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Wassersparen Ist Wasser sparen in Deutschland unsinnig?

Ist es eine Umwelt-Verschwörungstheorie oder ist etwas dran: In Deutschland Wasser zu sparen, soll nicht nur blödsinnig sein, sondern mitverantwortlich dafür, dass Wasser immer teurer wird. Der Umweltkommissar ermittelt.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 03.09.2013

Illustration: Der Umweltkommissar vor einer Landschaft aus Hochhäusern und einem stilisierten Wasserkreislauf | Bild: BR/Susanne Baur

Tatsächlich haben die Deutschen das Wassersparen verinnerlicht wie sonst kaum eine Nation in Europa. In den vergangenen 20 Jahren ist es gelungen, den Pro-Kopf-Verbrauch kontinuierlich nach unten zu schrauben. Wurden hierzulande Anfang der 90er-Jahre noch etwa 150 Liter pro Tag im Haushalt verbraucht, sind es heutzutage – im Schnitt – gut 20 Liter weniger.

In Deutschland wurden Zisternen gebaut, auch wenn sich die Kosten niemals wieder reinholen lassen, die Menschen stellen beim Zähneputzen brav das Wasser aus und benutzen einen Zahnputzbecher, alte Waschmaschinen und Geschirrspüler wurden entsorgt und neue, sparsamere gekauft, überall sind Spartasten und Regulierer installiert, nur eines wurde nicht erreicht: den Wasserpreis zu senken.

Die EU will uns noch mehr zum Sparen anhalten

Sehr ambitionierte Ziele, was die Senkung des Wasserverbrauchs angeht, hat die Europäische Union. Eine neue Richtlinie, die derzeit diskutiert wird und bis 2014 umgesetzt werden soll, sieht vor, Hausbesitzer und Vermieter zu verpflichten, gewisse Standards einzubauen. Dazu gehören neben wassersparenden Duschköpfen und Toilettenspülungen auch Wasserhähne, die weniger Durchfluss haben. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass Immobilienbesitzer insgesamt zehn Milliarden Euro aufwenden müssten, wenn die Richtlinie so umgesetzt wird.

Wasser sparen oder verbrauchen?

Nicht nur deshalb wird heiß diskutiert, ob die EU-Richtlinie für Deutschland überhaupt Sinn ergibt. In Spanien liegt der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch mehr als doppelt so hoch wie hier. Aber Deutschland kann über Wasserknappheit nicht klagen, und es ist auch technisch noch nicht möglich, Wasser über so weite Strecken zu "exportieren". Am Ende der Pipeline wäre das Trinkwasser so verschmutzt und verkeimt, dass es erst aufwändig wiederaufbereitet werden müsste. Mittlerweile versucht die EU zwar zu beschwichtigen und stellt eine individuelle Umsetzung der Wasserspar-Richtlinie in Aussicht, wie diese aber aussehen soll, ist nicht klar.

Tatsache ist nämlich auch: Deutschland hat Wasser im Überfluss. Jährlich könnte hierzulande auf knapp 190 Milliarden Kubikmeter Wasser zurückgegriffen werden. Nur ein Bruchteil der Regenmenge, die vom  Himmel fällt, fließt aber in die Haushalte. Das meiste Wasser versickert als Grundwasser in den Boden und geht zurück in den Wasserkreislauf.

Die Folgen des sinkenden Wasserverbrauchs

Nicht nur riesige Rohrleitungssysteme, auch gigantische Speicherseen sind für den erwarteten Wasserverbrauch angelegt worden.

Das Trinkwasserversorgungs- und Abwassernetz sowie die Aufbereitung des Wassers in den Wasserwerken und Kläranlagen ist noch zu Zeiten dimensioniert worden, als für Deutschland ein linear ansteigender Verbrauch vorhergesagt worden ist. Mittlerweile passen jedoch die Infrastruktur und die tatsächliche Entnahmemenge nicht mehr zusammen.

Die Planer sind bereits in den 1970er-Jahren davon ausgegangen, dass der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch ansteigt. Und zwar auf mehr als das Doppelte als es dem heutigen tatsächlichen Verbrauch entspricht. Entsprechend ausgebaut wurden damals nicht nur die Wasserwerke und Kläranlagen, sondern das gesamte deutsche Wasserversorgungsnetz sowie die Kanalisation. Im Gegensatz zu diesen Berechnungen ist aber nicht nur der private, sondern auch der industriell-gewerbliche Verbrauch drastisch zurückgegangen. Noch drastischer ging der Wassereinsatz im industriell-gewerblichen Bereich zurück. Heutzutage wird in deutschen Unternehmen durch Kreislauf- und Kaskadenführungen jeder Tropfen Wasser im Durchschnitt fast sechsmal genutzt.

