Jahrtausendfund Origenes-Predigten in der Staatsbibliothek
Sensation in der Staatsbibliothek. In einer mittelalterlichen Handschrift sind Predigten des griechischen Kirchenvaters Origenes aufgetaucht - über 1.700 Jahre alt.
Gefunden wurde die Handschrift aus dem 12. Jahrhundert in der Bibliothek, die der Augsburger Kaufmann Jakob Fugger nach seinem Tod 1525 hinterließ. Der Bibliotheksbestand aus dem 16. Jahrhundert, war teilweise schon im 19. Jahrhundert katalogisch erfasst worden, doch fehlte bei der nun entdeckten Handschrift mit Origenes-Predigten der Autorenname.
Darum hat es so lange gedauert bis jemandem aufgefallen ist, was für ein Schatz da im Bücherregal steht. Die Philologin und Handschriftenexpertin Marina Molin Pradel wunderte sich allerdings beim Untersuchen der alten Handschrift über Ton und Qualität des Textes:
"Das Niveau war unheimlich hoch und die Schönheit des Textes war einfach umwerfend. Dann habe ich mir gedacht: Das muss wichtig sein."
(Handschriftenexpertin Marina Molin Pradel)
Detektivarbeit
Also machte sich Pradel an die Detektivarbeit: Worum geht es? Welcher bekannte Verfasser hat solche Predigttexte über Psalmen in der Vergangenheit geschrieben? Gibt es Parallelstellen und so weiter. Die Sache wurde immer mysteriöser.
"Der Text ist nicht im griechischen Original überliefert, es gab nur eine lateinische Übersetzung. Da bin ich auf die Idee gekommen, den lateinischen Text mit dem griechischen zu vergleichen."
(Handschriftenexpertin Marina Molin Pradel)
Die Schrift wurde sofort digitalisiert und online gestellt. Der renommierte Origenes-Experte Lorenzo Perrone von der Universität Bologna nahm sie unter die Lupe und bestätigte den Verdacht der Münchner Forscher: Der Text ist höchstwahrscheinlich echt: Psalmenpredigten, die der Theologe Origenes Ende des 2. Jahrhunderts schrieb und die noch nie ein moderner Theologe übersetzt hat.
Vatikan feiert "Jahrtausendfund"
Welche Bedeutung dieser Fund hat, das zeigen die Reaktionen: Seit Dienstag steht das Telefon in Claudia Fabians Büro nicht mehr still.
"Wir haben gerade aus dem Vatikan eine Meldung bekommen, dass es sich um einen Jahrtausendfund handelt. Immer wieder identifizieren wir kleinere unbekannte Texte. Aber vom Umfang und vom Alter ist das was Einmaliges."
(Claudia Fabian, Leiterin der Abteilung für alte Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek)
Welche theologischen Überraschungen der Text enthält, ist unklar. Denn bislang hatten die meisten Origenes-Experten noch nicht Zeit, den Text zu übersetzen. Deshalb soll die Handschrift nun erst einmal gründlich untersucht werden.
Origenes
Origenes wurde 185 n.Chr. in Alexandrien geboren und starb wahrscheinlich 254 n.Chr. Er ist einer der ersten Theologen der christlichen Kirche, noch vor dem Kirchenvater Augustin. Seine Schriften haben großen Einfluss auf das theologische Denken, obwohl er bis heute nicht als Kirchenlehrer anerkannt ist. Von Origenes ist auch die "Hexapla", eine griechische Bibelübersetzung überliefert. Sie gilt als sprachlich besonders genau und ist ein wichtiger literarischer Zeuge für den wahrscheinlich ursprünglichen Wortlaut der heiligen Schrift.

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