Hilfe, wir werden älter Aber wer kümmert sich um uns?
Immer mehr Menschen werden immer älter. Jedes heute geborene Mädchen wird durchschnittlich 83 Jahre alt. Demographischer Knick, Ungleichgewicht zwischen Alten und Jungen, Fachkräftemangel stellen die Gesellschaft vor besondere Anforderungen: Wie wollen wir im Alter leben?
Klar ist: Die Renten sinken, auf den Staat ist bei der Versorgung der Alten nur in Maßen Verlass. Die Pflegeversicherung deckt bereits jetzt nur einen Teil der Kosten ab. Professionelle Pflege für alle wird unbezahlbar werden. Da bleibt nur eines: wir müssen uns neue Modelle überlegen - Modelle, die auf Solidarität begründet sind.
Modelle fürs Wohnen im Alter:
Alten-WG
Mehrere ältere Menschen schließen sich zusammen und mieten gemeinsam eine Wohnung. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit Bad, gleichzeitig teilen sie sich Gemeinschaftsräume wie Küche und Esszimmer. Oft teilen sie sich auch noch einen Pflegedienst, der dadurch über ein größeres Zeitbudget für alle verfügt. Variante: Mehrere Senioren mieten sich Wohnungen in einem Haus und verpflichten sich dazu, sich umeinander zu kümmern.
Wohnen im Quartier
Entsprechend dem Bielefelder Modell hat die Münchner Wohngenossenschaft Gewofag eine einfache Lösung für ihre Mieter entwickelt: alle altern gemeinsam. Damit sie nicht alle ausziehen müssen ins Heim, zieht stattdessen der Pflegedienst in eine der Gewofag-Wohungen ein und kümmert sich um die Nachbarn der Wohnanlage.
Mehrgenerationen-Häuser
Junge und alte Menschen leben gemeinsam in einem Haus und unterstützen sich gegenseitig. Das ist zum Beispiel die Idee der "Lebensräume von Jung und Alt" in Oberhausen, in der Nähe von Neuburg an der Donau.
Cluster-Wohnen
Ein Modell der Münchner Wohnbaugenossenschaft Wagnis: 60 Menschen zwischen 29 und 75 schließen sich zusammen, um gemeinschaftlich zu bauen und zu wohnen. Gemeinschaftsräume wie Küche oder eine Lounge, dazu Meditationsräume, Tonstudios oder später der Pflegedienst - um ein sogenanntes Wohncluster für alle herum gruppieren sich die einzelnen kleinen Wohnungen.
Die traditionelle Familie gibt es immer weniger
Nach wie vor ist die Pflege alter Menschen weiblich: 80 Prozent der betreuenden Angehörigen sind Frauen, für die professionellen Dienste gilt das gleiche. Doch wer soll diese Pflegeaufgaben - die Experten sprechen von "Care" - übernehmen, wenn immer mehr Menschen im Beruf stehen? Die alten Rollenmodelle gelten nicht mehr. Frauen kehren nach kurzer Baby-Pause in den Beruf zurück. Die älteren Mitbürger arbeiten immer länger, ab 2030 bis zum Alter von 67. Wir werden zu einer Erwerbs-Gesellschaft: Zu Hause sitzt niemand mehr, der sich um Alte, Kranke und Hilfsbedürftige kümmern könnte. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Ein-Personen-Haushalte zu. Bereits jetzt leben in den Großstädten 29 Prozent Singles. Der Mehrgenerationen-Haushalt, in dem sich Alte und Junge umeinander kümmern, ist ein schönes Modell, aber läuft aus: Mama und Papa arbeiten heute in Hamburg, die Kinder besuchen die Krippe, die Oma lebt in Stuttgart.
Bloß nicht ins Heim!
Die meisten Menschen, nämlich zwei Drittel, wollen zu Hause alt werden, lautet das Ergebnis einer Emnid-Umfrage von 2012. Nur eine Minderheit von 15 Prozent möchte in ein Heim oder eine Seniorenresidenz ziehen. Dazu kommt, dass der Heimplatz für Familien und Staat in der Regel auch noch die teuerste Lösung ist. Doch welche Alternativen gibt es? Wer kann die Pflege dann übernehmen? "Zeit ist die neue Leitwährung der Familien", heißt es im Familienbericht der Bundesregierung von 2012. Das bedeutet: Der Staat kann den Familien zwar nicht mehr Geld zur Verfügung stellen, aber ein größeres Zeitbudget ermöglichen. Diesen Gedanken greift zum Beispiel die Familienpflegezeit von Familienministerin Kristina Schröder auf: Angehörige können bis zu zwei Jahre Arbeit reduzieren, um einen Angehörigen zu Hause zu betreuen. Die Kosten tragen die Arbeitnehmer jedoch selbst.
Wahlfamilien und Senioren-WGs
Derzeit machen sich die Bürger hierzulande auf die Suche nach Lösungsansätzen für ihr Alter. Noch sind wir in einer Phase des Suchens und des Experimentierens: Wir suchen uns Wahlfamilien für die letzte Lebensphase, teilen gemeinsam Wohnung und Pflegedienst oder suchen nach Ehrenamtlichen, die über Zeit verfügen. Müssen wir die Zeit zwischen Beruf und Zeit für die Fürsorge für andere umverteilen? Müssen häusliche Aufgaben aufgewertet werden? Die Zeit zwischen Jungen und Alten? Wir müssen wieder utopischer werden, um gemeinschaftliche Lösungen für die Betreuung der Alten zu finden, fordert die Philosophin Cornelia Klinger von der Universität Tübingen.
Buchtipp
Wohnen im Alter
Dokumentation über ein alternatives Wohnprojekt ‘Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter e.V.'
von Christa Lippman
Verlag Lippmann; 1. Auflage 2010
180 Seiten

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