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Erleichterung, gemischt mit Sorge Mesale Tolu nach Untersuchungshaft auf freiem Fuß

Es dauerte lange, bis die erlösende Nachricht kam: die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu ist aus der U-Haft freigelassen worden. Am Mittag hatte ein Gericht die Freilassung angeordnet, doch erst Stunden später wurde sie wirklich freigelassen.

Von: Joseph Weidl und Barbara Leinfelder

Stand: 19.12.2017

Die deutsche Journalistin Mesale Tolu sitzt am 18.12.2017 nach ihrer Entlassung aus einer Polizeistation in Istanbul (Türkei) in einem Auto. Tolu ist aus der Untersuchungshaft in der Türkei entlassen worden. Am 18.12.2017 konnte Tolu in Begleitung ihrer Familie die Polizeistation, in der sie zunächst festgehalten worden war,
verlassen. (zu dpa «Mesale Tolu aus Untersuchungshaft in Türkei entlassen» vom 18.12.2017) Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Bild: dpa-Bildfunk/Lefteris Pitarakis

Es habe ein Missverständnis gegeben. Nach der Gerichtsentscheidung, Mesale Tolu aus der Untersuchungshaft freizulassen, sei sie der Ausländerpolizei übergeben worden. Die habe sie offenbar abschieben wollen, was aber nicht möglich sei, weil sie das Land ja nicht verlassen dürfe. Dies war eine Auflage des Gerichts. Tolu darf die Türkei nicht verlassen.

Augenzeugen sahen, wie die 33-Jährige in einem Wagen aus dem Gefängnis gebracht wurde. Kontakt zu ihrer Familie war ihr nach Angaben der Nachrichtenagenur dpa bis dahin offenbar nicht möglich. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Martin Erdmann, hatte vor dem Gefängnis auf Tolus Freilassung gewartet. Er bestätigte gegenüber der ARD am Nachmittag, dass Tolu erneut an einem anderen Ort festgehalten werde:

"Wir suchen sie jetzt. Die spielen mit uns ein Versteckspiel."

Martin Erdmann, deutscher Botschafter in der Türkei

Am Abend trat Botschafter Erdmann schließlich vor einer Polizeistation, in der Tolu festgehalten wurde, vor die Presse. Er erklärte, es sei Mesale Tolu gerade erlaubt worden, für zehn Minuten mit ihrem Ehemann zu sprechen. Der Gerichtsbeschluss werde aber umgesetzt:

"Ich persönlich bleibe hier, bis Frau Tolu freigelassen wird. Ich kann weitere Fragen im Moment nicht beantworten. Wir müssen abwarten, aber wir sind dran."

Deutscher Botschafter Martin Erdmann

Dann, gegen 20 Uhr, kam endlich die Nachricht ihrer Freilassung. Unter Applaus von Unterstützern, die vor der Polizeiwache ausgeharrt hatten, konnte sie das Gebäude verlassen und zeigte das Victory-Zeichen, als sie ins Auto stieg, das sie wegbrachte. Sie sei jetzt zusammen mit ihrem Vater, ihrem Ehemann und ihrem kleinen Sohn, bestätigte Tolus Freundeskreis dem BR.

"Müde, aber glücklich"

"Ich bin müde, aber glücklich", sagte Tolu am Montagabend in der Kanzlei ihrer Anwälte in Istanbul. Und weiter: Sie hoffe, dass nun auch "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel freigelassen werde: "Wir sind beide Journalisten, die dem Staat ein Dorn im Auge sind. Ich hoffe, dass auch er so bald wie möglich seine Freiheit genießen kann."

