln drei kleine Bären auf einem Baum. Ihre Füße hängen links und rechts von den Ästen. Spätestens bei diesem Anblick wird klar: Auf einen Baum klettern ist keine gute Idee, wenn man vor einem Bären fliehen will... Und noch etwas anderes nehme ich von meiner Bärensuche mit: Wenn wir hier in Mitteleuropa wieder mit Wildtiere leben wollen, dann müssen wir noch den richtigen Weg finden -  und der liegt wahrscheinlich zwischen absolutem Schutz und Abschuss, zwischen Füttern und in Frieden lassen. Aber vor allem hab ich in Rumänien gelernt: Wenn die hier bei 6.000 Bären so langsam Probleme kriegen, dann sollten wir ganz ruhig bleiben, wenn sich mal wieder ein einzelner Bär nach Bayern verirrt.

Alle Beiträge der Sendung

  • Bärige Begegnungen in Rumänien - Wie viel Mensch erträgt die Natur. Von Christine Auerbach
  • Naturführung im Daintree Rainforest - Das Wissen der Aborigines. Von Leonie Thim
  • Posidonia vor Formentera - Wie der Tourismus Meer und Seegras bedroht. Von Constanze Alvarez

Die Songs der Sendung

  • Geoffrey Gurrumul Yunupingu - Djärrimirri
  • Buika - El Andariego

 Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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