Bayern 1 - Experten-Tipps


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Öko-Logisch oder Unlogisch Warum ist Mikroplastik so problematisch?

Seit etwa 60 Jahren erobert Plastik mehr und mehr unseren Alltag. Plastik ist leicht, flexibel, bruchfest, kostet nicht viel und hält lange. Sehr lange sogar! Und das ist ein Problem, dessen gesundheitliche Folgen und Ausmaße sich heute noch gar nicht genau absehen lassen.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 04.02.2015

Illustration: Der Umweltkommissar ist beim Fischen und die Fische haben Plastikteilchen im Magen | Bild: BR/Alexander Stahl

Der erste Eindruck

Schon heute sind die Weltmeere voller Plastikmüll. 100 Millionen Tonnen, so die Schätzung. Laut Umweltbundesamt (UBA) treiben mittlerweile durchschnittlich 13.000 Plastikmüllpartikel auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche. Sogar in den Tiefseegräben der Erde haben sie sich schon verteilt. Den Nordseefischen liegen die Kunststoffpartikel bereits schwer im Magen und so gelangen sie über die Nahrungskette auch wieder zurück zu uns. Weil die Zusatzstoffe im Plastik in der Regel fettlöslich sind, vermuten die Forscher, dass es sich auch im Fettgewebe anreichern kann.

Darum ist die Plastiktüte so beliebt

  • Niedrige Herstellungskosten - das macht sie billig.
  • Die Produktion ist emissionsarm (im Vergleich zu anderen Behältnissen).
  • Die Plastiktüte ist leicht, reißfest und außerdem wasser- und chemikalienbeständig.
  • Außerdem ist sie leicht zu verarbeiten, lässt sich schweißen und ist grundsätzlich recycelbar.

Aber:

  • Die meisten Plastiktüten werden nur ein einziges Mal verwendet. Jeder Deutsche verbraucht pro Jahr durchschnittlich 65 Plastiktüten. Europaweit werden jährlich 3,4 Millionen Tonnen Plastiktragetaschen produziert, das entspricht etwa dem Gewicht von zwei Millionen Autos. 
  • Der Rohstoff ist Erdöl, also eine endliche Ressource.
  • Eine Plastiktüte braucht – je nach Material – Jahrhunderte, um zu verrotten.
  • Im Meer gelangt der zerriebene Plastikmüll in die Nahrungskette.

Plastiktüten sind im Durchschnitt 25 Minuten lang in Gebrauch. Das bedeutet, sie werden gekauft, einmal verwendet und weggeworfen. Je nach Kunststoffsorte dauert es dann zwischen 100 und 500 Jahren, bis eine Plastiktüte sich zersetzt hat, wenn sie nicht recycelt wird. Auf 4 Milliarden Plastiktüten schätzt der Industrieverband Kunststoffverpackungen den jährlichen Verbrauch hierzulande. Das sind etwa 90.000 Tonnen Kunststofftaschen im Wert von 200 Millionen Euro. Zum Vergleich: In China werden täglich drei Milliarden Kunststofftüten verbraucht. In Australien sind es vier Milliarden im Jahr, umgerechnet auf lediglich 22,5 Millionen Einwohner.

Mikroplastik überall - mit unserer Hilfe

  • Fleece-Jacken: Bei jedem Waschgang lösen sich kleine Plastikfasern aus dem synthetischen Material und mogeln sich an der  Kläranlage vorbei in die Umwelt.
  • Kosmetika und Zahnpasta: Kleine Kunststoff-Kügelchen, die unsere Haut reinigen und Zähne weißer mache sollen, gelangen so ins Abwasser.

Auch beim Zähneputzen gelangt Mikroplastik ins Wasser

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie diese kleinsten Plastikpartikel in die Umwelt gelangen. Kläranlagen sind mit Mikroplastik im Abwasser überfordert. Nur eine teure Schlussfiltration kann die Belastung deutlich reduzieren, wie eine Untersuchung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) ergeben hat. Immerhin besteht Mikroplastik aus Teilchen von weniger als fünf Millimetern Größe.

Mikroplastik ist ein ökologisches Problem, weil es Schadstoffe an sich bindet und in die Nahrungskette gelangt.  Die Bundesregierung geht davon aus, dass alleine in Kosmetikprodukten jährlich etwa 500 Tonnen aus Polyethylen in Deutschland verwendet werden.

Mikroplastik im Wasser

Für eine im Oktober 2014 veröffentlichte Untersuchung im Auftrag des Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands (OOWV) und des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) wurden Proben aus dem Ablauf von zwölf Kläranlagen entnommen. Die Belastung bei Partikeln reichte von 86 bis 714 pro Kubikmeter und bei Fasern von 98 bis 1479 pro Kubikmeter. Je nach Anlagengröße gelangen pro Jahr zwischen 93 Millionen und 8,2 Milliarden Partikeln in die Vorfluter und damit in die Flüsse. Auch im Klärschlamm wurden große Mengen Mikroplastik gefunden. Je Kilogramm Trockenmasse waren es zwischen gut 1.000 und mehr als 24.000 Teilchen. Für jede Kläranlage ergibt das hochgerechnet Werte zwischen 1,2 und 5,7 Milliarden Partikeln. Wenn Klärschlamm auf Felder ausgebracht wird, gelangen die Teilchen abermals in die Umwelt.