Deniz Yücel gehört zu nun noch acht Deutschen, die in der Türkei aus politischen Gründen in U-Haft sitzen und deren Freilassung die Bundesregierung fordert. Tolu sagte, zwar werfe die Anklage ihr vor, Mitglied einer Terrororganisation zu sein. Der wahre Grund ihrer Inhaftierung sei aber gewesen, "dass ich Mitglied einer freien Presse bin. Sie haben versucht, mich zu ängstigen, weil sie wussten, dass ich einen kleinen Sohn habe." Der inzwischen dreijährige Sohn hatte knapp ein halbes Jahr bei der Mutter im Gefängnis verbracht.

Freude über Ende der U-Haft

Cengiz Dogan, Sprecher des Unterstützerkreises für Mesale Tolu, hatte die Freilassung der Journalistin, die ja auch die Staatsanwaltschaft gefordert hatte, heute in einer ersten Reaktion freudig begrüßt. Dem BR sagte er:

"Wir sind alle erleichtert. Wir haben uns riesig gefreut, mir kommen schon die Tränen."

Cengiz Dogan

Natürlich müsse man jetzt auch nachdenken, mit welchen Auflagen die Freilassung verknüpft sei, so Dogan. Trotzdem überwiege momentan die Freude, nachdem man viele Wochen gekämpft habe. Nach der Entscheidung der türkischen Richter klingelte bei ihm unablässig das Handy. Mit im Gerichtssaal war auch der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff gewesen.

Grünen-Politikerin Roth erleichtert

Auch die schwäbische Bundestagasabgeordnete Claudia Roth äußerte sich zunächst erleichtert über die Entwicklung.

"Ich freue mich von ganzem Herzen für Mesale Tolu und die fünf weiteren Inhaftierten, die heute aus der türkischen Untersuchungshaft entlassen wurden. Nach einer langen persönlichen Tragödie des Bangens und Hoffens in ungewisser Untersuchungshaft ist es für sie ein wichtiger Schritt, sich wieder etwas freier bewegen zu können."

Claudia Roth, B90/Die Grünen

Frei sei sie dabei jedoch leider noch lange nicht, so Roth weiter. Darum warne sie auch vor optimistischen Erwartungen, denn Ablauf und Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens würden einen unabhängigen Rechtstaat vermissen lassen. Mesale Tolu, Deniz Yücel und viele andere würden von Präsident Erdogan als "politisches Faustpfand" festgehalten.

Weiter politischer Druck nötig

Bundesregierung und EU müssten daher weiterhin allen politischen Druck aufrechterhalten, damit die vielen in der Türkei zu Unrecht festgehaltenen Journalisten, Menschenrechtler und Demokraten frei kommen und ein faires rechtsstaatliches Verfahren erhalten könnten, so die Forderung von Claudia Roth.

"Mesale Tolu muss endlich auch nach Deutschland ausreisen dürfen."

Claudia Roth

Auch Neu-Ulms Oberbürgermeister Gerold Noerenberg freute sich, dass Mesale Tolu das Gefängnis verlassen darf. Die Freude sei aber nicht ungetrübt, weil Frau Tolu nicht ausreisen dürfe, so Noerenberg.

Zuletzt war Tolus inhaftierter Ehemann gegen Auflagen entlassen worden. Wie bei ihr lauteten die Vorwürfe "Verbreitung von Terrorpropaganda" und "Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation".

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Freilassung Mesale Tolu begrüßt. Merkel wies aber darauf hin, dass dies noch "keine komplett gute Nachricht" sei, da Tolu nicht ausreisen darf und der Prozess fortgesetzt wird.

Zusammen mit Tolu wurden fünf weitere inhaftierte Angeklagte in dem Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation freigelassen.


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Stan, Mittwoch, 20.Dezember, 22:05 Uhr

8. mir kommt das Thema schon aus den Ohren raus

Gnade.
Bitte Gnade.
Hat der BR keine anderen Themen mehr als immer wieder Tolu?

websaurier, Dienstag, 19.Dezember, 15:59 Uhr

7. Unnötig wie ein Kropf...


...dass ausgerechnet unsere allerbeste Roth hierzu ihren Senf abgeben muss.
Das braucht nun wirklich keiner hier.

