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Verfolgte Lehrer Türkische Gewerkschafterin im deutschen Exil

Der 40-jährigen Lehrer-Gewerkschafterin Sakine Yilmaz drohte in der Türkei eine lange Haftstrafe. Im deutschen Exil kämpft sie gemeinsam mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW für ihre Kollegen in der Türkei.

Stand: 06.04.2017

Unidozenten legen in Ankara aus Protest ihre Talare auf die Straße. | Bild: picture-alliance/dpa

Im Sitzungssaal des Gewerkschaftshauses in der Schwanthalerstraße haben sich letzte Woche Dutzende Delegierte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bayern, kurz GEW, versammelt. Sie sind zum Gewerkschaftstag angereist. Neben bildungs- und tarifpolitischen Themen geht es auch um die Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in der Türkei. Über deren Situation berichtet Sakine Yilmaz.

"Bis heute sind in der Türkei mehr als 35 000 Lehrer und Lehrerinnen entlassen worden, auch über 4000 Professoren und Hochschuldozenten. Es wurde nicht im Vorfeld gegen sie ermittelt. Sie haben ihren Namen nur in der Zeitung auf einer Liste der Leute, die entlassen werden, gelesen."

Generalsekretärin der türkischen laizistischen Bildungsgewerkschaft Egitim Sen

 Dagegen gebe es aber auch Widerstand,berichtet Sakine Yılmaz. Lehrer und Professoren gehen auf die Straße und protestieren gegen ihre Entlassung.

"Sie gründen Akademien auf öffentlichen Plätzen und halten Vorlesungen auf der Straße. Sie wollen sich dem Druck der Regierung nicht beugen. Die Bevölkerung zeigt große Solidarität. Diese Solidarität hilft den Hochschuldozenten immer neue Widerstandsideen zu entwickeln und umzusetzen."

Sakine Yilmaz

Sakine Yılmaz mit Ihrem Übersetzer Süleyman Ateş beim Gewerkschaftstag

Das will auch Sakine Yilmaz nicht. Mehr als zehn Jahre hat die 40-jährige alevitische Kurdin Schüler in Adiyaman und Izmir in der türkischen Sprache unterrichtet. Nebenher engagierte sie sich in der Bildungsgewerkschaft Egitim Sen, mit der die deutsche Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit Jahren eng kooperiert. Vor drei Jahren wurde sie zur Generalsekretärin der Lehrer-Gewerkschaft Egitim Sen, mit 120 000 Mitgliedern, gewählt. Sie setzte sich für mehr Bildung für Mädchen ein und kämpfte gegen die zunehmende Islamisierung des Unterrichts.

"Es findet zwar normaler Unterricht statt, aber es werden immer mehr religiös-islamische Themen in den Lehrplan aufgenommen. Es gibt zum Beispiel jetzt neben dem normalen Religionsunterricht sogenannte Wahlfächer wie 'Koranlehre' oder 'Das Leben des Propheten Mohammed'. Darüber hinaus werden immer mehr qualitativ gute Schulen in religiös geprägte Imam Hatip-Schulen umgewandelt. Der Besuch dieser Schulen wird vom Staat unterstützt."

Sakine Yilmaz

Diese Zustände öffentlich anzuprangern sei nach dem Putschversuch vergangenen Juli unmöglich geworden, sagt Sakine Yilmaz. Die politische Gewerkschaftsarbeit sei nahezu komplett zum Erliegen gekommen. Denn keiner ihrer Kollegen habe gewusst ob, wann und wohin er demnächst versetzt werde oder ob gar eine Verhaftung drohe, erzählt Sakine Yilmaz. Sie selbst saß 2009 sechs Monate im Gefängnis, weil sie muttersprachlichen Unterricht für die kurdische Bevölkerung gefordert hatte. Gegen Yilmaz laufen in der Türkei vier Gerichtsverfahren, außerdem wird ihr vorgeworfen Mitglied einer terroristischen Organisation zu sein. Bevor diese Urteile auch rechtskräftig wurden, ist es ihr gelungen, nach Deutschland zu fliehen.

Verfolgung Oppositioneller setzt sich auch im Ausland fort

Sakine Yılmaz und Anton Salzbrunn

Heute lebt Sakine Yilmaz in Köln. Sie hat einen Antrag auf politisches Asyl gestellt. Ihre erste Anhörung sei gut verlaufen, sagt die 40-Jährige. Sie hofft dass ihrem Asylantrag stattgegeben wird und sie später vielleicht auch hier als Lehrerin arbeiten kann. Deshalb lernt sie zur Zeit fleißig Deutsch. Ob sie allerdings hier sicher ist, bezweifelt Anton Salzbrunn, Landesvorsitzender der GEW Bayern. Der Gewerkschaft lägen Berichte vor, dass sich die Verfolgung Oppositioneller auch im Ausland fortsetze, sagt Anton Salzbrunn. Sorgen mache er sich auch um türkischstämmige Kollegen und Schüler- vor allem jetzt vor dem Referendum.

"Wir haben in Nordrhein-Westfalen mitbekommen, dass Druck auf die türkischen Lehrerinnen und Lehrer ausgeübt wird, entsprechend zu agieren um pro Referendum aufzutreten. Dieser Druck findet selbst statt bei den Schülern, sie trauen sich nichts mehr zu sagen oder sie gehen dem völlig aus dem Weg."

Anton Salzbrunn

Halis Yildirim

Mit wachsendem Unbehagen beobachtet man als Gewerkschaft auch den muttersprachlichen Unterricht der von den türkischen Konsulaten organisiert wird und keinerlei staatlicher Schulaufsicht unterliegt. Das Misstrauen wächst, sagt Halis Yildirim, der sich zusammen mit der GEW für Lehrer und Professoren in der Türkei einsetzt.

Noch vor dem Referendum am 16. April soll der Aufruf an die Regierung in Ankara übermittelt werden. Sakine Yilmaz freut sich über die Unterstützung aus Deutschland.

"Sie geben diesen Menschen, die so stark unter Druck gesetzt oder entlassen wurden, neuen Mut, sich nicht zu beugen und weiterhin Widerstand zu leisten. Diese Unterstützung hat eine ganz wichtige Funktion."

Sakine Yilmaz


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