Bayern 2

Im Ausnahmezustand Arno Geigers neuer Roman "Unter der Drachenwand"

Salzkammergut 1944: Veit Kolbe, Soldat, 25 Jahre alt, kehrt in Arno Geigers neuem Roman zum Mondsee zurück. Umgeben von Flüchtlingen, Tätern und Opfern steht er unter dem 600 Meter hohen Felsen, der Drachenwand, bedrohliche Zeiten durch.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 09.01.2018

"Im Himmel, ganz oben, konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt. So hatte mich der Krieg auch diesmal nur zur Seite geschleudert." Aus Arno Geiger. Unter der Drachenwand

Veit ist körperlich und seelisch schwer verwundet, als er Anfang 1944 an den Mondsee kommt, in größter Angst, noch einmal an die Front geschickt zu werden. Tief in ihm vergraben: die Erlebnisse in Charkow, wo deutsche Soldaten, auch er, "alles zerbombt, zerschossen und totgeschlagen hatten". Die Rote Armee, das weiß Veit Kolbe, hat mit den Deutschen noch eine Rechnung offen. Völlig apathisch, depressiv, ganz auf sich bezogen ist er zu Beginn des Romans, als er im Salzkammergut auf die Lehrerin und ihre aufs Land verschickten Mädchen trifft; auf die junge Darmstädterin mit Kind, deren Mann im Krieg ist; auf den sogenannten "Brasilianer", der für seine Tiraden gegen Hitler büßen wird – und all die anderen, die "Unter der Drachenwand" leben. Buchstäblich unter dem 600 Meter hohen Fels, symbolisch in größter Bedrohung, in einen Ausnahmezustand geworfen, sagt Arno Geiger: "Der Veit ist ein armer Teufel natürlich. Und dass er sich dann doch aufrichtet, dazu braucht er natürlich seine Zeit, und der Roman lässt ihm diese Zeit. Ich glaube, dass das auch eine Stärke des Romans ist, dass er dem Veit die Zeit gibt." Veit verliebt sich, wird Ersatzvater, wird mutig, wächst am Ende über sich hinaus.

Arno Geiger kommt schreibend der Welt nahe

"Ich habe was zu sagen über die Geworfenheit der Menschen, wie das ist, wenn man in etwas hineingestellt ist, ohne gefragt worden zu sein, wie das ist, wenn man mit Zwangssituationen konfrontiert ist, von Ängsten geplagt ist. Ich schreibe das zunächst einmal für mich, weil das mein Lieblingsleben ist und weil ich glaube, dass ich der Welt näher komme im Schreiben, wenn ich darüber schreibe", sagt Arno Geiger.

Veit Kolbe, der Soldat in Uniform, mit nur 25 Jahren schon fünf Jahre im Krieg, ist die zentrale Figur, aber nur eine von vier Stimmen, die Arno Geiger hörbar macht. Mit Oskar, dem Juden in Wien und Budapest, dem alles genommen wird, seine Wohnung, die Familie, sein Leben; mit Kurt, der sich in die 13-jährigen Nanni verliebt hat, die eines Tages auf mysteriöse Weise in den Bergen verschwindet; mit einer Mutter in Darmstadt, die vom Alltag in Luftschutzkellern berichtet: Mit diesen und vielen anderen wird Arno Geigers Roman ein hochkomplexes, dreidimensionales, bildstarkes Gesellschaftspanorama im Kriegsjahr 1944 - von Tätern und Opfern, Mitläufern und Widerständigen. Vielstimmig, aufs Feinste komponiert. 

Virtuoser Sprachmensch und Seelenkenner

"Wenn ich nur zu einem Fenster hinausblicke, das mag dann schon ein schöner Ausblick sein, aber das Gefühl von Welt als etwas Rundem, das bekomme ich durch diese Gleichzeitigkeit von Perspektiven, von perspektivischen Brechungen", sagt Arno Geiger, der persönliche Geschichten im Schatten der großen Geschichte erzählt.

Wieder einmal erweist er sich als virtuoser Sprachmensch und mehr noch als Seelenkenner, der in die Innenwelten seiner Figuren führt. Sogar in die der Zimmerwirtin, einer strammen Hitlerverehrerin. Und auch von Nanni, der 13-jährigen Verliebten - eine der heimlichen Hauptfiguren, eine starke Persönlichkeit, die Veit, diesem erwachsenen, aber hilflosen Mann, einmal aus tiefer seelischer Not hilft.

Impuls zum Setting des Romans "Unter der Drachenwand" im Jahre 1944 war für Arno Geiger ein Fundstück: die echte Korrespondenz des Lagers "Schwarzindien" im Salzkammergut, in das seinerzeit junge Mädchen verschickt wurden. Aber in seiner menschlichen Tiefe, seiner dunkel leuchtenden Sprache, seiner atmosphärischen Dichte, ist Arno Geigers neuer Roman natürlich weit mehr als ein historisches Kapitel. Er ist ein wichtiges, ein universales Stück Literatur, sein bislang wohl wichtigstes Buch, geschrieben mit Empathie und höchster Sprachkunst. Der Anhang legt nahe, dass es sich bei den Romanfiguren um reale Personen handelt. Aber: "Es ist ein erfundenes Haus mit echten Fenstern und Türen", versichert der Autor.

"Unter der Drachenwand" von Arno Geiger ist beim Hanser Verlag erschienen.