B5 aktuell - Das interkulturelle Magazin


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Hotspot Nordost Tallinns junge Musikszene

In den Tagen der Krim-Krise bangen nicht wenige Esten aufs Neue um die lang ersehnte Freiheit des jungen EU-Landes, das zwischen Finnland, Lettland und eben auch Putins Russland liegt. Das hält regionale wie internationale junge Künstler und Bands nicht davon ab, vom 27. bis in die Nacht zum 30. März in Estlands Hauptstadt aufzuspielen: bei der Tallinn Music Week.

Von: Michael Olmer

Stand: 21.03.2014

Musik Tallinn | Bild: Tallinn Musik Week

Seit 2009 gibt es das Festival, das vor allem auch junge Künstler aus der Region fördert. Sie haben nun die Chance, sich internationalen Branchenkennern vorzustellen: Vorbei die Zeiten, als die heute in den USA lebende, aus einem kleinen Dorf in Estland kommende Kerli ("Walking On Air") erst einmal via Schweden in die USA auswanderte, um in der analogen Welt ihr Können auch jenseits des Baltikums zu beweisen.

Die Tallinn Music Week spiegelt eine allgemein kreative Stimmung in Estlands Hauptstadt wieder, die weit über das Event hinausreicht – ausgelöst durch eine auffallende Dichte kreativer junger Bands angesichts eines Landes mit 1,3 Millionen Einwohnern.

Enorme Soundlyrik, einzigartiger Drive

Iiris & Band beim Release-Konzert ihrer "Magic Gift Box" 2012 in Tallinns "Rock Cafe" © Ruth Sotnik / Tallinn Music Week

Die estnische Sängerin Iiris Vesik - mit Künstlernamen: Iiris - ist eine von diesen, die dieser Stimmung ihren Klang verpassten. So etwa in ihrem Song "Weirdo" - das ist eigentlich der englische Name für den etwas schrägen Vogel, den merkwürdigen Sonderling. Für Iiris, so scheint es, ist dieser „Weirdo“ aber nichts als der Spiegel, durch den sie wie im gleichnamigen Song in ihre eigene, enorm dichte Soundlyrik blickt – rockig wie flüsternd, hüpfend und funkig, gewaltig, bebend. Das Multitalent aus Tallinn beherrscht alle Stimmungen. Stille Balladen performt die 22-Jährige einsam am Klavier, in schnellen Songs jongliert sie zwischen hohen Intervallen und virtuos wechselnden Beats mit kraftvollen, oft hiphop-artigen Bewegungen. Iiris und ihre Band verzichten auf pseudo-ironische Gesten und erzeugen einen Drive, der nicht nur unheimlich clever, sondern auch auffallend frisch daherkommt.

"Ich genieße wirklich den Moment, wenn alles spontan ist. Unsere Band ist ein tolles Team, wir verstehen uns sehr gut und ja, live funktioniert es sogar besser, wenn wir als ein Ganzes auftreten, nicht nur ich mit einer Begleitband. Die Bandkollegen unterstützen mich sehr: Wir gehen auf die Bühne und fühlen uns da oben einfach wohl."

Iiris

Iiris sang bereits als Kind in verschiedenen Chören, lernte Klavier und klassische Flöte. Mit 16 begann sie, ihre ersten Stücke zu schreiben. Gemeinsam mit dem experimentierfreudigen Soundproduzenten und Gitarristen Ago SETH Teppand entstanden die Ideen für Iiris' Debüt-Album, die "Magic Gift Box" (2012). Zuletzt erschien ihre EP "Chinaberry Girl", deren Songs sie weitgehend selbst arrangierte.

Iiris ist im Jahr der Unabhängigkeit Estlands geboren, das war 1991. In der Euphorie der Wendejahre hielt eine erste Welle von Bands im postsowjetischen Estland nach Westen Ausschau, sie fanden aber keine nachhaltigen Strukturen für einen Durchbruch vor. Der EU-Beitritt vor zehn Jahren, die rasante Entwicklung des Highspeed-Internets und die Tallinn Music Week, das Showcase Festival im eigenen Land, bereiteten den Rahmen für Künstler, die heute durch eine derartige Lust am Experiment auffallen.

