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"Neues Judentum - altes Erinnern?" Gedenken neu denken

Was bedeutet das Judentum und die Shoa der jungen jüdischen Generation, wie prallen unterschiedliche Erinnerungskulturen aufeinander? Eine Reflektion jüdischer Intellektueller und etablierter Wissenschaftlern und Historiker.

Stand: 13.07.2017

Buchcover: Dimitri Belkin, Lara Hensch, Eva Lezzi - Neues Judentum - altes Erinnern? | Bild: Verlag Heinrich & Hentrich, Montage BR

"Immer wieder fragen mich Leute, was denn eigentlich mein Problem ist: Warum redet ihr immer noch über diese Dinge? Sind wir nicht gut zu den Juden? Ich glaube, was diese Leute eigentlich sagen wollen, ist, dass wir endlich mitspielen sollen bei diesem Spiel, welches da heißt: Alles ist wieder normal! Die Frage nach der Normalität ist seit meiner Kindheit auf der Jüdischen Oberschule Berlin fortwährend an mich herangetragen worden. Sie steht hinter den Interviews, in denen man uns damals fragte, ob wir uns wohl fühlten in diesem Land."

Max Czollek, Lyriker und Mitherausgeber des Magazins 'Jalta - Positionen zur jüdischen Gegenwart'

"Was passiert mit der Erinnerung?"

Max Czollek

Max Czolleks Essay "Gedächtnistheater und  neue Juden" ist einer der vielfältigen Beiträge des Sammelbands "Neues Judentum - altes Erinnern?". Zum Großteil sind es Reflexionen der jungen jüdischen Generation – was bedeuten uns Erinnern und Gedenken? Die Autoren sind oder waren Stipendiaten des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerkes, das begabte jüdische Studierende und Promovierende nicht nur materiell, sondern auch ideell fördert. Der Historiker Dimitri Belkin ist Kurator des Studienwerkes und Mitherausgeber des Sammelbandes.

"Es gibt zwei Prämissen bei diesem Buch: Es gibt eine neue jüdische Gemeinschaft in diesem Land. Und es gibt ein neues Land heute - Deutschland  bleibt Deutschland, aber es entstand so etwas wie die Einwanderungsgesellschaft. Und diese Einwanderungsgesellschaft hat verschiedene Geschichten mitgeberacht. Und wenn diese Geschichten so unterschiedlich sind, dann stellt sich die Frage: Wie wollen wir diese Geschichten als Teil des Diskurses in diesem Land präsentieren und was passiert mit der Erinnerung?"

Dimitri Belkin

Dimitri Belkin

Die Auswanderung von fast einer viertel Million Juden aus den postsowjetschen Ländern nach Deutschland 1990 bis 2005,  hat die jüdischen Gemeinden hierzulande völlig verändert. Heute bestehen sie zu 95 Prozent aus den sogenannten "russischen" Juden. Sie sind zum Großteil weltlich orientiert und verstehen ihr Judentum oft als Lebensentwurf, nicht als Religion. Es prallten nicht nur Weltansichten, sondern auch Gedenkkulturen aufeinander, so Belkin.

"Die Sowjetunion empfand sich eindeutig als großer Sieger im zweiten Krieg, an diesen zwei Weltkriegen nahmen hundertetausende von Jüdinnen und Juden aktiv teil. In der Sowjetunion gab es diese Erinnerungskultur an den Holocaust nicht. Denn die These war- das ganze Volk hat gesiegt, lass uns hier keine einzelne Gruppen herauspicken. So dass viele Juden, besonders ältere, in dieses Land gekommen sind mit einem paradoxen Gefühl: wir sind Sieger und das ist paradox für die Deutschen- denn es gibt hier kaum Juden, die als Sieger durch die Straßen marschieren. Denn Juden sind hier eindeutig mit dem Opferstatus identifiziert. Plötzlich kommen diese 'Russen' und bringen etwas anderes mit. Es gab ganz große Kollisionen in den 1990er Jahren, was unser Buch exklusiv zur Sprache bringt."

Dimitri Belkin

"Was passiert, wenn keine Zeitzeugen mehr da sind?"

Manche Enkelkinder dieser Kriegsveteranen gehören heute zu der jüdischen intellektuellen Elite Deutschlands, sagt Dimitri Belkin. In ihren Texten versuchen sie dem offiziellen Gedenkdiskurs ihre eigene, persönliche Erfahrungen und ihr Nachsinnen über die Familiengeschichte entgegenzustellen. "Neues Judentum- altes Erinnern?" ist eine sehr vielfältige und dicht geschriebene Essaysammlung und man stellt dabei fest, Gedenken, Erinnern kann, muss sich aber nicht immer um den Holocaust drehen. Im Text "Irgendwo dazwischen" erzählt die Filmregisseurin Elena Eremeewa, wie sie einen Film über Flüchtlinge dreht, ausgerechnet an der Schule, an der sie vor 20 Jahren als 12-jähriges Mädchen aus Kiew landete, ohne ein Wort Deutsch zu können.

Die Migrationsforscherin Alissa Maxman vergleicht die Erinnerungskulturen in Russland und in Deutschland und sucht nach Antworten auf die Frage  - was passiert, wenn keine Zeitzeugen mehr da sind?

"Wie gehen wir, die junge jüdische Generation mit der Verantwortung um, einen großen Teil der Zukunftsgestaltung mitzutragen? Reicht es aus, dass immer neue Denkmäler und Mahnmale eröffnet werden? Sind wir aufmerksam genug, was die Gestaltung des Geschichtsunterrichts angeht? Wir gehen wir mit der Tatsache um, dass der Wissen- und Forschungsstand über den Holocaust sich so enorm voneinander unterscheidet – und je östlicher man sich auf der Weltkarte befindet, desto entfremdeter und distanzierter begegnet man diesem Thema."

Alissa Maxman

"Eine neue Sprache für die Erinnerung, für ein Thema, was traditionell scheint, zu finden, diese neue Sprache irgendwiezu reflektieren, mit dieser neuen Sprache die Öffentlichkeit zu betreten - das war unser Ziel. Das Thema muss Gegenstand der Reflektion, nicht der erstarrten Reden sein. Wir wollen jetzt eine Reflexion, wir wollen mit dieser Reflexion die Gesellschaft erreichen."

Dimitr Belkin


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