Der sinkende Wasserverbrauch hat jedoch Auswirkungen:

  • In manchen Regionen Deutschlands fließt das Trinkwasser zu langsam durch die Rohre und es könnten sich dadurch Keime bilden. Stehendes Wasser kann zudem zu Korrosion in den Rohren führen.
  • Das Abwasser spült wegen der geringen Menge nicht mehr alle Ablagerungen aus der Kanalisation. Dadurch kann sich Schwefelsäure bilden, die dort Schäden verursachen. Es entsteht zudem Fäulnisgestank, vor allem in regenarmen Perioden, der dann wiederum mit aufgehängten Gelmatten bekämpft wird.
  • In manchen Gegenden Deutschlands ist noch ein anderes Phänomen zu beobachten: Der Grundwasserspiegel steigt, weil zu wenig Grundwasser entnommen wird. Das hat teilweise zur Folge, dass Wasser in die Häuser drückt.

Ein Rückbau des gesamten Wasserversorgungsnetzes wäre also sinnvoll, aber auch teuer. Zumal viele Leitungen noch gar nicht abgeschrieben sind. Die stetig klammen Kassen der Kommunen würden solche weitreichenden Maßnahmen auch gar nicht zulassen. Für die Wasserversorger ist es deshalb tatsächlich "günstiger" Rohre und Kanäle mit Trinkwasser durchzuspülen.

Paradox: Wasser sparen macht Wasser teurer

Die wenigsten Verbraucher wissen, dass nur etwa ein Drittel der Kosten den tatsächlichen Wasserverbrauch widerspiegeln. Der Rest sind quasi Fixkosten. Eine Grundgebühr, die sich aus den Unterhaltungskosten für die Infrastruktur, den Personalkosten und der Aufbereitung zusammensetzt. Nur weil in deutschen Haushalten weniger Wasser verbraucht wird, bedeutet das nicht, dass die Rohre nicht gespült und Klärwerke ausgeschaltet werden können. Im Gegenteil! Die Wasserversorger holen sich ihr Geld über einen teureren Kubikmeterpreis zurück, wenn ihre Ware Absatzschwierigkeiten hat. Das wiederum könnte die Verbraucher dazu anspornen, noch mehr Wasser zu sparen. Eine Spirale nach unten sozusagen. Viele Tausend Liter Trinkwasser werden trotzdem durch das Rohrnetz gepumpt, um die Leitungen frei zu halten. Der Wasserpreis bleibt – paradoxerweise – nur stabil, wenn der tägliche Wasserverbrauch ebenfalls stabil gehalten wird.

Fazit

Die Probleme, die sich aus dem sparsamen Wasserverbrauch und den Folgen für ein überdimensioniertes Leitungssystem ergeben, sind natürlich kein Freibrief, Wasser in rauen Mengen zu verschwenden. Dadurch wird das Wasser auch nicht billiger. Es ist allerdings mittlerweile weder eine ökologische und auch keine ökonomische Überlegung mehr, Wasser in Deutschland eisern zu rationieren. Ein vernünftiger und unverkrampfter Umgang mit den Thema wäre wünschenswert.

Ein Bad ist ein Genuss für Körper und Seele - aber nicht für die Natur. Deshalb muss nicht jeden Tag das Bad in der Wanne sein.

Es bedeutet auch nicht, dass es völlig unproblematisch ist, jeden Tag in die Badewanne zu steigen. Die Erwärmung von Wasser ist nämlich durchaus ökologisch bedenklich, weil hierzu ein enormer Energieaufwand betrieben wird und die Energie kostet dann auch Geld.

Schließlich gibt es noch ganz andere Möglichkeiten Wasser zu sparen und damit wirklich den wasserarmen Gegenden dieser Welt Rechnung zu tragen: Indem wir sorgsam darauf achten und zumindest wissen, wie viel Wasser in den Produkten steckt, die wir kaufen und verzehren. Der so genannte "virtuelle" Wasserverbrauch ist nämlich im Schnitt um ein Vielfaches höher. Mit Tomaten aus Spanien, täglichem Fleischverzehr oder dem Kauf eines Baumwoll-T-Shirts "verbrauchen" wir nämlich bis zu 4.000 Liter täglich und das vielleicht in Gegenden, die nicht mit unseren Regenmengen gesegnet sind und in denen Wasser eine knappe Ressource darstellt. Gerade weil dieses Wasser aber für uns "unsichtbar" bleibt, wäre es wichtig, sich darüber einmal Gedanken zu machen und sich mit der Verlagerungsproblematik auseinanderzusetzen.

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