Epische Bässe: "Enter Projector"

Gig zum Album "Enter Projector" © Vitamiin Loft Records

Andres Lõo ist einer der Querdenker in Estlands Popkultur. Die Lage Estlands am nordöstlichen Rand der EU mit dem großen Nachbarn Russland, der in diesen Tagen bei vielen Esten alte wie neue Ängste weckt, ist für ihn auch mit Vorteilen verbunden. Zum Produzieren reist er gerne in den Westen, die letzte längere Station war New York, doch auf Distanz zu den großen Musikindustrien fühlt er sich am wohlsten, erzählt der Sänger und Komponist.

"Es ist ein Luxus, Zeit in der Abgeschiedenheit zu verbringen und um sich Ruhe zu haben. Aber das erfordert Achtsamkeit, nicht nur sich selbst gegenüber, auch Achtsamkeit all dem gegenüber, was sonst in der Welt geboten wird. Im Zeitalter des Internets ist das ja sehr einfach geworden, das ist wirklich gut."

Andres Lõo

Das Duo von "Faun Racket": Andres Lõo (links) und Talis Paide © Vitamiin Loft Records

Für sein neues Album „Enter Projector“ fand sich Andres Lõo mit dem Multiinstrumentalisten Talis Paide zusammen. Das Duo, das als "Faun Racket" unterwegs ist, liefert eine epische Collage aus atmosphärischem Bass, natürlichen Vocals mit adaptierter wie eigener Großsadtlyrik, die sich von der Musik der 70er und 80er Jahre inspirieren lässt - um eigene Wege zu gehen. Dazu tragen Andres Lõos charismatische Stimme bei und ebenso sehr der Umstand, dass Lõo auch als Filmkomponist arbeitet. In seiner Musik wimmelt es von cineasitischen Einflüssen, die nicht nur jene Melodramatik beimischen, mit welcher das Duo sich selbst gerne charakterisiert, sondern dies eben durch zusätzliche humoristische Elemente tun. "Enter Projector" war für das beste elektronische Album bei den Estonian Music Awards nominiert.

Andres Lõo insistiert, dass Popkultur heute mehr sein muss als bloße Rebellion gegen Früheres und mehr, als sich im postmodernen Ende aller Genres einzurichten. Er redet nicht nur vom Anspruch an sich selbst, wenn er sagt:

"Für mich ist es kein rebellischer Akt mehr, einfach Dinge zu negieren und zu meinen: da funktioniert etwas nicht. Ich denke, dass Rebellion heute bedeutet, etwas Smartes in der Hand zu haben, das auch einen Ausweg aus einem Problem anbietet, ganz gleich welches."

Andres Lõo

Ewert and The Two Dragons

In Wahrheit sind die Jungs zu viert: die Band Ewert and The Two Dragons © Kalle Veesaar

Was es heute heißen kann, smart zu sein, hat auch die estnische Band Ewert and The Two Dragons bewiesen. Die häufige Bezeichnung "Indie Rock" greift viel zu kurz für diese Gruppe, die etwa auch schon mit dem Begriff "Hyper Folk" assoziiert wurde. Die Reihe könnte man endlos fortsetzen, ohne Ergebnis: Ewert Sundja, der Urheber des Bandnamens, hört sich in der Flut der heute verfügbaren Musik auch gerne mal einen Frank Sinatra an, wenn er nach neuen Anstößen sucht. Die Ewerts, die wie Iiris allesamt einen klassisch-musikalischen Hintergrund mitbringen, sind auch nach ihren ersten Megaerfolgen in den baltischen Ländern, ihrer US-Tour, einer Verleihung des European Border Breakers Awards beim Eurosonic Festival im vergangenen Jahr und einem Plattenvertrag mit BMG Deutschland ganz bescheidene Typen geblieben.

Demnächst soll das neue Album der Band erscheinen. Ewert and The Two Dragons haben den utopischen Kern der Anfänge der Popkultur durch die Hintertür seines Endes aufgefangen - mit einer einzigen Songzeile aus ihrem zweiten Album "Good Man Down" (2011). Sie steht für die ganze Frische, die aus Tallinns junger Musikszene weht: (In the end) there's only love.


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