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Schutz und Unterstützung Flüchtlingsunterkunft für Frauen und Kinder

Auf der Flucht sind besonders Frauen Gefahren ausgesetzt. Nicht nur Bomben oder seeuntaugliche Boote bedrohen ihr Leben, sondern auch die Männer. Und in den Flüchtlingsunterkünften in Deutschland sind sie nicht immer in Sicherheit. Jetzt wurde die erste Flüchtlingsunterkunft für Frauen in Bayern offiziell eröffnet: Ein ehemaliges Heizkraftwerk im Münchner Stadtteil Ramersdorf.

Stand: 30.06.2016

Geflohene Mutter von hinten mit ihrem Kind | Bild: picture-alliance/dpa

Am Eingang des grauen dreistöckigen Hauses steht das Wachpersonal. Zutritt haben nur Berechtigte, denn fast alle Frauen, die hier seit ein paar Monaten wohnen, sind traumatisiert und brauchen ihre Ruhe. Auch vor neugierigen Journalisten. Deshalb können wir uns die Inneneinrichtung nur beschreiben lassen. Luxuriös scheint sie nicht zu sein.

"Unter dem Dach sind die Alleinreisenden in einem Schlafsaal untergebracht. Der ist in zwei Bereiche mit je neun Schlafplätzen unterteilt. Im zweiten Stock gibt es ein Vierbettzimmer und ein Sechsbettzimmer für Frauen mit älteren Kindern. Und einen Schlafsaal für die Schwangeren, bzw. jetzt jungen Mütter."

Sofia Berthue, Einrichtungsleiterin.

Bürgermeisterin Christine Strobl, Katrin Bahr und Einrichtungsleiterin Sophia Berthuet von Condrobs.

Immerhin sind die Betten der Schwangeren, bzw. jungen Mütter - inzwischen haben alle Mütter entbunden - durch Trennwende abgeteilt, damit ein wenig Privatsphäre entsteht. Außerdem gibt es in der Flüchtlingsunterkunft noch ein sogenanntes Krisenzimmer mit zwei Schlafplätzen, das vorsorglich frei bleibt. Hat eine Mutter entbunden, darf sie in den ersten zwei Wochen hier bleiben, um zur Ruhe zu kommen. Ansonsten dient das Zimmer als Quarantäneraum, für den Fall, dass es eine ansteckende Krankheit gibt. Oder als Schlichtungsraum im Streitfall. Das kommt öfter vor.

30 Frauen aus sechs Nationen

30 Frauen und 23 Kinder aus Nigeria, Eritrea, Somalia, Syrien, Irak und Afghanistan sind in der Einrichtung untergebracht. So unterschiedlich ihre Nationalitäten und Fluchtgeschichten auch sind - eines haben die Frauen gemeinsam: Alle haben Männergewalt erfahren.
Die Frauenunterkunft in Ramersdorf ist ein Kooperationsprojekt des Verein Condrobs, der Münchner Frauenhilfe und Pro Familia zusammen mit der Stadt München, die den Betrieb mit 33.000 Euro monatlich bezuschusst. Münchens dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) musste auf politischer Ebene viel Überzeugungsarbeit für das Projekt leisten.

"Natürlich ist es nicht jedem sofort einsichtig zu sagen: Warum brauchen Frauen oder Familien mit Kindern geschützte Bereiche?"

Christine Strobl, dritte Bürgermeisterin von München.

Eine Erklärung, warum geflüchtete Frauen besonderen Schutz brauchen, liefert Maria von Welser, die Schirmherrin des Projekts:

"Frauen, die aus Afrika fliehen, gehen über die sudanesisch-libanesische Wüste. Nach acht bis zehn Tagen landen sie in Libyen. Sie müssen meistens mit ihrem Körper bezahlen, sie werden vergewaltigt, sie werden geschlagen. Laut Vereinten Nationen ist das weltweit der gefährlichste Fluchtpunkt für Frauen. Sie kommen schwersttraumatisiert hier an."

Maria von Welser, Schirmherrin.

Maria von Welser reist in die Krisenregionen dieser Welt und recherchiert vor Ort über das Schicksal geflüchteter Frauen: Sowohl auf den Flüchtlingsrouten als auch in den Auffanglagern im Libanon, in der Türkei und in Griechenland. Doch auch wenn sie es nach Deutschland schaffen, drohen alleinstehenden Frauen Gefahren. Ohne den Schutz der Familie sind sie in den Gemeinschaftsunterkünften oft gewalttätigen Männern ausgeliefert.

"Bei einem Verhältnis von 75 Prozent geflüchteter Männer zu 25 Prozent geflüchteter Frauen fühlen sich die Männer in der Überzahl, die Frauen in unterdrückten Rolle. Dann kommt es leicht zu Übergriffen, wenn man Toiletten und Duschen teilen muss. Deshalb muss man sie trennen, um Frauen Schutz zu geben."

Maria von Welser, Schirmherrin.

Das ist jedoch gar nicht so leicht. Denn aufgrund der Residenzpflicht dürften Frauen ihre Unterkunft nicht ohne Erlaubnis der Behörde verlassen. Bereits die Flucht ins Frauenhaus kann eine Ordnungswidrigkeit darstellen. Kein Wunder also, dass Bayerns erste und bislang einzige Flüchtlingsunterkunft für Frauen bereits jetzt voll ist.

Buchtipp

Maria von Welser:
Kein Schutz - nirgends. Frauen auf der Flucht.

Verlag Ludwig,
17,99 Euro.


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