Piropo, Dienstag, 19.Dezember, 10:43 Uhr

6. China Nordkorea ...

Jedes Land hat seine eigene Vorstellung, was "Menschenrecht" bedeutet.
Unsere westliche Definition deckt sich eben nicht mit der östlichen. Sehe nicht, dass in D permanent über das "Übel" in China oder Nordkorea berichtet wird.

  • Antwort von Katarakt, Dienstag, 19.Dezember, 11:18 Uhr

    @ Piropo
    << Sehe nicht.....>>
    Dann sind Sie einer von Wenigen !
    Für Ihr Informationsdefizit können Sie nicht andere verantwortlich machen.
    Menschenrecht bedeutet auch das, was es aussagt.
    Aber wie geschrieben, für Ihr Informationsdefizit .....

Ill, Dienstag, 19.Dezember, 09:48 Uhr

5. Gehts noch !!!

Hier geht es um eine junge Mutter, die zu unrecht im Gefängnis sitzt und hier werden braune Parolen geäußert. Wenn unser Staat genauso handeln würde wie die Türkei, dann wären seit ein paar Wochen 13 % im Knast. (hat was der Gedanke ;-) ). Ne mal ehrlich. Meinungsfreiheit ist ein gutes Recht und wir sollten dazu beitragen und helfen dass dieses Recht auf der ganzen Welt möglich ist.´
@ Wie man sich bettet so liegt man. Genau, drum haben es die meisten aus dem rechten Spektrum zu fast nichts gebracht. Würden diese ihren Arsch zur Arbeit bewegen, dann könnten Sie auch vom Wohlstand profitieren und von den Vorteilen unseres Rechtstaates profitieren und wenn es einem Menschen gut geht, fallen Ihm schon mal weniger vulkäre Beschimpfungen ein.

  • Antwort von Senior, Dienstag, 19.Dezember, 10:26 Uhr

    Hallo Ill(krank auf englisch?):
    "...wir sollten dazu beitragen und helfen dass dieses Recht auf der ganzen Welt möglich ist..."

    Na dann fangen wir doch am besten im eigenen Land damit an! Ne mal ehrlich. Ich könnte auch schreiben, daß dank Frau Merkel Millionen von Geknechteten die Chance wahrnehmen konnten, "unser" Recht kennenzulernen, um es in ihre eigenen Länder zurückzutragen. Man merkt, es ist Weihnachten - man darf sich doch was wünschen...

  • Antwort von Ill, Dienstag, 19.Dezember, 15:50 Uhr

    Ich kann meine Aussage nur präzisieren wer mit sich selbst und seinem eigenen tun nicht zufrieden ist, sucht die Schuld bei anderen und kann sich dann nur in vulkärer und in beleidigender Sprach äußern. JEDER IST SEINES GLÜCKES SCHMID und ein glücklicher Mensch gönnt jedem anderen auch Glück und Freiheit.

gschaftlhuber, Dienstag, 19.Dezember, 00:04 Uhr

4. Mesale Tolu - Wieso das Interesse? Wieso ist sie Journalistin?

Ich kann das Interesse nicht nachvollziehen?
Nur weil sie eine Journalistin sei? Es gibt hier zu konträre Aussagen zu ihrem Beruf. Meist wird Übersetzerin genannt.
Ist sie verhaftet worden, weil sie sich journalistisch betätigt hat?

Ich würde es begrüßen, wenn über die anderen auch berichtet wird - in der Breite.
Ich finde es bedenkens- und bemerkenswert, wenn man z.B. in der ZIB2 im ORF über den Fall Garip einen Bericht sieht.
Einen dt. Prof. der seit 2 Jahren nicht ausreisen darf und ständig in der Angst lebt, dass ihm was zustößt.

Freuen sich eigentlich alle in D?
Wohl kaum. Wie fassen Erdogan-Fans in D die Nachricht auf?