Trotz guter Filtermethoden entgehen Kläranlagen jedes Jahr Milliarden an Mikroplastik-Partikeln

Oder eben auch bis in die abgelegenen Gewässer der Erde, beklagt der Bund für Umwelt und Naturschutz e.V. (BUND) : "Es wurde zum Beispiel in Muscheln gefunden, die die kleinen Teilchen aus dem Wasser filtern. Leichtes Mikroplastik schwimmt zum Großteil an der Meeresoberfläche. Hier wird es von Kleinstlebewesen aufgenommen, die eine wichtige Nahrungsquelle für Fische darstellen." Damit sind sie Bestandteil der Nahrungskette und eines Kreislaufs, der mehr und mehr mit kleinsten Partikel aus Plastik versetzt ist.

Mikroplastik und die Folgen

Welche Auswirkungen das auf Lebewesen hat, ist noch weitgehend unerforscht. Nach einer Studie der englischen University of Exeter lösen aufgenommene Hart-PVC-Teilchen Entzündungsreaktionen bei Wattwürmern aus. Mehr als 250 marine Arten sind bekannt, die Plastik mit der Nahrung aufnehmen. Umweltbelastungen durch in Kosmetikprodukten verwendete Mikrokunststoffpartikel können nach Einschätzung der Bundesregierung nicht ausgeschlossen werden: "Dem Vorsorgeprinzip folgend wirkt sie daher unter anderem in einem Dialog mit der Kosmetikindustrie auf einen freiwilligen Ausstieg aus der Nutzung von Mikrokunststoffpartikeln in Kosmetikprodukten hin."

Viele Kosmetika enthalten Mikroplastik

Mikropartikel müssen viel früher, also schon bei der Herstellung von Produkten, vermieden werden. Diese und ähnliche Forderungen von Umweltschutzverbänden wie Greenpeace oder dem BUND haben immerhin dazu geführt, dass der Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V. seinen Mitgliedern empfiehlt, Mikroplastik aus Kosmetika zu entfernen. Und auch die neue EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie zwingt die Mitgliedsstaaten, das Müllvorkommen in den europäischen Meeresregionen besser zu überwachen und zu regulieren, mit dem Ziel, dass bis 2020 Abfälle keine weiteren schädlichen Effekte auf Meeresbewohner ausüben. Ob entsprechende  Maßnahmen tatsächlich greifen, scheint aber fraglich.

Neues Bioplastik

Theoretisch ist die "Bio-Plastiktüte", laut Industrienorm 13432, zu 100 Prozent kompostierbar. Das bedeutet: Nach drei Monaten in einer industriellen Kompostierung dürfen höchstens zehn Prozent der Tütenreste größer als zwei Millimeter sein. Dann gibt es das Gütesiegel, einen Keimling. Aber die Norm ist leider veraltet. Denn moderne Anlagen brauchen nur noch drei bis vier Wochen, um aus Bioabfällen Humus zu machen. Da kann das Bioplastik nicht mithalten und es bleiben Tütenfetzen zurück. Diesen Humus will aber niemand haben. In den deutschen Kompostierwerken werden Biotüten daher genauso aussortiert wie PE-Tüten - und kommen in die Müllverbrennung.

Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) hat 2014 eine Alternative zu Mikroplastik präsentiert: Winzige Partikel aus hartem Biowachs. Im Wasser sind diese - im Gegensatz zu Kunststoffen - angeblich relativ schnell biologisch abbaubar. Dr. Sabine Amberg-Schwab vom Frauenhofer Institut Würzburg arbeitet an der Entwicklung von Bioplastik. Sollte die Entwicklung erfolgreich sein, könnten künftig Chips und Kaffee mit abbaubaren Materialien verpackt werden.

Fazit

Wer sich über zu viel Plastik  aufregt oder Angst vor Mikroplastik in der Umwelt hat, kann selbst was tun. Und zwar jeden Tag. Durch Plastikvermeidung!

  • Tragetaschen aus Baumwolle sind zwar für den Einkauf nicht automatisch umweltfreundlicher, aber nach vielfacher Wiederverwendung. Wie eine Untersuchung der Federal Laboratories for Material Testing and Research der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ergab, ist eine 30malige Benutzung ausreichend. Grund sind die hohen Emissionswerte bei der Herstellung einer Baumwolltasche. Während bei der Herstellung einer Plastiktüte aus Neugranulat etwa 120 Gramm CO² anfallen, sind es bei einer Baumwolltasche sogar 1.700 Gramm CO².
  • Um den Tütenverbrauch in Europa zu reduzieren wäre eine Steuer womöglich besser als ein Verbot. In Irland führte eine Steuer von 15 Cent pro Tüte dazu, dass der Jahresverbrauch von 328 auf 21 Tüten pro Kopf sank. In Deutschland werden PE-Tüten im Schuhgeschäft, in der Apotheke oder im Spielzeugladen leider noch verschenkt. Der Preis spielt nämlich eine entscheidende Rolle. Werden sie nach ihren Einkaufspreisen verkauft, entscheiden sich 80 Prozent der Kunden für Plastik, 15 Prozent für Papier und 5 Prozent für Baumwolle. Viele empfinden die Plastiktüte als praktischer, weil sie Waren auch vor Regen schützt.
  • Verwenden Sie keine Peelings, Duschgels und Zahnpasten, die Kunststoffe (zum Beispiel Polyethylen) enthalten. Der BUND hat dafür einen umfassenden, aktualisierten Einkaufsratgeber zusammengestellt.


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