Bayern 2


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Entscheidung für Skischaukel Änderung des Alpenplans bedroht die bayerische Identität

Werner Bätzing ist Kulturgeograf und hat sich in seiner Forschung vor allem mit den Alpen und der nachhaltigen Entwicklung im ländlichen Raum befasst. Im Interview bezieht Bätzing klar Stellung gegen die Reform des Landesentwicklungsplans.

Stand: 10.11.2017

Werner Bätzing | Bild: picture-alliance/dpa

radioWelt: Der deutsche Alpenverein hält die Änderung des Alpenplans für eine Katastrophe. Sehen Sie diese Entscheidung ähnlich dramatisch?

Prof. Werner Bätzing: Doch. Ich sehe sie auch als dramatisch, weil der Staat sich immer stärker aus wichtigen Aufgaben zurückzieht und immer mehr Entscheidungen dem Markt und den lokalen Akteuren überlässt, und dann kriegen wir dieses Klein-Klein, wo im Prinzip die großen Entwicklungslinien verloren gehen. Wenn jede Gemeinde eine Skigebiet haben will, jede Gemeinde eine Autobahnauffahrt, jede Gemeinde einen Supermarkt haben, dann kriegen wir eine Zerstörung des Lebensraums Bayerns,  und da geht meines Erachtens auch die bayerische Identität verloren.

radioWelt: Aber der Heimatminister Markus Söder behauptet ja nun, die Skischaukel im Allgäu wird eine Ausnahme bleiben. Glauben Sie daran?

Prof. Werner Bätzing: Nein, daran glaube ich nicht.  Bisher war der bayerische Alpenplan ein Instrument,  wo  es keine einzige Ausnahme gegeben hat, seit 1972.  Wenn man jetzt eine erste Ausnahme zulässt, befürchte ich, es wird weitere Ausnahmen geben.

radioWelt: Der Obermeiselsteiner Bürgermeister hofft, dass mit der Skischaukel der Tourismus in seiner Region erhalten bleibt. Ist das Argument sinnvoll, in Zeiten des Klimawandels noch neue Skigebiete zu eröffnen?

Prof. Werner Bätzing: Das sehe ich überhaupt nicht. Die beiden Gemeinden Obermeiselstein und Balderschwang haben eine gute Bevölkerungsentwicklung, sie haben eine gute Entwicklung bei den Arbeitsplätzen und sie haben gute Tourismuszahlen – da gibt es überhaupt keinen Grund in diese Ausbau-Spirale einzusteigen. Sie stehen im Prinzip gar nicht schlecht da, sie stehen in vielen Bereichen besser da, als der Durchschnitt des gesamten Allgäus, und das ist überhaupt kein Argument zu sagen „wir müssen unseren Kindern eine Zukunft geben.“  Die Zukunft ist da, die Zukunft ist gesichert.  Und vor allen Dingen, mit diesem doch relativ kleinen Skigebiet, was da neu geplant wird, kann man sowieso im alpinen Abfahrtsskilauf heute überhaupt nicht mehr punkten. Wir haben im Alpenraum über 20 Skigebiete mit mehr als 200 Kilometer Pistenlänge, die größten sind bei 500-600 Kilometer Pistenlänge, noch größere sind in Planung. Wer Abfahrtsski machen möchte, der fährt sowieso nicht dahin, und da hin fahren nämlich die Leute, die versuchen, einen naturverträglichen zu erleben – in der Natur Skifahren zu können, und dazu sind die Möglichkeiten bisher gut da, und vor allen Dingen: Balderschwang hat ja einen großen Namen als Gemeinde für Langlauf, für naturnahe Aktivitäten, d.h., da ist dieses Projekt sogar kontraproduktiv, indem es das Image von Balderschwang kaputt macht was sie haben, nämlich naturnahe Angebote erfolgreich umsetzen zu können.

radioWelt:  Wieviel wirtschaftliche Ausbeutung verträgt denn der Alpenraum grundsätzlich noch? Wo würden Sie da die Grenze ziehen?

Prof. Werner Bätzing:  Das ist ganz klar ein Wettbewerb im Rahmen eines Marktes, der immer kleiner wird, und je kleiner der Markt wird, denn die Zahl der potenziellen Skifahrer in Europa, die sinkt ja permanent, und da reagiert der Markt mit Zusammenschlüssen, mit immer größeren Strukturen – das ist ein mörderischer Wettbewerb, wo viele kleine und mittlere Anbieter vom Markt verschwinden, weil sie nicht mehr mithalten können.  Die Großen setzen die Standards, die Kunden, die Skifahrer wollen dann die Standards, die die Großen setzen, und dann sind die Kleinen und selbst die mittleren Skigebiete schnell vom Markt. Ich schätze, dass wir in den vergangenen letzten zehn Jahren etwa schon 60 Skigebiete im Alpenraum aufgegeben haben, dass die zugemacht worden sind, ersatzlos, und die Entwicklung wird weitergehen, und ich befürchte, dass in 20 Jahren vielleicht nur noch 50 Superskigebiete im gesamten Alpenraum übrig bleiben und dann hat man vielleicht noch ein paar lokale Skigebiete, aber sonst überhaupt nichts. Das ist ein  Wettbewerb, der ist mörderisch.


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